August 28, 2012 / 2:53 PM / 7 years ago

REPORTAGE-Afghanistan - Schnellkurs in Eigeninitiative

OP North (Reuters) - Abdul Nazir steht auf dem Dach seines Checkpoints und freut sich über den schwer bewaffneten Besuch, der gerade mit Radpanzern vor dem Haus anrollt.

German captain Thomas Spranger (C) and Afghan Civil Order Police (ANCOP) Sergeant Abdul Nazir (L) talk atop an ANCOP checkpoint in the restive Baghlan province in northern Afghanistan August 22, 2012. REUTERS/Sabine Siebold (AFGHANISTAN - Tags: POLITICS MILITARY CONFLICT)

Es ist sengend heiß, und der afghanische Polizist bittet die deutschen Soldaten zum Tee hinauf. Über eine abenteuerliche Leiter und ein grob in die Decke gehacktes Loch klettern einige von ihnen hoch, während ihre Kameraden unten die Sicherung übernehmen. Auf dem Dach des ansonsten völlig leeren Hauses steht ein Maschinengewehr in Stellung, ein paar Meter weiter lehnt ein lädierter Mörser an der Mauer. Die Polizisten tragen Badeschlappen zur Uniform. Im Schatten eines Baldachins aus Strohmatten, der über zwei Bettgestelle gespannt ist, lässt Nazir grünen Tee, Kekse und Trauben reichen.

Thomas Spranger ist der Chef der deutschen Kampftruppen, die am Außenposten OP North in der nordafghanischen Unruhe-Provinz Baghlan stationiert sind. Nach einer kurzen Begrüßung legt der Hauptmann Gewehr und Schutzweste ab, schlüpft unter den Baldachin und erkundigt sich bei Nazir nach der Sicherheitslage und seinen letzten Einsätzen. Als er die wesentlichen Informationen hat, gibt er dem Polizisten über den Dolmetscher klar zu verstehen, welches Vorgehen er momentan für angemessen hielte. “Ich finde, Sie sollten häufiger auf Patrouille gehen”, schlägt er vor.

SICHERHEITSLAGE IM KANDAHARI-GÜRTEL VERSCHLECHTERT SICH

Nazirs staubiger Posten liegt in einer der gefährlichsten Gegenden Nord-Afghanistans. Sein Checkpoint steht am Highway 3, der Verkehr zwischen Kundus und Baghlan-Stadt rollt direkt vor dem Haus vorbei. Die Straße durch den sogenannten Kandahari-Gürtel in der Provinz Baghlan gilt als Waffenschmuggelroute der Taliban. Nach einer Phase der relativen Ruhe hat sich die Sicherheitslage hier zuletzt wieder verschlechtert - es gab mehrere Anschläge mit Sprengfallen, obwohl die Spezial-Polizei ANCOP auf fast jedem Kilometer des Highways Checkpoints wie den von Nazir betreibt und zwei Mal am Tag die Wasserdurchlässe unter der Straße kontrolliert, die ideale Verstecke für Bomben bieten.

Mit mehr Fahrzeug-Kontrollen, mehr Patrouillen könnten die Polizisten den Taliban das Geschäft erschweren, doch wegen der großen Bedrohung verlassen die afghanischen Ordnungshüter nur ungern ihre halbwegs sicheren Posten. Erst vergangene Woche kamen in der Gegend sieben einheimische Soldaten bei der Explosion einer Sprengfalle ums Leben. Auch Nazirs Chef wurde gerade durch eine selbst gebastelte Bombe verwundet. Doch die afghanischen Polizisten müssen außerhalb ihrer Checkpoints am Rand des Highway 3 Präsenz zeigen, wenn sie gegen die Taliban etwas ausrichten wollen. Denn wenn die einheimischen Sicherheitskräfte nicht bald die Initiative ergreifen, droht dem Land der Rückfall in die Gewalt, sobald die internationalen Kampftruppen Ende 2014 abgezogen sind.

“DENKEN SIE DENN, DASS DAS REICHT?”

Mit sachtem Druck, praktischer Hilfe und viel Geduld bemühen sich die deutschen Soldaten daher, Nazirs Arbeitseifer auf die Sprünge zu helfen. Sie wollen ihn unterstützen, aber nicht seine Arbeit machen. “Denken Sie denn, dass das reicht?” spricht Hauptmann Spranger den ANCOP-Polizisten auf die spärliche Zahl seiner Einsätze draußen an. “Könnten Sie nicht auch ohne einen Befehl mehr Auto-Kontrollen und Patrouillen anregen?” Nazir, der bisher flüssig geredet hat, kommt ins Stocken, die Ratlosigkeit ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er runzelt die Stirn, zuckt hilflos mit den Schultern. Tatsächlich mangelt es ihm nicht nur an Initiative und Befehlen, sondern auch an Leuten: Gerade mal vier Polizisten tun an diesem Tag auf dem Checkpoint Dienst.

