April 4, 2018 / 6:55 AM / in 19 days

"Müssen noch mindestens zehn Jahre in Afghanistan bleiben"

Masar-i-Scharif (Reuters) - Bombenentschärfer haben überall in aller Welt einen riskanten Job, aber in Afghanistan leben sie vielleicht noch gefährlicher als anderswo.

German Bundeswehr soldiers during a visit of Defence Minister Ursula von der Leyen at Camp Marmal in Masar-i-Scharif, Afghanistan, March 25, 2018. Michael Kappeler/Pool via Reuters

Im Norden des Landes suchten afghanische Pioniere vor einigen Wochen den Highway Number One auf Sprengfallen ab, die von den radikalislamischen Taliban immer wieder blockierte Lebensader der Region. Handwerklich seien die Afghanen wirklich gut gewesen, sagt der deutsche Offizier Christian B., der als Berater in Masar-i-Scharif stationiert ist. Weil aber mangels Batterien seit Monaten kein einziger ihrer Metalldetektoren funktionierte, hätten die Soldaten vor allem mit bloßem Auge suchen müssen - ein Vorgehen, das in seinen Augen an Selbstmord grenzt. Bis die afghanische Armee solche logistischen Probleme und andere Defizite im Griff hat, dürfte es nach Einschätzung von Christian B. noch dauern: “Meine persönliche Auffassung ist, dass wir mindestens noch eine Dekade hier in Afghanistan bleiben müssen”, erklärt der Oberstleutnant, dessen Nachname aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden darf.

Hätten sich die ursprünglichen Planungen der Nato erfüllt, würde das internationale Feldlager in Masar-i-Scharif längst nicht mehr existieren. Doch statt zu schrumpfen, wächst das Camp mit seinen heute rund 1000 deutschen und etwa 700 internationalen Soldaten bald wieder: Vor knapp zwei Wochen stockte der Bundestag das deutsche Mandat um gut 300 Soldaten auf. Die Nato selbst verzichtet wegen der schlechten Sicherheitslage inzwischen darauf, überhaupt noch ein Abzugsdatum festzulegen und den Taliban damit ein Planungsziel zu geben. Nur ein einziges Kriterium soll den Termin für das Ende des Einsatzes künftig bestimmen: ob die einheimische Armee ihrer Aufgabe tatsächlich gewachsen ist.

Der Pionier Christian B., der mittlerweile zum vierten Mal am Hindukusch im Einsatz ist, zählt zu den Soldaten, die den Ausbildungsstand der Afghanen regelmäßig unter die Lupe nehmen. Normalerweise berät er den Kommandeur der Pionierschule in Masar-i-Scharif, die von der Bundeswehr aufgebaut wurde und Experten zur Entschärfung von Sprengfallen im ganzen Land ausbildet. Im März siedelte der Bundeswehr-Offizier allerdings mit rund 250 deutschen und internationalen Kameraden erstmals für gut eine Woche auf den Stützpunkt der afghanischen Armee in der Stadt Meimaneh über, etwa 300 Kilometer westlich von Masar.

Die einheimische Brigade dort ist für den zweiten Brennpunkt im Norden des Landes nach Kundus zuständig: Für die Provinz Fariab, die als Hochburg der radikalislamischen Taliban gilt, und die Nachbarprovinz Dschowsdschan, wo die Extremistenmiliz IS am Erstarken ist. In einem besonders gesicherten Teil des afghanischen Camps schlugen die Nato-Soldaten ihre Feldbetten auf, auch Feldrationen, Wasser und ein Zeltlazarett brachten sie mit. Ihnen ging es um Erfolgskontrolle: Vor Ort wollten sie überprüfen, was von der Beratung der afghanischen Armee auf den obersten Ebenen in Masar-i-Scharif und Kundus tatsächlich ganz unten ankommt.

GUTE HANDWERKLICHE AUSBILDUNG, SCHWACHE LOGISTIK

Nach der Rückkehr aus Meimaneh zeichnet Christian B. ein Bild aus Licht und Schatten. “Ich habe festgestellt, dass die afghanischen Pioniere wirklich sehr gut ausgebildet sind, sie beherrschen ihr Handwerk.” Defizite gebe es aber beim Nachschub, spielt er auf die 20 nicht einsatzfähigen Metalldetektoren an. Die Geräte hätten nicht funktioniert, weil Spezialbatterien für 15.000 Euro fehlten. “Die Erwartungshaltung war, dass ich als Berater nun dafür Sorge trage, diese Batterien zu kaufen. Darum geht es aber nicht, sondern darum, afghanische Prozesse zu befördern”, beschreibt der deutsche Offizier seine Rolle.

