January 31, 2020 / 12:56 PM / 23 days ago

Wie sich der Brexit auf die deutsche Wirtschaft auswirkt

Berlin (Reuters) - Der britische EU-Austritt am Freitag ist nicht nur ein politischer, sondern auch ein ökonomischer Einschnitt für die Europäische Union und insbesondere für ihre größte Volkswirtschaft Deutschland.

FILE PHOTO: A Union flag flies next to the flag of the European Union in Westminster, London, Britain June 24, 2016. REUTERS/Toby Melville/File Photo

“Das Ausscheiden Großbritanniens ist vom Volumen so bedeutend, als würden die 19 kleinsten EU-Mitglieder zusammen die EU verlassen – von Österreich über Irland und Portugal bis Malta”, sagt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer. Nachfolgend ein Überblick, was der Brexit für Deutschland in wirtschaftlicher Hinsicht bedeutet:

BEDEUTUNG GROSSBRITANNIENS ALS HANDELSPARTNER NIMMT AB

Das Vereinigte Königreich ist in den vergangenen drei Jahren seit dem Brexit-Referendum 2016 von Platz fünf auf Platz sieben der wichtigsten Handelspartner Deutschlands gerutscht und wurde etwa von Polen überholt. “Insbesondere bei den Exporten ist in dem Zeitraum ein deutlicher Rückgang von minus sechs Prozent zu verzeichnen, während die Ausfuhren in die anderen Länder Europas um fast sieben Prozent gestiegen sind”, erklärt der DIHK. 2015 - dem Jahr vor dem Referendum - wurden noch Waren im Rekordwert von 89 Milliarden Euro auf die Insel geliefert. Seither geht es kontinuierlich bergab. Für 2019 zeichnet sich ein erneuter Rückgang auf etwa 80 Milliarden Euro ab - offizielle Daten dafür liegen erst im Februar vor.

WENIGER WIRTSCHAFTSWACHSTUM

Die langwierigen Unsicherheiten über den Austrittszeitpunkt und die Modalitäten des Brexit haben das deutsche Wachstum seit dem Referendum um durchschnittlich 0,2 Prozentpunkte pro Jahr niedriger ausfallen lassen. Das ergaben Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). “Insgesamt belaufen sich die Wachstumseinbußen somit auf etwa 0,8 Prozentpunkte seit Juni 2016”, fasst das Institut zusammen. So hat das Brexit-Hickhack nicht nur den Exporteuren das Geschäft verdorben, sondern auch viele Investitionen gebremst.

JOBS IN DER SCHWEBE

In Deutschland sind laut DIHK rund 750.000 Arbeitsplätze vom Export nach Großbritannien betroffen. Zudem beschäftigen deutsche Unternehmen 400.000 Mitarbeiter in Großbritannien in 2500 Niederlassungen. “Durch den Austritt werden Wertschöpfungsketten unterbrochen, Unternehmen im Unklaren gelassen”, warnt der DIHK vor ungewissen Folgen. “160 Milliarden Euro Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in Großbritannien befinden sich in der Schwebe.” Die aktuell anberaumten zehn Monate Übergangszeit für ein notwendiges Handelsabkommen zwischen und der EU und Großbritannien sieht der Verband “eng bemessen für die Vielzahl der anstehenden, abstimmungsbedürftigen Themen”.

Die Bundesagentur für Arbeit äußerte sich dagegen weniger skeptisch. Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU werde sich allenfalls leicht und zeitlich begrenzt auf den Jobmarkt auswirken. “Keine Panik, was den Brexit auf den deutschen Arbeitsmarkt angeht”, sagte BA-Chef Detlef Scheele.

BRITISCHE UNTERNEHMEN KOMMEN NACH DEUTSCHLAND

Im Zuge des britischen EU-Abschieds gibt es aber auch neue Stellen in der Bundesrepublik. Vor dem nahenden Brexit haben britische Unternehmen 2019 so viele neue Jobs in Deutschland bei der bundeseigenen Agentur für Standortmarketing angemeldet wie noch nie. Bei 23 Neuansiedlungen sollen 680 Arbeitsplätze geschaffen werden - mehr als in den beiden Vorjahren zusammen, sagt der Geschäftsführer von Germany Trade and Invest (GTAI), Robert Hermann. Bei den Wirtschaftsfördergesellschaften der 16 Bundesländer sehe der Trend ähnlich positiv aus, doch lägen konkrete Zahlen für die Gesamtentwicklung erst im Frühjahr vor. Zu einem Teil gehe das gesteigerte Interesse der britischen Unternehmen am Standort Deutschland auf den EU-Abschied am Freitag zurück. “Für viele Firmen geht es aber nicht darum, Lager hier aufzubauen, um drohende Zölle zu umgehen”, sagte Hermann. So komme rund ein Drittel der Unternehmen aus der Branche für Unternehmens- und Finanzdienstleistungen sowie knapp ein Viertel aus dem Software- und IT-Bereich.

FINANZPLATZ FRANKFURT ALS GEWINNER

Mehr als 30 ausländische Banken kommen wegen des Brexit nach Frankfurt, wie eine Untersuchung der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) zeigt. “Da kann kein anderer Bankenplatz mithalten”, sagt Helaba-Analystin Ulrike Bischoff. Finanzfirmen, die bislang in London arbeiten, müssen wegen des britischen EU-Austritts auch ein Standbein in Kontinentaleuropa aufbauen, damit sie künftig noch ihre Dienstleistungen anbieten können. Wegen des Brexit dürften in den Frankfurter Bankentürmen bis Ende 2021 etwa 3500 neue Stellen entstehen, so die Helaba. Parallel zur Verlagerung von Finanzgeschäften weg aus London gebe es aber auch Neueröffnungen von Büros in der Finanzmetropole an der Themse. Unter dem Strich dürfte die britische Hauptstadt aber erst einmal mehr Stellen verlieren als neue hinzugewinnen.

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