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HINTERGRUND-Chinas Jugend protestiert leise gegen Turbokapitalismus
8. September 2017 / 06:24 / vor 15 Tagen

HINTERGRUND-Chinas Jugend protestiert leise gegen Turbokapitalismus

Customers pose with cups of tea named in the fashion of the Sang subculture at the Sung Tea shop in Beijing, August 24, 2017. The tea creations are called: "You are the Fattest" and "You don't have nothing, you have a disease". Picture taken August 24, 2017. REUTERS/Thomas Peter

Peking (Reuters) - Für ihre Eltern wäre es noch das Paradies gewesen: ein Leben in Wohlstand mit ungeahnten Aufstiegsmöglichkeiten.

Doch unter den jungen Chinesen herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Sie sehen sich immer stärker mit den Schattenseiten des rasanten Wirtschaftswachstums konfrontiert. Bei vielen machen sich Zweifel am grassierenden Turbokapitalismus in den Metropolen breit. Sie glauben nicht mehr vorbehaltlos an die großen Ideale von Fortschritt und Erfolg. Sie leiden unter den gewaltigen Erwartungen der Gesellschaft und sehen ihre Zukunft eher düster. Dieses Gefühl von Mutlosigkeit und Gedrücktheit in der nachwachsenden Generation hat in China einen Namen: “Sang”. Das Wort steht mittlerweile für eine kulturelle Grundstimmung, die von der kommunistischen Führung zunehmend als Bedrohung staatstragender Werte wie Tüchtigkeit und Zuversicht bekämpft wird.

“‘Sang’ ist ein stiller Protest gegen das unerbittliche Streben der Gesellschaft nach Erfolg im traditionellen Sinne. Es geht um das Eingeständnis, dass man es einfach nicht schafft”, sagt die 27-Jährige Zhao Zengliang, die mit ihren schwarzhumorigen Internetbeiträgen und einem Buch zu dem Thema Bekanntheit erlangt hat. Sie steht für die 380 Millionen 18- bis 35-Jährigen in ihrem Land, die sich in einem deutlich verschärften Konkurrenzkampf um Jobs und Lebensstandard befinden.

DAS LEBEN WIRD IMMER TEURER

Nicht zuletzt die - inzwischen aufgeweichte - Ein-Kind-Politik trug dazu bei, dass Eltern und Großeltern die Kinder mit Erwartungen überfrachten. Der Nachwuchs soll alle Kräfte darauf ausrichten, in die Großstadt zu ziehen, dort eine gut bezahlte Stelle zu ergattern und sich eine Wohnung zu kaufen. Doch das wird immer schwerer. Von den chinesischen Universitäten strömen inzwischen acht Millionen Absolventen im Jahr auf den Arbeitsmarkt. Das sind fast zehn Mal so viele wie noch 1997. Ihre Einstiegseinkommen sind in diesem Jahr um 16 Prozent auf 4014 Yuan (525 Euro) im Monat eingebrochen. Selbst für Elite-Berufsanfänger, die häufig viel Geld in ein Auslandsstudium investiert haben, liegt das Gehalt einer Umfrage zufolge in den meisten Fällen weit unter den eigenen Vorstellungen.

Zugleich verteuert sich das Wohnen rapide. Zwei-Zimmer-Apartments in Peking kosten im Weiterverkauf mittlerweile durchschnittlich umgerechnet 790.000 Euro, wie aus Berechnungen von Chinas größtem Immobilienportal Fang.com hervorgeht. Im Verhältnis zum verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen liegen die Preise damit drastisch über New Yorker Verhältnissen. Die Durchschnittsmiete in Peking ist der Internetseite Ziroom.com zufolge in den vergangenen fünf Jahren um ein Drittel nach oben geschossen auf umgerechnet 360 Euro. Das entspreche 58 Prozent des Durchschnittseinkommens in der Stadt, ergab eine Untersuchung des Forschungsinstituts E-House China R&D.

Die hohen Wohnkosten führen dazu, dass viele junge Menschen an die Stadtränder ziehen und in den Millionenmetropolen stressige Arbeitswege in Kauf nehmen. Eine weitere Folge ist, dass die Chinesen immer später heiraten und eine Familie gründen.

ABSOLUT NICHTS ERREICHT

Der Frust über Misserfolg und Dauerdruck kann sich in der stark durchreglementierten Gesellschaft aber nur schwer entladen. Auch im Internet lasse dies die Zensur nicht zu, sagt Xiao Ziyang vom staatlichen Forschungsinstitut Chinese Academy of Social Sciences (CASS). “Die Regierung muss die öffentliche Meinung kontrollieren, um soziale Probleme zu verhindern.” Vor dem alle fünf Jahre stattfindenden Kongress der Kommunistischen Partei im Herbst gilt verstärkte Aufmerksamkeit. Die depressive Stimmung in Teilen der gut ausgebildeten jungen Generation sorgt für Nervosität in der Regierung. Sie sieht darin Symptome eines gefährlichen Defätismus. Das Parteiorgan “Volkszeitung” geißelte die “Sang”-Kultur im August als “Haltung des extremen Pessimismus und der Hoffnungslosigkeit, die Anlass zur Sorge gibt”. Der Leitartikel enthielt zugleich einen dringlichen Appell zum Optimismus: “Steht auf und seid mutig. Lebt den Kampfgeist unserer Zeit.”

Die “Sang”-Anhänger dagegen verzichten gezwungenermaßen auf lautstarke Parolen. Sie verbreiten ihr Lebensgefühl in Internetbeiträgen, Songs, Handyspielen und Fernsehsendungen mit Hilfe witziger Anspielungen. Der 29-jährige Xiang Huanzhong hat sogar einen sehr erfolgreichen Weg gefunden, damit Geld zu verdienen. Er hat die Teehauskette Sung Tea gegründet, die mit originellen Produktnamen auf sich aufmerksam macht. Zum Angebot gehören etwa “Absolut-nichts-erreicht-Schwarztee”, “Das-Leben-meiner-Ex-ist-besser-als-meins-Früchtetee” und “Herumhängen-und-auf-den-Tod-warten-Matcha-Tee”. Auch “Sang”-Hohepriesterin Zhao zelebriert ihren Depri-Kult mit einer feinen Prise Ironie: “Ich wollte heute für Sozialismus kämpfen, aber das Wetter ist so abartig kalt, dass ich nur im Bett liegen und mit meinem Handy spielen kann”, heißt es in einem ihrer Internetbeiträge. “Es wäre klasse, wenn ich morgen einfach aufwachen würde und schon in Rente wäre.”

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