Bericht: Afghanistan inzwischen unsicherer als der Irak

Dienstag, 25. März 2008, 15:44 Uhr
 

Washington/Kabul (Reuters) - Die Sicherheitslage in Afghanistan ist einem Expertenbericht zufolge trotz der Präsenz zehntausender ausländischer Soldaten mittlerweile schlechter als im Irak.

Noch unsicherer seien nur die Palästinensergebiete und Somalia, heißt es in einer Rangliste, die die auf Sicherheitspolitik spezialisierte britische Jane's Information Group am Dienstag veröffentlichte. So habe die Regierung in Kabul weniger Kontrolle über ihr Staatsgebiet als die irakischen Behörden. Hilfsorganisationen warfen der internationalen Gemeinschaft unterdessen vor, sie habe 40 Prozent ihrer Hilfszusagen für Afghanistan bis heute nicht eingelöst.

Als Unsicherheitsfaktoren in Afghanistan nannte der für die Jane's-Rangliste zuständige Geschäftsführer Christian Le Miere auch den Drogenhandel, der einigen Schätzungen zufolge rund 50 Prozent der Wirtschaftskraft ausmache, und die Rohstoffarmut des Landes. Im Irak wirkten dagegen die weltweit proportional höchste Zahl ausländischer Soldaten, hohe Öleinnahmen und ein deutlicher Rückgang der Gewalt stabilisierend. Mit Hilfe der internationalen Truppen könne die Regierung dort ihren Willen im gesamten Staatsgebiet durchsetzen.

Die Gewalt in Afghanistan hat in den vergangenen zwei Jahren stetig zugenommen und mittlerweile das höchste Niveau seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 erreicht: Vergangenes Jahr wurden bei Kämpfen 6000 Menschen getötet, davon ein Drittel Zivilisten. Dagegen ist die Gewalt im Irak seit der US-Truppenaufstockung vergangenen Sommer um mehr als 60 Prozent zurückgegangen.

Nach Angaben des Dachverbands für die Afghanistan-Hilfe, Acbar, wenden allein die USA rund 100 Millionen Dollar täglich für den militärischen Kampf gegen die Taliban auf, während sich die Summe sämtlicher Hilfszahlungen seit 2001 nur auf sieben Millionen Dollar pro Tag summieren. Von 25 Milliarden Dollar, die die internationale Gemeinschaft dem Land für Wiederaufbau und Entwicklung zugesagt habe, seien erst 15 Milliarden Dollar ausgegeben worden. 40 Prozent davon seien als Firmengewinne und Gehälter in die Geberländer zurückgeflossen. Zudem würden zwei Drittel der Hilfsgelder an der Regierung in Kabul vorbeigeleitet.

Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul wies die Vorwürfe von Acbar zurück. "Alle Zusagen werden von uns sorgfältig erfüllt", sagte sie. Von den 900 Millionen Euro, die die Bundesregierung bis 2010 in Aussicht gestellt habe, seien bis Ende 2007 bereits 76 Prozent völkerrechtlich verbindlich zugesagt worden. Tatsächlich ausgezahlt worden seien in der Vergangenheit mehr als 90 Prozent der Zusagen. Allein dieses Jahr stelle Deutschland 140 Millionen Euro für den zivilen Wiederaufbau zur Verfügung.

Unterdessen ist seit mehr als drei Monaten in Afghanistan entführte Deutsche Harald K. einem Zeitungsbericht zufolge erkrankt. Dies bereite den Behörden große Sorgen, zitierte die "Neue Osnabrücker Zeitung" afghanische Regierungskreise. Zwischen der Regierung in Kabul und deutschen Stellen gebe es zudem Meinungsverschiedenheiten in der Frage, ob Lösegeld gezahlt werden solle. Die afghanische Seite sei strikt dagegen, um keine Anreize für weitere Geiselnahmen zu schaffen.