Zehntausende trauern in Tunis um Oppositionspolitiker

Freitag, 8. Februar 2013, 16:59 Uhr
 

Tunis (Reuters) - Zehntausende Menschen haben am Freitag in Tunis den ermordeten Oppositionspolitiker Chokri Belaid zu Grabe getragen.

Trotz Regens kamen mindestens 50.000 Menschen. Sie trugen Bilder Belaids und machten in Sprechchören die regierenden Islamisten für dessen Tod verantwortlich. Die Trauernden umringten den auf einem Armee-Lkw liegenden Sarg Belaids, als dieser aus einem Kulturzentrum im Heimatbezirk des Politikers gebracht wurde. Es war die größte Trauerfeier seit dem Tod des ersten tunesischen Präsidenten, Habib Bourguiba, im Jahr 2000.

Die Demonstranten riefen. "Das Volk will eine neue Revolution!" und "Belaid, ruhe in Frieden, wir setzen den Kampf fort!" Einige machten den Chef der regierenden Ennahda-Partei, Rachid Ghannouchi für den Mord verantwortlich. "Ghannouchi Mörder, Verbrecher", riefen sie. Belaid war am Mittwoch erschossen worden. Zu der Tat bekannte sie niemand.

In der Nähe des Friedhofs gingen Polizisten mit Tränengas und Warnschüssen gegen Jugendliche vor, die Autos zertrümmerten. Auch vor dem Innenministerium schossen Polizisten Tränengas in die Menge. Wegen eines von den Gewerkschaften ausgerufenen Generalstreiks waren Banken, Fabriken und Geschäfte geschlossen. Die Fluggesellschaft Tunis Air sagte alle ihre geplanten Flüge ab.

Auch in der Stadt Sidi Bouzid, wo die Revolution vor zwei Jahren ihren Anfang genommen hatte, versammelten sich etwa 10.000 Menschen, um des Ermordeten zu gedenken. Das Land wird derzeit von teils gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den herrschenden Islamisten und der säkularen Opposition erschüttert. Viele Menschen sind zudem enttäuscht über die ausbleibenden sozialen und wirtschaftlichen Fortschritte seit dem Sturz von Präsident Zine al-Abidine Ben Ali im Januar 2011.

DEUTSCHLAND: FRÜCHTE DER REVOLUTION NICHT AUFS SPIEL SETZEN

In Deutschland verurteilte die Bundesregierung den Mord an Belaid aufs Schärfste und rief alle politischen Kräfte im Land zur Besonnenheit auf. "Die Früchte der Revolution dürfen nicht aufs Spiel gesetzt werden, der Zug des demokratischen Wandels darf nicht entgleisen", sagte ein Regierungssprecher in Berlin. "Die Verantwortlichen dieses feigen Attentats müssen zügig ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden." Es dürfe keinen Raum für politische Gewaltakte in Tunesien geben. Das Mitgefühl der Bundesregierung gehöre Belaids Familie und Freunden am Tag seiner Beisetzung.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle forderte die Akteure in Tunesien auf, die Errungenschaften der Revolution nicht aufs Spiel zu setzen. "Ich rufe alle politisch Handelnden in Regierung und Opposition dazu auf, sich in diesem entscheidenden Moment der jungen tunesischen Demokratie ihrer Verantwortung für das Wohl des ganzen Landes bewusst zu sein", sagte Westerwelle der Zeitung "Die Welt".

 
Mourners carry the coffin of slain opposition leader Chokri Belaid during his funeral procession towards the nearby cemetery of El-Jellaz, where he is to be buried, in the Jebel Jelloud district of Tunis February 8, 2013. Tens of thousands of mourners chanted anti-Islamist slogans on Friday at the Tunis funeral of secular opposition leader Belaid, whose assassination has plunged Tunisia deeper into political crisis. REUTERS/Anis Mili (TUNISIA - Tags: POLITICS CIVIL UNREST CRIME LAW TPX IMAGES OF THE DAY)