April 27, 2017 / 1:45 PM / 8 months ago

HINTERGRUND-"Wenn es schlecht läuft, sind sie getötet worden"

Camp Schahin (Reuters) - Die Kirschbäume blühen rosa, aber alles andere ist grau an diesem ungemütlichen Frühlingstag im Norden Afghanistans.

An Afghan soldier trains how to dispose of unexploded ammunition at camp Shaheen in Mazar-i-Sharif, Afghanistan on March 26, 2017. Picture taken March 26, 2017. REUTERS/Sabine Siebold

Die Männer schlingen ihre traditionellen Wollumhänge enger um sich gegen die Kälte, während sie mit nackten Füßen in ausgetretenen Schuhen durch den Regen stapfen. Frauen balancieren in Burkas gehüllt durch den Schlamm am Straßenrand. Kaum einer blickt auf, als der Konvoi sandfarbener Radpanzer an diesem Morgen durch Masar-i-Scharif rollt. In den schweren Fahrzeugen sitzen Militärberater aus Deutschland und anderen Nationen, die von ihrem Feldlager am Flughafen auf dem Weg in das gut 30 Kilometer entfernte Camp Schahin sind, das Hauptquartier der afghanischen Armee im Norden. Normalerweise würden sie die Strecke in gut zehn Minuten mit dem Hubschrauber fliegen, doch das Wetter ist einfach zu schlecht - deswegen die einstündige Fahrt.

Rund zwei Jahre nach dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes ist ein Großteil der ausländischen Truppen vom Hindukusch abgezogen, doch die Berater sind weiter vor Ort: Ihre Aufgabe ist es, den obersten Kommandeuren der afghanischen Armee und deren Stäben mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Im Camp Schahin, das Tage später Ziel eines verheerenden Anschlags der Taliban werden soll, profitiert von dieser Unterstützung auch die Pionierschule: Die maßgeblich von der Bundeswehr aufgebaute Einrichtung ist die einzige ihrer Art im Land. Hier werden Soldaten und Polizisten nicht nur darin ausgebildet, Sprengfallen zu entschärfen und Blindgänger aus Jahrzehnten von Krieg in dem Land zu räumen. Es gibt auch Lehrgänge zum Umgang mit Baumaschinen. Daneben werden Elektriker, Maurer, Schreiner und andere Handwerker geschult, um Gebäude und Anlagen der Sicherheitskräfte selbständig erhalten und betreiben zu können.

“OHNE DIE AUSBILDUNG GÄBE ES MEHR OPFER”

Der Chef der Pionierschule, Oberst Ahmadullah Jassin, ist seit deren Einrichtung 2010 dabei - genauso wie sein Berater, der deutsche Oberstleutnant Michael F., der seither schon den dritten Einsatz an Ahmadullahs Seite absolviert. Die beiden Soldaten scherzen vertraut miteinander, als sie im kleinen Park am Hauptgebäude der Schule stehen. Zwischen Rosenbeeten leuchten blau gestrichene Betonbänke, die die Schüler selbst gegossen haben. Oberst Ahmadullah ist stolz auf seine Schule, die pro Jahr 1000 Soldaten und Polizisten ausbilden kann. Momentan sind rund 250 Schüler hier.

“Unsere Schule ist eine der wichtigsten und notwendigsten des gesamten Heeres”, sagt Ahmadullah. “Ohne Pioniere können Kampfeinsätze niemals erfolgreich sein.” Im Land gebe es viele Anschläge mit Sprengfallen, viele Minen und Blindgänger. “Um die Zahl der Opfer dadurch zu verringern, brauchen wir unbedingt Pioniere”, betont der Oberst, der fließend englisch spricht - eine Seltenheit selbst in den oberen Rängen der afghanischen Armee.

Ebenso wichtig sei die Ausbildung an den Baumaschinen, an Baggern, Planierraupen und Walzen. “Wir leben in einer gebirgigen Region, in der es nicht genügend Straßen und Brücken gibt - weder für die Menschen in den Dörfern noch für das Militär”, sagt Ahmadullah. “Wenn die Leute ausgebildet in ihre Einheiten zurückkehren, können sie die Bedingungen für die Menschen vor Ort verbessern und zugleich die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Truppen sich dort bewegen können.”

Für die Zukunft wünscht sich der Oberst zwei oder drei zusätzliche Berater - und, dass die internationalen Helfer noch einige Zeit bleiben. “Jedes Jahr richten wir ein, zwei neue Kurse ein. Ohne unsere Berater wären wir dazu nicht in der Lage”, betont Ahmadullah. “Deshalb werden wir sie auch in den nächsten drei, vier Jahren noch hier brauchen, um unser Training weiterzuentwickeln.”