Der deutsche Kompanie-Chef bietet Nazir daher an, dass die Bundeswehr ihm und seinen Leuten bei einer Auto-Kontrolle helfen kann. Zudem will er Nazirs Vorgesetzten darauf ansprechen, ob er mehr Personal auf den Checkpoint schicken kann. Spranger erinnert Nazir aber auch daran, dass die Nato-Truppe Isaf in naher Zukunft abziehen wird und er die Kontrollen bald selbst in den Griff bekommen muss.

“WIR HABEN SEIT DREI JAHRZEHNTEN KRIEG”

“Wir würden uns freuen, wenn wir mehr Personal bekommen”, bedankt sich Nazir. Den Abzug der Isaf sieht der Afghane jedoch pessimistisch, er fürchtet ein Wiederaufflammen der Gewalt. Spranger widerspricht ihm und hält dagegen, dass inzwischen allein in der Unruhe-Provinz Baghlan 5000 afghanische Sicherheitskräfte Dienst tun. “Meiner Einschätzung nach ist das genug”, betont er. Doch Nazir lässt das nicht gelten und lacht. “Wenn Sie hier sind, sind wir glücklich. Wissen Sie, dies ist Afghanistan, wir haben seit drei Jahrzehnten Krieg”, sagt er. “Es war die Isaf, die die Taliban zum ersten Mal besiegt hat.”

Zum Abschied nimmt Spranger den Polizisten in die Pflicht und fragt ihn, ob er bereit sei, beim nächsten Mal gemeinsam mit der Bundeswehr eine Patrouille zu organisieren. “Ja sicher, wir stehen immer zu Diensten”, antwortet Nazir, erntet dafür aber ein entschiedenes Kopfschütteln des Deutschen. “Nein, es ist anders herum: Wir stehen zu Ihren Diensten”, sagt Spranger. Nach elf Jahren Isaf-Einsatz sollen die Afghanen selbst die Führung im Kampf um eine stabile Sicherheitslage übernehmen, und es ist die Aufgabe von Spranger und den anderen 600 deutschen Soldaten im Außenposten OP North, sie mit Hilfe, Anleitung und sanftem Druck dazu zu bringen.

UNTERSCHIEDLICHES VERSTÄNDNIS VON SICHERHEIT

Die Afghanen leisteten gute Arbeit, seien aber noch nicht so selbstsicher, wie sie sein könnten, sagt der deutsche Hauptmann. Gemeinsame Patrouillen könnten helfen, ihnen die nötige Praxis zu geben und Erfolge zu verschaffen: “Dann glaube ich auch, dass das Selbstbewusstsein der Afghanen so groß ist, dass sie irgendwann auf uns verzichten können”, erklärt Spranger. Der Kommandeur der deutschen Truppen am OP North, Oberstleutnant Martin Mayer, verweist zudem auf die kulturellen Unterschiede. “Wir haben eine Sprachbarriere zu überwinden, und wir haben ein verschiedenes Verständnis von Sicherheit”, sagt er. “Was für uns vielleicht sehr unsicher wirkt, ist im Vergleich in den Augen eines afghanischen Polizisten eine tief friedvolle Situation.”

Lob ernten die viel gescholtenen afghanischen Sicherheitskräfte auch in Sprangers Kompanie. “Die machen ihren Job ganz gut, das geht in die richtige Richtung”, sagt ein Soldat. Auch die gefährliche Aufgabe, Sprengfallen zu räumen, erledigten die Afghanen inzwischen immer häufiger selbst. Es sei allerdings gut, dass die einheimischen Soldaten und Polizisten nun stärker in die Pflicht genommen würden. Die Gefahr durch Anschläge afghanischer Sicherheitskräfte in den eigenen Reihen, die sich zuletzt in anderen Landesteilen gehäuft und zahlreiche Opfer gefordert hatten, nehmen die Soldaten dagegen relativ gelassen hin. “Das Risiko muss man in Kauf nehmen”, sagt ein Soldat. “Wenn man ihnen den Freiraum nicht gibt, dann wird sich auch nichts ändern.”

BAGHLAN - DER GEFÄHRLICHSTE EINSATZORT DER BUNDESWEHR

Der Observation Point North in der Provinz Baghlan ist schon länger der gefährlichste Einsatzort der Deutschen. In den vergangenen drei Jahren fielen hier zehn Bundeswehr-Soldaten, drei davon durch den Angriff eines afghanischen “Innentäters”, der am 18. Februar 2011 im OP North das Feuer auf die Soldaten eröffnete. Der schwer befestigte Außenposten erstreckt sich über mehrere Hügel in der Nähe des strategisch wichtigen Highway-Triangle, der wichtigsten Kreuzung im Norden des Landes: Hier kommt die Straße aus Kabul von Süden an und gabelt sich nahe dem OP North in die Route nach Masar-i-Scharif und den Highway 3, der ins 80 Kilometer entfernte Kundus führt. Die Gegend ist für Soldaten und Taliban gleichermaßen wichtig und war in den vergangenen Jahren heftig umkämpft.

