Fahnenstreit sorgt für sechste Krawallnacht in Belfast

Mittwoch, 9. Januar 2013, 12:58 Uhr
 

Belfast (Reuters) - Die nordirische Hauptstadt Belfast kommt im Flaggenstreit nicht zur Ruhe: In der sechsten Krawallnacht in Folge griffen pro-britische Demonstranten am Dienstagabend die Polizei mit Brandsätzen und Feuerwerkskörpern an.

Anders als in der Nacht zuvor mussten die Sicherheitskräfte diesmal aber keine Wasserwerfer und Gummimantelgeschosse gegen die Randalierer einsetzen. Die Krawalle schadeten jedoch dennoch bereits der Wirtschaft und den Tourismus. "Es gibt Investoren, die wegen dieser Störungen das Interesse an Nordirland verloren haben", erklärte der Verband der Britischen Industrie.

Auslöser der seit Wochen anhaltenden Proteste war Anfang Dezember die Entscheidung des Stadtrats, die seit einem Jahrhundert über dem Rathaus wehende britische Flagge nur noch zu bestimmten Anlässen an 17 Tagen im Jahr zu hissen. Pro-britische Loyalisten sehen in dem Beschluss des von pro-irischen Politikern dominierten Rats den Weg bereitet für eine weitere Loslösung der Provinz von London.

Bei den Krawallen wurden bislang 106 Menschen festgenommen. Es wird befürchtet, dass der 1998 nach 30 Jahren beendete Konflikt zwischen militanten pro-britischen und pro-irischen Nationalisten wieder aufflammen könnte. Erstmals seit Beginn der Unruhen soll die britische Flagge zu Ehren des Geburtstags von Prinz Williams Ehefrau Kate an diesem Mittwoch wieder über dem Rathaus wehen.

Nordirlands Polizeichef Matt Baggott warnte am Montag, dass anhaltende Unruhen die Fähigkeit der Polizei beschneiden könnten, die Bedrohung durch anti-britische katholische Aufrührer abzuwehren. Militante irische Nationalisten haben seit dem Wiederanstieg der Spannungen 2009 schon drei Polizisten und zwei Soldaten getötet. Auf die Flaggenproteste haben sie bisher allerdings noch nicht reagiert. Baggott drängte die Politik, sich gegen die Krawalle zu stellen. Unionistische Politiker haben für Donnerstag ein Treffen angekündigt, um über das Problem zu beraten.

Der Sicherheitsexperte Peter Neumann vom Londoner King's College erklärte, vor allem junge Leute ohne die Erfahrung des nordirischen Bürgerkriegs beteiligten sich an den aktuellen Unruhen. "Nicht nur wegen der sozio-ökonomischen Situation und weil sie nichts zu tun haben, sondern eben auch, weil ihnen die aktive Erinnerung daran fehlt, wie schlimm dieser Konflikt war", sagte er am Mittwoch dem Deutschlandfunk. Der Konflikt sei 1998 mit dem Karfreitagsabkommen zu Ende gegangen, die jungen Leute bei den derzeitigen Krawallen seien aber gerade mal 16 oder 17 Jahre alt. "Das heißt, das sind keine Menschen mehr, die noch wissen, die noch persönlich den Schmerz dieses Konfliktes erfahren haben, denen die aktive Erinnerung fehlt und die möglicherweise deswegen kein Problem damit haben, im Prinzip wieder vor vorne anzufangen".

Auf den Straßen Belfasts wollen die meisten Menschen allerdings kein neues Blutvergießen sehen. Etwa 3600 Menschen wurden in den drei Jahrzehnten des nordirischen Bürgerkriegs getötet. "Ich bin als Protestantin eigentlich Loyalistin, ich halte meine britischen Werte hoch und finde ehrlich gesagt auch nicht, dass die Flagge entfernt werden sollte", sagte Marianne McDonald, die im Osten Belfasts lebt. "Aber Gewalt und Brandsätze gegen die Polizei bringen uns nicht weiter". Es werde zwar immer einige geben, die ihre Position mit Gewalt durchsetzen wollten, doch die Zeiten hätten sich geändert.

Unterdessen kippt die Bevölkerungsstruktur zugunsten der pro-irischen Katholiken: Eine Volkszählung ergab, dass inzwischen die Mehrheit der Bewohner Belfasts der katholischen Konfession angehört. Auch in ganz Nordirland stellen die Protestanten erstmals seit der Unabhängigkeitserklärung Irlands die Minderheit. Dies dürfte sich binnen einer Generation auch in der Wählerschaft niederschlagen. Die Katholiken sind im Durchschnitt jünger und bekommen mehr Kinder.