April 30, 2020 / 9:37 AM / a month ago

Fast jeder dritte Beschäftigte in Deutschland von Kurzarbeit bedroht

A general view of the Brandenburg gate, as the spread of the coronavirus disease (COVID-19) continues in Berlin, Germany, April 16, 2020. Picture taken April 16, 2020. REUTERS/Christian Mang - UP1EG4H0OQQ0Q

Nürnberg (Reuters) - Die Bundesagentur für Arbeit (BA) erwartet in Deutschland wegen der Corona-Krise keine Massenentlassungen, dafür aber eine nie dagewesene Rekordzahl von Kurzarbeit.

Die Arbeitslosenzahl stieg im April zwar deutlich um 308.000 auf knapp 2,65 Millionen, wie die BA am Donnerstag mitteilte. Doch anstelle von Kündigungen überbrücken Firmen die Krise mit Kurzarbeit: Gut 10,1 Millionen Beschäftigte und damit fast jeder dritte Arbeitnehmer ist davon bedroht. “Das Kurzarbeitergeld scheint zu wirken”, sagte BA-Chef Detlef Scheele in Nürnberg. “Entlassungen finden nicht in großem Umfang statt. Die Betriebe halten Mitarbeiter.” Die Krise frisst sich aber durch die Finanzen: Die BA geht laut Scheele davon aus, dass ihr 26-Milliarden-Euro-Polster aufgezehrt wird und die Behörde Milliardenhilfen des Bundes benötigen könnte.

Üblich ist im April aufgrund der Jahreszeit eigentlich ein Rückgang der Arbeitslosenzahl, weil mit der Beschäftigung in den Außenberufen wie Bau, Gastronomie und Landwirtschaft eine Frühjahrsbelebung einsetzt. Durch den Virus-Shutdown brach dies nun weg. Unter Herausrechnung der jahreszeitlichen Schwankungen stieg die Arbeitslosenzahl im Monatsvergleich um einen saisonbereinigten Rekordwert von 373.000. “Das Gute daran ist, es sind nicht vorrangig Entlassungen”, sagte Scheele. Zum Anstieg der Arbeitslosenzahl hätten nur in geringem Umfang Kündigungen geführt. Ausschlaggebend sei gewesen, dass weniger Menschen in Weiterbildungsmaßnahmen seien und dass der Stellenmarkt eingebrochen sei. Die Stellenzugänge seien im April um rund 50 Prozent eingebrochen.

SCHEELE: KURZARBEITERZAHL LÄSST ATEM STOCKEN

Die Arbeitslosenquote stieg laut BA um 0,7 Prozentpunkte auf 5,8 Prozent. Es gab 415.000 Arbeitslose mehr als vor einem Jahr. Zudem ist fast jeder dritte der über 33 Millionen Beschäftigten von Kurzarbeit bedroht. “Das ist eine Zahl, die uns auch ein bisschen den Atem hat stocken lassen”, sagte Scheele. Von den bislang erfassten 751.000 Betrieben, die Kurzarbeit angezeigt hätten, seien bis zu 10,14 Millionen Beschäftigte betroffen. Dies sei aber auch eine gute Nachricht, da diese Arbeitnehmer nicht arbeitslos würden. “Sie ist auch ein Indiz, dass die Arbeitgeber auf die Funktionsfähigkeit unserer Systeme setzen.”

Scheele warnte davor, diese Zahl mit der tatsächlich realisierten Kurzarbeit gleichzusetzen. “Nicht jeder, der da steht, geht in Kurzarbeit.” Die Arbeitgeber müssten vorsorglich alle Beschäftigten anmelden, damit sie diese im Fall von Kurzarbeit auch mit der BA abrechnen könnten. Das sei eine Maximalzahl. “Wir haben Euch alle über den Zaun geworfen, damit wir auch alle abrechnen können”, zitierte Scheele Personalverantwortliche in Unternehmen.

Dennoch wird die Kurzarbeit alle Rekorde brechen und die bisherige Höchstzahl von knapp 1,5 Millionen Betroffenen im Frühjahr 2009 weit übertreffen. Scheele machte erstmals die Rechenszenarien öffentlich, über die Reuters am Freitag bereits berichtet hatte. “Wir tendieren im Vorstand dazu, in Richtung des zweiten Szenarios zu denken”, sagte Scheele. Dieses gehe von 2,6 Millionen Kurzarbeitern im Jahresdurchschnitt und acht Millionen in der Spitze aus. Die Rücklage der BA in Höhe von knapp 26 Milliarden Euro würde aufgezehrt und die Behörde würde laut Scheele in diesem Jahr vier bis fünf Milliarden Euro als Darlehen vom Bund benötigen. Damit wäre aber noch nicht Schluss: Aus dem Reuters vorliegenden Szenario geht hervor, dass die BA 2021 weitere Hilfen von 10,3 Milliarden Euro bräuchte.

Auf dem Ausbildungsmarkt zeigen sich laut Scheele noch keine Bremsspuren. Die BA befürchtet aber, dass Betriebe zugesagte Lehrstellen im Juni oder Juli aufkündigen könnten, wenn sich die Lage bis dahin nicht verbessert habe. “Mein Appell ist eindeutig: Bildet aus!” forderte der BA-Chef die Arbeitgeber auf. Fachkräfte würden auch nach der Krise benötigt.

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