Schiiten in Pakistan rufen Militär zu Hilfe

Freitag, 11. Januar 2013, 12:28 Uhr
 

Quetta (Reuters) - In Pakistan schlagen Menschenrechtler und Schiiten wegen immer schärferer Angriffen auf die Bevölkerungsminderheit Alarm.

Nach einem der schwersten religiös motivierten Übergriffe in der Geschichte des Landes riefen Schiiten-Führer am Freitag die Armee zu Hilfe: Das Militär müsse zum Schutz der Minderheit die Kontrolle der Provinzhauptstadt Quetta übernehmen, forderten sie. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warnte, die Gewalt gegen die Muslime schiitischen Glaubens nehme stark zu. Nach 400 Toten allein im vergangenen Jahr deuteten die Anschläge vom Donnerstag darauf hin, dass sich die Lage weiter zuspitze. Einige Schiiten-Kommunen würden praktisch belagert.

In der Provinzhauptstadt Quetta waren am Donnerstag bei einem Doppelanschlag 82 Menschen ums Leben gekommen. Deren Leichen würden nicht beerdigt, bis die Forderungen der Schiiten nach einem Militäreinsatz erfüllt seien, sagte Maulana Amin Shaheedi, Chef einer Dachorganisation schiitischer Organisationen und Geistlicher. Eigentlich sollten die Opfer nach den Freitagsgebeten beigesetzt werden. Doch nun sollen sie in der Moschee bleiben, bis den Schiiten Schutz zugesichert werde. Für die an Afghanistan grenzende Provinz Baluchistan ist das paramilitärische Grenzcorps zuständig. Doch die Schiiten werfen der Gruppe vor, sie nicht vor Übergriffen sunnitischer Extremisten beschützen zu können oder zu wollen.

Die verbotene Sunniten-Gruppe Lashkar-e-Jangvi (LeJ) bekannte sich zu den koordinierten Anschlägen in einem überwiegend von Schiiten bewohnten Stadtvierteln Quettas. Dort wurde der erste Sprengsatz von einem Selbstmordattentäter in einer Billardhalle gezündet. Zehn Minuten später detonierte eine Autobombe. Zuvor waren bei einer Explosion auf dem belebten Markt der Stadt schon elf Menschen getötet worden. Hierzu bekannte sich die United Baloch Army, die für die Unabhängigkeit Baluchistans kämpft. Die arme, aber rohstoffreiche Provinz nimmt fast die Hälfte Pakistans ein, jedoch wohnen dort nur acht Millionen der 180 Millionen Bürger.

In Pakistan wie auch weltweit sind die meisten Muslime Sunniten. Etwa 20 Prozent der Pakistaner gehören der schiitischen Glaubensrichtung an. Ihre Lage hatte sich bereits 2012 verschärft, wie Human Rights Watch betonte. "Das vergangene Jahr war für die Schiiten mit so viel Gewalt verbunden wie noch nie zuvor", sagte Ali Dayan Hasan von der Menschenrechtsorganisation. Die Verfolgung der Minderheit gehe soweit, dass sich deren Mitglieder mancherorts kaum noch aus ihren Wohngebieten heraustrauten. "Sein Ghetto zu verlassen bedeutet, sein Leben zu riskieren."

 
People attend funeral prayers for a victim who was killed by a bomb blast, in Mangora, Swat valley January 11, 2013. REUTERS/Hazrat Ali Bacha (PAKISTAN - Tags: POLITICS CIVIL UNREST OBITUARY)