Zahlreiche Tote bei Geiseldrama in Algerien

Freitag, 18. Januar 2013, 07:33 Uhr
 

Algier (Reuters) - Bei einem Befreiungsversuch der algerischen Armee sind in der Sahara Sicherheitskreisen zufolge 30 Geiseln getötet worden, darunter mindestens sieben Ausländer.

Außerdem seien wenigstens elf Islamisten umgekommen, sagte ein Vertreter aus dem algerischen Sicherheitsapparat am Donnerstag. Der Armeeeinsatz gegen die Geiselnehmer, die ein Ende der französischen Militärintervention im benachbarten Mali fordern, zog sich über Stunden hin. Was genau in der von den Islamisten besetzten Erdgasanlage in einem entlegenen Wüstengebiet passiert, war allerdings auch in der Nacht zum Freitag noch nicht klar. Großbritanniens Premierminister David Cameron verschob nach Angaben eines Sprechers wegen der Krise seine für Freitag geplante Rede zur Rolle seines Landes in der Europäischen Union.

Frankreich trieb ungeachtet des Dramas seinen vor gut einer Woche begonnenen Einsatz in Mali voran. Französische Soldaten umzingelten den strategisch wichtigen Ort Diabaly, den Al-Kaida nahe stehende Extremisten drei Tage zuvor eingenommen hatten. Auf dem Flughafen von Bamako traf am späten Nachmittag das erste, etwa 100 Soldaten starke westafrikanische Truppenkontingent ein, gestellt von Togo. Die USA sagten Unterstützung mit Flugzeugen beim Truppen- und Nachschubtransport zu. Es wird befürchtet, das Mali zur Hochburg radikaler Muslime wird, die von dort internationale Anschläge koordinieren. Frankreichs Präsident Francois Hollande sagte, er sehe sein Vorgehen in dem westafrikanischen Land gerade durch die Geiselkrise in Algerien bestätigt.

"BATAILLON DES BLUTES"

Die Islamisten, die sich "Bataillon des Blutes" nennen, hatten die von dem britischen Energieriesen BP gemeinsam mit dem norwegischen Ölkonzern Statoil und dem algerischen Staatsunternehmen Sonatrach betriebene Erdgasanlage in Algerien am Mittwochmorgen gestürmt und nach eigenen Angaben 41 Ausländer und offenbar Hunderte Algerier in ihre Gewalt gebracht. Hinter der Geiselnahme steht nach algerischen Angaben Mochtar Belmochtar, ein islamistischer Untergrundkämpfer, der schon gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan kämpfte. Er soll kürzlich eine eigene Gruppe in der Sahara gebildet habe, nachdem er sich mit anderen lokalen Anführern der Al-Kaida überworfen hatte.

Von den bei dem Befreiungsversuch der Armee getöteten Geiseln habe man bislang die Nationalität von 15 Menschen ermitteln können, sagte ein Vertreter aus dem algerischen Sicherheitsapparat. Acht davon seien Algerier, sieben seien Ausländer, darunter zwei Briten, zwei Japaner und ein Franzose. Zu den getöteten Islamisten zählten neben zwei Algeriern, von denen einer der in der Region bekannte Extremisten-Kommandeur Tahar Ben Cheneb gewesen sei, drei Ägypter, zwei Tunesier, zwei Libyer, ein Malier und ein französischer Staatsbürger. Rund 600 algerische Arbeiter der Förderanlage konnten von dort einer Meldung der staatlichen algerischen Agentur APS zufolge fliehen.

Der Einsatz der algerischen Armee war international offenbar nicht im Detail abgesprochen. Staatliche Medien zitierten Algeriens Kommunikationsminister Mohammed Said mit den Worten, die algerischen Truppen seien angesichts gescheiterter Gespräche mit den Geiselnehmern gezwungen gewesen zu handeln. Nach Angaben der mauretanischen Nachrichtenagentur ANI, die in engem Kontakt mit den Geiselnehmern stand, setzte die Armee dabei Hubschrauber und offenbar auch Bodentruppen ein.

Wie unübersichtlich die Lage lange Zeit war, belegten Äußerungen westlicher Politiker. So räumte Hollande am Abend zwischenzeitlich ein, dass er die dramatischen Ereignisse noch nicht genau bewerten könne, da ihm noch nicht genug Informationen vorlägen. "Was in Algerien passiert, lieferte einen weiteren Beweis dafür, dass meine Entscheidung, in Mali einzugreifen, gerechtfertigt war", fügte er allerdings hinzu. Frankreichs Botschafter in Mali, Christian Rouyer, äußerte sich ähnlich: "Wir haben hier den unmittelbaren Beweis, dass das Problem weit über den Norden Malis hinausgeht", sagte er im Rundfunk. Die Dimension des Problems sei national und international.

Sicherheitsexperten vermuten allerdings, dass die Erstürmung des Erdgaskomplexes womöglich schon weit vor dem Beginn des französischen Einsatzes in Mali vor gut einer Woche geplant wurde. Allerdings könnte das französische Vorgehen ihrer Auffassung nach so etwas wie den Startschuss für die Erstürmung der Anlage in Algerien zu diesem Zeitpunkt gegeben haben.