Taiwans Wahlsieger für schrittweise Annäherung an China
Taipeh (Reuters) - Nach seinem Sieg bei der Präsidentenwahl in Taiwan strebt der Oppositionskandidat Ma Ying Jeou eine schrittweise Annäherung an den Erzfeind China an.
"An erster Stelle steht die Normalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen, danach folgt ein Friedensabkommen", sagte Ma am Wochenende. Zugleich forderte der 57-Jährige die Regierung in Peking auf, ihre auf Taiwan gerichteten Raketen abzubauen, um den Weg für Verhandlungen frei zu machen. Die Europäische Union und die USA begrüßten den Wahlausgang und äußerten die Hoffnung auf eine Entspannung der Beziehungen zwischen den seit knapp 60 Jahren verfeindeten Ländern. Politische Beobachter warnten dagegen vor all zu großem Optimismus.
Der als eher China-freundlich geltende Ma hatte bei der Wahl am Samstag über den Kandidaten der Regierungspartei, Frank Hsieh, mit 58 Prozent der Stimmen triumphiert. Zudem scheiterte ein Referendum über eine UN-Mitgliedschaft wegen zu geringer Beteiligung - ein Denkzettel für den scheidenden Präsidenten Chen Shui Bian, der mit seiner Unabhängigkeitsrhetorik nicht nur China verärgert, sondern auch viele Taiwaner verstimmt hatte. Chen durfte nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten und übergibt das Amt im Mai an seinen Nachfolger.
WAHLSIEGER SCHLIESST OLYMPIA-BOYKOTT NICHT AUS
Allerdings dürften sich auch unter Ma die Beziehungen zu China schwierig gestalten. So schloss der Wahlsieger wegen des harten Vorgehens der chinesischen Armee gegen Demonstranten in Tibet einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking nicht aus. "Sollte sich die Lage in Tibet verschlimmern, würden wir in Erwägung ziehen, keine Athleten zu den Spielen zu schicken", sagte Ma. Zugleich bekräftigte er, dass Taiwan nicht als Schauplatz für den traditionellen Fackellauf dienen werde, bei dem das Olympische Feuer von Griechenland aus rund um die Erde zum Austragungsort der Spiele gebracht wird. Ma begründete seine Entscheidung damit, dass Taiwan seine Fahne bei den Spielen in Peking nicht präsentieren dürfe. China betrachtet Taiwan seit Ende des Bürgerkriegs 1949 als abtrünnige Provinz. Die Regierung in Peking drohte deshalb wiederholt damit, Taiwan im Falle einer Unabhängigkeitserklärung anzugreifen.
Der Harvard-Absolvent Ma hat sich im Wahlkampf vor allem mit wirtschaftspolitischen Themen profiliert. Der ehemalige Bürgermeister von Taipeh lehnt eine Wiedervereinigung mit China ebenso ab wie eine offizielle Unabhängigkeitserklärung Taiwans. "In naher Zukunft ist nur mit kleinen Fortschritten im Tourismus und Verkehr zu rechnen, etwa mit Direktflügen", sagte Politikwissenschaftler Chao Chien Min von der Universität in Taipeh. "Aber ein Friedensabkommen ist nicht so schnell zu erreichen. Das braucht Zeit."
Die Märkte reagierten positiv auf den Wahlausgang: In Taipeh schloss die Börse am Montag vier Prozent im Plus. Im Verlauf legte der Taiex-Index sogar 6,15 Prozent zu und damit soviel wie seit mehr als sieben Jahren nicht mehr an einem Tag. - Von Ralph Jennings -
© Thomson Reuters 2008 Alle Rechte vorbehalten.



