December 4, 2008 / 4:32 PM / 11 years ago

Immer mehr Erwerbstätige beziehen Hartz IV

Berlin (Reuters) - Immer mehr Arbeitnehmer beziehen zusätzlich zu ihrem Lohn Arbeitslosengeld II. Ende Juli gingen laut Bundesagentur für Arbeit 1,35 Millionen Hartz-IV-Empfänger einer bezahlten Beschäftigung nach.

Das waren 100.000 mehr als ein Jahr zuvor. Mehr als jeder vierte Hilfebezieher war damit erwerbstätig. Gewerkschafter prangerten dies am Donnerstag prompt als Beleg für “staatlich gefördertes Lohndumping” an. Arbeitsmarktexperten verweisen dagegen darauf, dass die Zahl auch positiv gesehen werden könne: immer mehr Hartz-IV-Empfängern gelinge es, durch eigenes Einkommen einen Beitrag zu ihrer Existenzsicherung zu leisten.

Die von der Bundesagentur (BA) monatlich mit einem Abstand von vier Monaten veröffentlichten Daten bestätigen eine seit langem anhaltende Tendenz. Allerdings sagen die Daten nichts über die Gründe, warum die Menschen trotz eigenen Einkommens auf ergänzende staatliche Hilfen angewiesen sind. Dies muss nicht zwangsläufig daran liegen, dass die “Arbeitgeber Dumpinglöhne zahlen”, wie Franz-Josef Möllenberg als Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erklärte.

Eine Erklärung kann stattdessen auch sein, dass bislang arbeitslose Geringqualifizierte im zu Ende gehenden Job-Boom eine Beschäftigung gefunden haben - die aber aufgrund der geringen Qualifikation auch gering bezahlt ist. Zudem spielt die Familiengröße eine Rolle. Paare mit minderjährigen Kindern müssen nach Zahlen der Bundesagentur monatlich mindestens 1600 Euro brutto verdienen, um aus dem Hartz-IV-Bezug herauszufallen.

Selbst der von den Gewerkschaften geforderte Mindestlohn von 7,50 Euro würde am Hartz-IV-Bezug von Familien somit wenig ändern. Nach Berechungen der Arbeitgeber muss ein verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern über 14 Jahren mindestens 13 Euro brutto pro Stunde verdienen, um keinen Hartz-IV-Anspruch zu haben. Je nach Wohnort und damit Höhe der Miet- und Heizkosten kann die Untergrenze regional bedingt auch noch höher liegen.

Aus Sicht des Arbeitsmarktexperten Helmut Rudolph vom zur BA gehörenden Forschungsinstitut IAB sind die Zahlen eher positiv zu werten. “Die Zahl der Bedarfsgemeinschaften insgesamt sinkt, und eine zunehmende Zahl von Leistungsbeziehern verfügt über eigenes Einkommen”, sagte Rudolph. “Das sind richtige Schritte in Richtung Aktivierung zur Teilhabe am Erwerbsleben.” Rudolph war Mitautor einer IAB-Studie vor einem Jahr, wonach die Hartz-IV-Bedürftigkeit bei Erwerbsarbeit häufig nur ein vorübergehender Zustand ist. Vor allem Vollzeitbeschäftigte bezögen die staatliche Hilfe meist nur für kurze Zeit.

Lohndrückerei seitens der Arbeitgeber will aber auch der IAB-Experte Rudolph nicht ausschließen. Es gebe immer wieder Berichte über Einzelfälle, dass ein Arbeitgeber Niedriglöhne zahle mit dem Argument, der Arbeitnehmer könne seine Existenzsicherung über die staatlichen Hilfen decken. Es gebe aber keine Belege, dass dies systematisch geschehe.

Der größte Teil der erwerbstätigen Bezieher von Arbeitslosengeld II geht nur einem Mini-Job nach. Das waren im Juli rund 724.000. Weitere 244.000 verfügten über ein monatliches Erwerbseinkommen von 400 bis 800 Euro, und 384.000 Hartz-IV-Bezieher verdienten mehr als 800 Euro. Wie viele in Voll- oder Teilzeit arbeiten, lässt die Statistik offen.

0 : 0
  • narrow-browser-and-phone
  • medium-browser-and-portrait-tablet
  • landscape-tablet
  • medium-wide-browser
  • wide-browser-and-larger
  • medium-browser-and-landscape-tablet
  • medium-wide-browser-and-larger
  • above-phone
  • portrait-tablet-and-above
  • above-portrait-tablet
  • landscape-tablet-and-above
  • landscape-tablet-and-medium-wide-browser
  • portrait-tablet-and-below
  • landscape-tablet-and-below