“WIR BERATEN - UND BILDEN SELBST NICHT MEHR AUS”

Draußen auf einer großen, sandigen Freifläche üben Ahmadullahs Schüler in mehreren Gruppen die Beseitigung von Blindgängern und Sprengfallen. Die Kapuze gegen den Regen über den Kopf gezogen kauert ein bärtiger Soldat neben einer 107-Millimeter-Rakete am Boden und befestigt daran eine sogenannte Schneidladung: Sie soll nicht das ganze Geschoss zur Detonation bringen, sondern lediglich einen Schlitz in die Hülse schneiden, so dass der Sprengstoff im Innern kontrolliert verbrennt. Das Prozedere ist komplizierter, als das Geschoss einfach am Stück zu sprengen. Aber es bietet sich an, wenn ein Blindgänger nicht stabil genug zum Transport ist oder in einem Wohngebiet liegt, wo eine Sprengung andere Häuser in Mitleidenschaft ziehen würde.

Mit der Beseitigung alter Munition oder von Sprengfallen verschafften sich die Sicherheitskräfte auch Sympathien in der Bevölkerung, sagt Michael F., der Chef des Beraterteams an der Pionierschule. “Das ist ein wesentlicher Punkt, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu steigern: Die Menschen können daran erkennen, dass Polizei und Militär ihnen etwas Positives bringen und die Sicherheit erhöhen.”

Als 2010 - damals noch in Zelten - die ersten Lehrgänge an der Schule stattfanden, wurden die Afghanen durch knapp 40 internationale Ausbilder geschult. Inzwischen ist das Team auf fünf Soldaten und zehn US-Experten geschrumpft, deren Auftrag nicht mehr Ausbildung, sondern nur noch Beratung lautet. “Der Grundsatz ist: Wir beraten und bilden selbst nicht mehr aus - es sei denn, es ist Gefahr im Verzug oder es gibt grundlegende Mängel”, erklärt Michael F.

“MAN MUSS IHNEN DEN RÜCKEN STÄRKEN AUCH GEGENÜBER KABUL”

Gebe es trotzdem Probleme, kämen sie normalerweise von außen. So könne es geschehen, dass zu einem Lehrgang nur ein Bruchteil der angemeldeten Teilnehmer komme. “Wenn es gut läuft, sind die fehlenden Soldaten im Kampf statt auf dem Lehrgang. Wenn es schlecht läuft, sind sie getötet worden”, berichtet der Oberstleutnant. Die afghanische Armee werde eben nicht im Frieden, sondern parallel zum Kampf aufgebaut. Auch logistische Probleme könnten für Frust sorgen, wenn etwa an anderer Stelle die Spritverbrauchsmeldungen verbummelt worden seien, deshalb kein frischer Diesel geliefert werde und die Schüler im Dunkeln säßen. Eine weitere Schwierigkeit sei, dass manche Soldaten sich nach der Ausbildung eine zivile Stelle suchten.

“Das Einkommen ist zivil locker auf dem gleichen Niveau - aber die Gefahr, dass mich jemand erschießt, ist nicht ganz so groß”, stellt der Berater trocken fest. Er geht davon aus, dass die Schule die Hilfe der Berater noch eine Weile brauchen wird - vor allem gegen die Widrigkeiten von außen. “Man muss noch eine ganze Zeit lang den Aufbau und die Durchhaltefähigkeit der Schule unterstützen”, sagte Michael F. “Man muss ihnen den Rücken stärken auch gegenüber Problemen, die aus Kabul kommen.”

Schwierigkeiten mit der Hauptstadt kennt auch der oberste Berater im Camp Schahin, der deutsche Oberst Klaus-Peter Berger. Selbst der Kommandeur der knapp 18.000 afghanischen Soldaten im Norden sei nicht immer Herr seiner Entscheidungen, berichtet er. Häufig kämen Anrufe vom Präsidenten oder dem Generalstabschef in Kabul, die dem Kommandeur in Masar-i-Scharif Aufträge erteilten. “Du gehst jetzt zum Beispiel direkt nach Fariab, führst dort eine Operation und kommst nicht eher zurück, bis die Situation dort geregelt ist”, schildert Berger solche Telefonate.

“Das heißt, man nimmt den Kommandeur des gesamten Nordens aus seiner Hauptverantwortung heraus und gibt ihm einen Auftrag, den normalerweise ein Bataillonskommandeur durchzuführen hat.” Ähnlich problematisch sei es, wenn schwaches Personal von wichtigen Posten nicht entfernt werden könne. “Wenn einer aus Kabul die schützende Hand drüber hält, muss man mit dem Mann leben”, erklärt er. “Das ist natürlich nicht das Gelbe vom Ei für einen Korps-Kommandeur.”

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