Zudem habe er kein Notfall-Budget, auch wenn er es sich in solchen Fällen wünsche. “Wenn ich das Geld gehabt hätte, hätte ich die Batterien tatsächlich gekauft - weil es für mich inakzeptabel ist, dass personelle Verluste entstehen aufgrund von fehlenden Batterien”, sagt der 47-Jährige. Stattdessen habe er sich an die Vorgesetzten des Soldaten im Hauptquartier in Masar-i-Scharif gewandt, “um über den afghanischen Weg dafür Sorge zu tragen, dass der Kompaniechef schnellstmöglich seine Batterien für die Metalldetektoren bekommt”.

Ein weiteres Problem sei das Zusammenspiel zwischen den Einheiten, berichtet der deutsche Berater. Nach dem Fund eines Sprengsatzes müsse die Infanterie das Areal absperren und für die Sicherheit der Pioniere sorgen. Nur so könnten sich die Bombenentschärfer, die in ihren 30 Kilogramm schweren Anzügen bei afghanischer Hitze genug litten, tatsächlich auf die Sprengfalle konzentrieren statt nach Scharfschützen schauen zu müssen. Werde der Fundort nicht gesichert, steige die Gefährdung für die Pioniere. Zugleich sinke die Chance, vor Ort Beweise zur Identifizierung der Bombenleger zu sammeln.

Oft sprengten die Pioniere in diesem Fall eine Bombe an Ort und Stelle statt sie mühsam und langwierig zu entschärfen, um dann Fingerabdrücke der Täter sicherstellen zu können. “Die wollen natürlich so schnell wie möglich wieder weg, so schnell wie möglich wieder den Weg freimachen”, sagt der Oberstleutnant. “Dazu ist es auch sicher gut, dieses Sprengen am Platz. Nicht gut genug ist es, um Beweismittel zu sichern, die verwertbar sind für die Strafverfolgung.” Er habe das Problem mit dem Chef der Pionierschule besprochen, der nun Trainingsteams zur Infanterie und an andere Militärschulen entsenden wolle, um die Rollenverteilung noch einmal klar zu machen.

HOFFNUNG AUF GENERATIONENWECHSEL

Grundsätzlich zieht Christian B. ein positives Fazit des Einsatzes. “Die Afghanen haben sich weiterentwickelt, die Ausbildung ist deutlich besser geworden, auch die Fähigkeit, im Gefecht zu bestehen, ist deutlich besser geworden”, sagt er. “Was nach wie vor schwierig ist, sind Durchhaltefähigkeit, logistische Prozesse, Transparenz.” Korruption gilt in der afghanischen Armee ebenso wie in der gesamten Gesellschaft als Problem. Darauf angesprochen, sagt Christian B., er habe Anzeichen dafür, aber keine wasserdichten Belege. “Wenn ein Fahrzeug acht Kilometer weit fährt und 70 Liter tankt, dann klingt das erstmal komisch.” Für die Wagen der Pionierschule habe er daher Fahrtenbücher eingeführt.

Optimistisch stimmt den Berater im 17. Jahr des Einsatzes der Generationenwechsel, den Präsident Aschraf Ghani in den Streitkräften seit einiger Zeit vorantreibt. “In vielen Bereichen sitzen tatsächlich noch ältere militärische Führer oder Clanchefs an den entscheidenden Positionen”, sagt der Offizier. “Ich verbinde mit diesem Generationswechsel schon die Hoffnung, dass das jetzt besser wird.” Auch die Abkehr von den starren Abzugszeitplänen begrüßt er. In manchen Bereichen kämen die Afghanen zwar fast schon allein zurecht, in anderen Gebieten - besonders bei der Logistik - sei es aber noch nicht so weit. “Ich denke tatsächlich, dass wir es davon abhängig machen müssen, wie eigenständig die afghanischen Sicherheitskräfte arbeiten”, sagt Christian B. “Das ist das einzig Entscheidende - und das kann man beim besten Willen auch zeitlich nicht vorhersagen.”

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