June 23, 2011 / 2:09 PM / 8 years ago

Obama läutet Ende des Afghanistan-Einsatzes ein

Washington/Berlin (Reuters) - US-Präsident Barack Obama hat den Startschuss für den Abzug aus Afghanistan gegeben. Schneller als vom Militär erhofft sollen 33.000 Soldaten und damit ein Drittel der US-Truppen am Hindukusch bis Ende des Sommers 2012 heimkehren.

US army soldiers from Charlie company 4th platoon, 1st brigade 3-21 infantry, patrol in the village of Chariagen in the Panjwai district of Kandahar province southern Afghanistan, June 22 , 2011. REUTERS/Baz Ratner

“Amerika, es ist Zeit, dass wir uns auf den Wiederaufbau zu Hause konzentrieren”, rief Obama den Bürgern in einer Fernsehansprache in der Nacht zum Donnerstag zu. Auf die Bundeswehr, die im Norden Afghanistans dringend auf die Unterstützung durch amerikanische Hubschrauber angewiesen ist, wird der Abzug nach Angaben aus Sicherheitskreisen zunächst keine Auswirkungen haben. Bis Jahresende würden die USA keine Kampftruppen, sondern vor allem Logistik heimholen, hieß es.

Bis zum Jahreswechsel sollten 10.000 Soldaten nach Hause zurückkehren, kündigte Obama an. Weitere 23.000 Soldaten würden bis Ende des kommenden Sommers folgen. Dies entspricht den rund 30.000 Soldaten, die Obama 2009 als Verstärkung nach Afghanistan geschickt hatte, um eine Wende im Kampf gegen die immer stärker werdenden Taliban zu erzwingen. Nach dem Abzug der Verstärkung sollen die übrigen etwa 70.000 US-Soldaten in stetigem Tempo heimkehren. Das US-Militär hatte auf einen langsameren Abzug gehofft, um die Fortschritte im Kampf gegen die Taliban nicht aufs Spiel zu setzen.

Zuletzt hatten die internationalen Truppen die Taliban zwar aus einigen ihrer Hochburgen im Süden Afghanistans vertrieben, dafür eskalierte der Konflikt jedoch im Grenzgebiet zu Pakistan. Obama steht eineinhalb Jahre vor der Präsidentenwahl innenpolitisch unter Druck: In der Bevölkerung und beiden Parteien wächst der Widerstand gegen den seit zehn Jahren andauernden Krieg in Afghanistan. Außerdem stecken die USA wegen ihrer Schulden in der Klemme. Dies und die hohe Arbeitslosigkeit dürften die beherrschenden Themen des anstehenden Wahlkampfs werden.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, der im kommenden Jahr ebenfalls wiedergewählt werden möchte, kündigte einen ähnlichen Abzugsfahrplan an. Die Nato will den Kampfeinsatz in Afghanistan nach eigenem Bekunden bis Ende 2014 beenden.

KREISE - VORERST KEINE KONSEQUENZEN FÜR BUNDESWEHR

Auf die Bundeswehr im Norden Afghanistans, wo etwa 5000 US-Soldaten und 50 US-Hubschrauber stationiert sind, dürfte der Beginn des US-Abzugs nach Angaben aus Sicherheitskreisen keine Auswirkungen haben. Der Abzug werde zunächst im Schwerpunkt die Logistik betreffen. Erst ab dem Jahreswechsel sei damit zu rechnen, dass auch Kampftruppen heimgeholt würden. Auch dann gilt es jedoch als unwahrscheinlich, dass die USA den Norden im Stich lassen. Durch die Region führen wichtige Transitwege, die für einen geordneten Abzug der US-Truppen mit ihrem schweren Material wichtig sind.

Die Bundeswehr ist auf absehbare Zeit auf die Unterstützung der Amerikaner mit ihren Kampfhubschraubern und Black-Hawk-Helikoptern angewiesen, die Verwundete auch unter Beschuss bergen können. Frühestens Mitte kommenden Jahres sollen der Kampfhubschrauber Tiger und der Transporthubschrauber NH-90 in der Sanitätsversion in Afghanistan einsatzfähig sein. Deutschland ist mit 5000 Soldaten drittgrößter Truppensteller.

Außenminister Guido Westerwelle begrüßte Obamas Rede und bekräftigte die deutschen Abzugspläne ab Jahresende. “Die Abzugsperspektive wird jetzt konkret”, sagte er am Rande eines Besuchs in Khartum im Sudan. “Schritt für Schritt wird jetzt eine Politik in Richtung politischer Lösung umgesetzt. Eine militärische Lösung wird es nicht geben.” Am 05. Dezember soll in Bonn eine neue Afghanistan-Konferenz über die Zukunft des Landes beraten. Unklar ist bisher, ob auch die Taliban eingeladen werden, die nach dem Willen vieler Politiker Teil einer politischen Lösung sein sollen.

EXPERTE BEFÜRCHTET ABZUGSWETTRENNEN AUS AFGHANISTAN

Obamas Ankündigung könnte die europäischen Verbündeten nach Einschätzung von Experten ermutigen, ihre Truppen ebenfalls rascher abzuziehen - trotz aller Warnungen des Pentagons. Klamme Staatskassen, die Belastungen durch den Krieg in Libyen und der Widerstand der Bürger gegen den Afghanistan-Einsatz dürften eine solche Entscheidung befördern. “Das kann nur im Wettrennen zum Ausgang enden”, sagt Tomas Valasek vom Zentrum für europäische Reform in London. “Kein einziges europäisches Land hat einen stärkeren Willen als die USA, in Afghanistan zu bleiben”.

Allerdings bestehe die Gefahr, das Afghanistan mit einem überstürzten Abzug ins Chaos zurückfalle. Dies war bereits nach dem Abzug der Sowjetarmee 1989 geschehen, als das Land aus dem Fokus der US-Politik verschwand und nach und nach in den Bürgerkrieg rutschte. “Wenn Obama wiedergewählt wird, alles schiefläuft und Kabul sich in ein zweites Mogadischu verwandelt - dann hätte er sicherlich einige Erklärungsarbeit zu leisten”, sagt Valasek.

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