Behörde: GAU in Frankreichs AKW würde 100.000 Menschen treffen

Donnerstag, 7. Februar 2013, 17:42 Uhr
 

Saint-Paul-Les Durances (Reuters) - Eine französische Atomkatastrophe wie in Fukushima würde rund 100.000 Menschen zur Flucht zwingen und das Land 430 Milliarden Euro kosten.

Dies entspräche einem Fünftel seiner Wirtschaftsleistung, errechnete Frankreichs Behörde für Atomsicherheit (IRNS) in einer am Donnerstag veröffentlichten Studie. Es ist das erste Mal, dass eine öffentliche Institution die wirtschaftlichen Folgen eines größten anzunehmenden Atom-Unfalls (GAU) in Frankreich berechnete. "Ein großer Unfall würde schreckliche Konsequenzen haben, aber wir müssen uns damit befassen, denn das Land würde nicht aufhören zu existieren", sagte IRNS-Chef Jacques Repussard. Die Grünen in Deutschland sprachen von einem Weckruf auch für die Bundesregierung, sich gegenüber dem Nachbarn zu Wort zu melden.

In Frankreich laufen 58 Reaktoren, und es setzt wie kein anderes europäisches Land auf Atomstrom. 75 Prozent der Elektrizität wird von den Atomkraftwerken geliefert.

Der Studie zufolge würden die meisten finanziellen Verluste durch den beschädigten Ruf des Landes entstehen: So würden die Exporte von Nahrungsmitteln wie Wein und Käse einbrechen, auch wenn sie nicht aus der betroffenen Region stammten. Zudem würden Touristen fernbleiben. Allein dieser Faktor koste dann 160 Milliarden Euro. IRNS-Chefvolkswirt Patrick Momal sagte, die Wahrscheinlichkeit eines solchen Unfalls sei zwar sehr gering. "Aber diese Berechnungen helfen Politikern, die Kosten für die Atom-Sicherheit ins Verhältnis zu setzen."

Die deutsche Grünen-Atomexpertin Sylvia Kotting-Uhl sprach von alarmierenden Ergebnissen, die ein Weckruf für die Bundesregierung sein müssten. Die Haftpflicht für den AKW-Betreiber EDF sei beispielsweise auf 91 Millionen Euro begrenzt. Das von IRNS ermittelte Schadensausmaß liege so fast beim Fünftausendfachen. In Deutschland dagegen hafteten die Konzern unbegrenzt. Dies verzerre zum einen den Strompreis zwischen den Ländern, zum anderen habe EDF so auch keinen Anreiz, Schadensvorsorge zu betreiben.

Das Desinteresse der Bundesregierung gegenüber den grenznahen Atomkraftwerken Cattenom und Fessenheim sei zudem völlig unangemessen, kritisierte Kotting-Uhl. Es bestehe eine historische Chance, bei der französischen Regierung auf eine schnellere Stilllegung der Reaktoren zu dringen.

Frankreichs neuer Präsident Francois Holland will den Atomstrom-Anteil bis 2025 auf 50 Prozent von 75 Prozent zurückfahren. Bis 2017 soll zudem der älteste französische Reaktor in Fessenheim abgeschaltet werden.