November 11, 2016 / 1:12 PM / 2 years ago

Anschlag auf deutsches Konsulat in Afghanistan - Vier Tote

- von Abdul Matin und Sabine Siebold

German Foreign Minister Frank-Walter Steinmeier (3rdR)) leads a meeting of the foreign ministry's crisis centre in Berlin, Germany on November 11, 2016, after Taliban militants stormed the German consulate in the northern Afghan city of Mazar-i-Sharif. REUTERS/Maurizio Gambarini/POOL

Masar-i-Scharif/Berlin (Reuters) - Bei einem schweren Anschlag auf das deutsche Konsulat in Masar-i-Scharif sind in der Nacht zum Freitag mindestens vier Afghanen getötet und 120 verletzt worden.

Attentäter der Taliban hätten an der Außenmauer des schwer gesicherten Konsulatsgeländes ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug zur Explosion gebracht, erklärten die Behörden. Sie schlugen damit eine Schneise für weitere Angreifer, die in das Gebäude vordrangen und sich dort einen langen Schusswechsel mit den Sicherheitskräften lieferten. Die 20 Mitarbeiter des Konsulats überstanden den Anschlag unverletzt. Stunden später erschossen deutsche Soldaten nach Bundeswehr-Angaben zwei Motorradfahrer, die auf den Tatort zufuhren und trotz Warnschüssen nicht stoppten. Es war unklar, ob es sich bei den Toten um Zivilisten oder weitere Angreifer handelte. Die Taliban verüben Anschläge oft in mehreren Wellen.

Die Autobombe detonierte etwa eine Stunde vor Mitternacht und entwickelte eine derart gewaltige Wucht, dass noch in fünf Kilometern Entfernung Fensterscheiben barsten. Auch an dem erst 2013 eröffneten Konsulat und den umliegenden Gebäuden entstanden massive Schäden. Auf Fotos vom Morgen danach war ein Trümmerfeld aus eingestürzten Mauern, zerfetzten Schutzwänden, verformten Stahlträgern und Schutt zu sehen. An der stark beschädigten Außenmauer des Konsulats war noch die aufgemalte deutsche Fahne zu erkennen. Ein ausgebranntes, völlig verformtes Auto-Wrack stand neben einem mehrere Meter tiefen Explosionskrater, in dem ein fast unversehrtes Fahrzeug auf der Seite lag. Radpanzer der Bundeswehr und anderer Nato-Truppen sicherten den Anschlagsort ab, während Soldaten die Trümmerteile durchsuchten.

AUSWÄRTIGES AMT HÄLT AN ENGAGEMENT IN AFGHANISTAN FEST

In der Nacht war es auch im Konsulat selbst zu Kämpfen gekommen. “Es ist erst nach Kampfhandlungen, die auch auf dem Gelände und im Gebäude des Generalkonsulats stattgefunden haben, gelungen, die Angreifer abzuwehren und zurückzuschlagen”, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Er dankte besonders den afghanischen Sicherheitskräften und den Soldaten aus dem großen, von der Bundeswehr geführten Nato-Stützpunkt am Rande der Stadt, die “schnell zu Hilfe geeilt sind und den Angriff mit großem Mut, hoher Professionalität und dem Einsatz des eigenen Lebens zurückgeschlagen haben”.

Bundeswehr und Bundespolizei, die für den Schutz deutscher Vertretungen in Krisengebieten zuständig ist, hätten eine entscheidende Rolle dabei gespielt, dass keine der deutschen und afghanischen Mitarbeiter des Konsulats zu Schaden gekommen seien. Den Angehörigen der Anschlagsopfer sprach Steinmeier sein Beileid aus. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes betonte, Deutschland werde auch nach dem Attentat an seinem Engagement in Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, festhalten.