Da es kaum asphaltierte Straßen gibt, muss jeder, der von Kabul in den Norden oder weiter über die Grenze nach Usbekistan oder Tadschikistan will, diesen Knotenpunkt passieren. Der OP North liegt zugleich an einem entscheidenden Abschnitt des sogenannten Northern Distribution Network, also des nördlichen Nachschubweges der Isaf. Daher haben auch die USA mit Blick auf den Abzug aus Afghanistan ein großes Interesse daran, die Taliban hier zurückzudrängen: Sollte Pakistan seine Grenzen wieder dichtmachen, müssten sie einen Großteil ihres Materials über die Nordroute vom Hindukusch abziehen. Ein Machtgewinn der Taliban gerade hier würde den Abtransport deutlich erschweren. Wann die Deutschen den OP North im Rahmen des Abzugs aufgeben, ist bisher unklar.

FLICKENTEPPICH DER ETHNIEN IM KANDAHARI-BELT

Ähnlich wie im Unruhe-Distrikt Chahar Darrah nahe Kundus besteht auch der Kandahari-Gürtel im Distrikt Baghlan-i-Dschadid aus einem Flickenteppich von Ethnien, er ist “Afghanistan in klein”, wie es ein Offizier ausdrückt. Im westlichen Kandahari-Gürtel leben viele Paschtunen, die ursprünglich aus dem Süden stammen und vor langer Zeit in Baghlan angesiedelt wurden - daher der Name “Kandahari”, in Anlehnung an die südafghanische Provinz Kandahar. Aber auch Angehörige etlicher anderer Volksgruppen sind in der fruchtbaren Oase am Baghlan-Fluss zu Hause, die an den Rändern abrupt in eine lebensfeindliche Wüstenlandschaft umschlägt.

Während die Abzugsplanungen der internationalen Truppen auf Hochtouren laufen, stellen sich auch die Taliban in der Region bereits auf die neuen Verhältnisse ein. Ihre Angriffe richteten sich zuletzt vor allem gegen die einheimischen Sicherheitskräfte, die mit leichten Waffen und ungepanzerten Fahrzeugen zudem ein einfacheres Ziel abgeben als die ausländischen Soldaten. Ergibt sich die Gelegenheit, greifen die Afghanen allerdings auch die Deutschen an. “Mein ganz persönlicher Eindruck ist, dass wir in den letzten Wochen und Monaten nicht so sehr im Fokus gestanden sind”, sagt Spranger. Die Lage im Kandahari-Belt sei momentan zwar sehr ruhig, berge aber immer noch ein latentes Bedrohungspotenzial.

Bis vor kurzem waren am OP North noch zwei Kampfkompanien stationiert. Nachdem die Afghanen nun selbst die Führung des Kampfeinsatzes übernehmen sollen, ist Sprangers Kompanie mit 125 Soldaten und drei Sanitäterinnen am OP North allein in der Pflicht.

AFGHANEN SOLLEN FÜHRUNG DES KAMPFEINSATZES ÜBERNEHMEN

Draußen im Kandahari-Belt sitzt Spranger inzwischen an einem anderen ANCOP-Checkpoint mit afghanischen Polizisten beim Tee. Hinter ihm liegt eine ungeladene Panzerfaust herum, ein paar Meter weiter parkt ein amerikanischer Humvee, an dessen Schnauze die Polizisten eine Wäscheleine befestigt haben, auf der Uniformen trocknen. Für die Nacht ist eine gemeinsame Patrouille mit den deutschen Soldaten geplant, denn nur ein paar hundert Meter von dem Checkpoint entfernt wurden in den vergangenen Nächten vier Sprengfallen am Rand des Highway 3 abgelegt.

Wenige Stunden vor dem Abmarsch hat der Kommandeur des Postens von seinem Vorgesetzten allerdings noch immer kein grünes Licht für den Einsatz. Doch Spranger bleibt hart. “Wir brauchen eine Entscheidung in den nächsten Stunden, wir werden keine Fußpatrouille ohne die Afghanen machen”, entscheidet er. Der Polizist überlegt kurz, dann greift er zum Handy und ruft einen ranghöheren Kommandeur an. Er selbst kann sich nicht durchsetzen, aber nach einer kurzen Verhandlung mit dem Dolmetscher der Deutschen gibt der Vorgesetzte die Genehmigung. Es ist ein kleiner Sieg, das Teetrinken hat sich gelohnt.

- von Sabine Siebold -

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