September 3, 2018 / 9:48 AM / 2 months ago

Argentinien taumelt in nächste Wirtschaftskrise

Pedestrians walk past an electronic board showing currency exchange rates in Buenos Aires' financial district, Argentina, June 29, 2018. REUTERS/Agustin Marcarian

Berlin (Reuters) - Mehr als 200 Milliarden Dollar Schulden im Ausland, eine sehr hohe Inflation und ein dramatischer Wertverfall des Peso: Für Argentinien kommt es derzeit knüppeldick.

Das Land hat den Internationalen Währungsfonds (IWF) gebeten, aus dem erst vor kurzem bewilligten Hilfsprogramm über rund 50 Milliarden Dollar Auszahlungen vorzuziehen. Parallel ist die Regierung in Buenos Aires dabei, ihre Spar- und Reformpläne auszuweiten. Das aber birgt das Risiko, dass die ohnehin fragile innenpolitische Lage in dem südamerikanischen Land noch instabiler wird. Die deutsche Wirtschaft ist besorgt, auch wenn Argentinien als Handelspartner keine dominante Rolle.

Noch Anfang des Jahres war die Lage anders. “Der wirtschaftliche und politische Horizont in Argentinien klart auf”, hieß es damals von der deutschen Investitionsagentur GTAI. “Nach dem Wahlsieg der Regierung bei den Parlamentswahlen im Oktober 2017 bestehen gute Chancen für die Kontinuität der marktfreundlichen Reformpolitik von Präsident Mauricio Macri. Der Konjunkturaufschwung gewinnt an Kraft.”

Hinzu kam Prestige mit der Präsidentschaft der einflussreichen G20-Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer, die Argentinien in diesem Jahr innehat. Warnungen von Ökonomen wegen der hohen Auslandsverschuldung, Hauhaltsdefiziten oberhalb von sechs Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung und der Abhängigkeit von Kapitalzuflüssen aus dem Ausland traten in den Hintergrund. Dabei ist die letzte große Krise des Landes, als der Staat 2001 pleite war und seine Gläubiger nicht mehr bedienen konnte, noch in Erinnerung.

Laut IWF drehte der Wind im April. Eine andauernde Dürre ließ die Agrarproduktion und somit Exporterlöse einbrechen. Die Energiepreise zogen an. Einherging das mit ungünstigeren Finanzierungsbedingungen in der Welt - denn in den USA steigen die Zinsen wieder und der Dollar hat aufgewertet. Hinzu kam die radikale Steuerreform von US-Präsident Donald Trump, die Kapital in Richtung der Vereinigten Staaten lockt und damit weg von Schwellenländern. Das spürt nicht nur Argentinien, sondern auch die Türkei, Indien und Südafrika. Im Falle Argentiniens kommt ein hoher Finanzierungsbedarf hinzu. Die Folge: Die Landeswährung büßte 2018 bisher rund 54 Prozent an Wert ein, die Regierung muss Anlegern deutlich mehr Zinsen zahlen, um an Kapital zu kommen.

WAS MACHT DER IWF JETZT?

Dabei würdigen viele Experten wie IWF-Chefin Christine Lagarde den Reformkurs in den vergangenen zweieinhalb Jahren - mit Änderungen in der Währungs-, Subventions- und Steuerpolitik. “Die von den Behörden betriebene Politik versucht, langbestehende Verwundbarkeiten anzugehen, für Nachhaltigkeit bei den Schulden zu sorgen, die Inflation zu reduzieren sowie Wachstum und neue Jobs zu fördern, um so die Armut zu senken”, sagte sie im Juni. Doch die Finanzmärkte überzeugte das nicht. Ein Ausverkauf war die Folge.

Jetzt richtet sich der Blick noch stärker auf den IWF. Der Fonds gewährte der drittgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas Mitte des Jahres ein Hilfspaket von 50 Milliarden Dollar - kurzfristig gezahlt wurden bereits 15 Milliarden davon. Der IWF ist eigenen Angaben zufolge grundsätzlich bereit, schneller als geplant weitere Gelder aus dem Paket zu überweisen. Eine Sprecherin des deutschen Außenministeriums sagte, das eröffne die Chance einer Stabilisierung. Viele Experten empfehlen diesen Weg auch der ebenfalls angeschlagenen Türkei.

Argentinien liegt mit einem bilateralen Handelsvolumen mit Deutschland von 4,2 Milliarden Euro in der Rangliste der hiesigen Handelspartner nicht in den Top 50. “Die Wirtschaftskrise betrifft auch deutsche Unternehmen”, sagt dennoch DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. “Zwar ist das Land keiner unserer wichtigsten Handelspartner, aber als Mitglied der G20 strukturell bedeutend für die Weltwirtschaft.” Rund 200 deutsche Firmen sind in Argentinien derzeit tätig.

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