Das Nato-Camp hatte unmittelbar nach dem Anschlag eine aus deutschen und Soldaten anderer Nationen bestehende schnelle Eingreiftruppe in die Stadt entsandt. Sie riegelten nach Angaben der Bundeswehr den Anschlagsort ab, durchsuchten das Konsulat nach weiteren Attentätern und brachten die 20 Mitarbeiter auf dem Militärstützpunkt in Sicherheit. Wann die Arbeit in dem stark beschädigten Konsulat, das weiter durch Nato-Truppen gesichert wird, wieder möglich sein wird, war zunächst unklar.

Offen blieben zunächst auch viele Details des Anschlags - etwa, ob er durch Selbstmordattentäter begangen wurde und ob es mehr als eine Autobombe gab. Der stellvertretende Polizeichef der Provinz Balch, Abdul Rasak Kaderi, zeigte sich entsetzt über den Angriff in der sonst eher ruhigen Region im Norden. “Das Ausmaß des Schadens in der Stadt ist enorm”, sagte er. “Diese Art von Anschlag - einen ganzen Lastwagen voller Sprengstoff in die Stadt zu bringen und ihn hier in die Luft zu jagen - hat es hier bisher nicht gegeben.” Die Stadt müsse sich erst von dem Schock erholen.

Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich seit dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes 2014 drastisch verschlechtert. Vor einem Jahr überrannten die Taliban die Stadt Kundus im Norden, wo die Bundeswehr in der Vergangenheit ein großes Camp betrieben hatte. Es war der größte militärische Erfolg der Extremisten seit ihrem Sturz 2001. Im Oktober wäre es ihnen beinahe erneut gelungen, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen.

Die Taliban bezeichneten den Anschlag als Vergeltung für einen US-Luftangriff nahe Kundus vergangene Woche, bei dem mehr als 30 Zivilisten getötet worden waren. Die Gruppe habe schwer bewaffnete Kämpfer, unter ihnen auch Selbstmordattentäter, entsandt, “um das deutsche Generalkonsulat zu zerstören und jeden zu töten, den sie dort finden”, sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid am Telefon.

VON DER LEYEN - KLÄREN TOD VON MOTORRADFAHRERN

Der Zwischenfall mit den beiden getöteten Motorradfahrern wird nach den Worten von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen untersucht. Insgesamt drei Motorradfahrer seien trotz Warnschüssen auf die Anschlagsstelle zugefahren, sagte sie in Berlin. Zwei der Männer seien erschossen worden, ein dritter habe verletzt überlebt. “Die genauen Umstände werden derzeit noch weiter geklärt”, erklärte die Ministerin.

Masar-i-Scharif ist die viertgrößte Stadt Afghanistans und das wirtschaftliche Zentrum im Norden des Landes. Das deutsche Konsulat ist in der Nähe der Blauen Moschee auf einem weitläufigen Anwesen untergebracht, das von mehrere Meter hohen Mauern umgeben und stark gesichert ist. Am Stadtrand liegt ein großer Stützpunkt der Nato-Truppen, die allerdings nur noch zur Beratung und Ausbildung und nicht mehr für Kampfeinsätze im Land sind. Die Verantwortung für den Nato-Einsatz im Norden Afghanistans trägt die Bundeswehr. In Masar sind noch etwa 800 deutsche Soldaten stationiert, weitere 1000 Soldaten in dem Camp kommen aus 20 Partnernationen. Die deutsche Botschaft in Kabul war 2009 bei einem Anschlag beschädigt worden.

0 : 0
  • narrow-browser-and-phone
  • medium-browser-and-portrait-tablet
  • landscape-tablet
  • medium-wide-browser
  • wide-browser-and-larger
  • medium-browser-and-landscape-tablet
  • medium-wide-browser-and-larger
  • above-phone
  • portrait-tablet-and-above
  • above-portrait-tablet
  • landscape-tablet-and-above
  • landscape-tablet-and-medium-wide-browser
  • portrait-tablet-and-below
  • landscape-tablet-and-below