January 29, 2018 / 1:21 PM / 7 months ago

Diesel-Versuche bringen Autobauer erneut in Bedrängnis

Hamburg/Berlin (Reuters) - Nächstes Desaster für die Autoindustrie: Berichte über Abgasversuche eines Forschungsvereins der Autobauer an Affen und Menschen haben Empörung bei Politik und Unternehmen ausgelöst.

The exhaust system of a Volkswagen Passat TDI diesel car is seen in Esquibien, France, September 23, 2015. Volkswagen AG said a scandal over falsified U.S. vehicle emission tests could affect 11 million of its cars around the globe as investigations of its diesel models multiplied, heaping fresh pressure on CEO Martin Winterkorn. The world's largest automaker said it would set aside 6.5 billion euros ($7.3 billion) in its third-quarter accounts to help cover the costs of the biggest scandal in its 78-year-history, blowing a hole in analysts' profit forecasts. REUTERS/Mal Langsdon

Die Bundesregierung verurteilte die Versuche scharf. “Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen und werfen viele kritische Fragen an diejenigen, die hinter diesen Tests standen, auf”, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Er sprach dabei ausdrücklich im Namen von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bundesverkehrsminister Christian Schmidt (CSU) ließ über einen Sprecher erklären, er habe kein Verständnis für Tests zum Schaden von Tieren und Menschen, die nicht der Wissenschaft dienten, “sondern ausschließlich PR-Zwecken”.

Volkswagen räumte ein, dass Mitarbeiter des Konzerns von den umstrittenen Tierversuchen in den USA gewusst hätten. “Informationen über die Studie der US-Forscher hatten einzelne Mitarbeiter in der Rechtsabteilung des Konzerns, in den Konzern-Außenbeziehungen, in der Technischen Entwicklung der Marke Volkswagen und bei Volkswagen of America”, teilte der Wolfsburger Konzern am Montag mit. Die Studie sei nicht Gegenstand einer Vorstandssitzung gewesen.

Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, dessen Konzern bereits vom Abgasskandal gebeutelt ist, kündigte eine umfassende Aufklärung an. Die Vorgänge seien in keiner Weise nachvollziehbar. Das Kontrollgremium des Wolfsburger Autobauers werde sich zeitnah mit dem Thema befassen. “Wer auch immer dafür Verantwortung zu tragen hat, ist selbstverständlich zur Rechenschaft zu ziehen.”

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stefan Weil (SPD), der als Vertreter des Landes im VW-Aufsichtsrat sitzt, verlangte Aufklärung. Weil sprach in Hannover von “alarmierenden Meldungen”, dass solche Tests nicht nur an Affen, sondern auch an Menschen “erwogen oder sogar durchgeführt worden” seien und nannte die Vorgänge erneut “absurd und widerlich”. Er brachte personelle Konsequenzen ins Gespräch, sollten sich die Vorwürfe bestätigen. Er als Aufsichtsrat habe nichts von diesen Vorgänge gewusst. Er könne sich auch nicht vorstellen, dass andere Aufsichtsratsmitglieder informiert gewesen seien.

BETRIEBSRAT FORDERT PERSONELLE KONSEQUENZEN

VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh zeigte sich erschüttert: “Hier sind offensichtlich ethisch-moralische Grenzen überschritten worden.” Sollten damals Verantwortliche noch bei Volkswagen beschäftigt sein, müssten kurzfristig personelle Konsequenzen gezogen werden.

Einem Bericht der “Bild”-Zeitung zufolge soll Volkswagen von Beginn an in die Tierversuche eingeweiht gewesen sein. Interne E-Mails belegten, dass die Idee zu der Studie von VW gestammt habe. Die Chef-Etage sei eingebunden gewesen. Der damalige leitende Werksarzt habe zudem offenbar versucht, den Auftrag durch entsprechende Formulierungen zu tarnen.

Dem Bundestags-Untersuchungsausschuss zum VW-Dieselskandal sollen die Abgastests an Tieren einem Bericht des “Handelsblatts” zufolge schon seit längerem bekannt sein. Schon auf dessen Sitzung am 8. September 2016 habe ein bekannter Toxikologe mehrfach davon berichtet, dass es entsprechende Tests gegeben habe. Keiner der informierten Politiker habe jedoch daran Anstoß genommen. Dies gehe aus dem stenografischen Protokoll der Sitzung hervor, das der Zeitung nach eigenen Angaben vorliegt. 

Die durch die Affenversuche in die Kritik geratene “Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor” (EUGT) soll nach Berichten von “Stuttgarter Zeitung” und “Süddeutscher Zeitung” auch ein Experiment gefördert haben, bei dem sich Probanden dem Reizgas Stickstoffoxid ausgesetzt hatten. Dieselabgase gelten als wichtigste Quelle für das Gas. Bei der 2016 veröffentlichten Studie hätten an einem Institut des Aachener Uniklinikums 25 junge, gesunde Personen über mehrere Stunden das Gas in unterschiedlichen Konzentrationen eingeatmet und seien anschließend untersucht worden.

INSTITUT: TESTS HATTEN KEINE VERBINDUNG ZUM ABGASSKANDAL

Das Institut erklärte, die Versuche hätten keinerlei Verbindung zur Dieselbelastung von Menchen. Die Studie von 2013 und 2014 habe sich mit dem Stickoxidgrenzwert am Arbeitsplatz befasst. Die Ethikkommission der Universität habe die 2016 veröffentlichte Studie als vertretbar bewertet. Zur EUGT hatten sich Volkswagen, Daimler, BMW und Bosch zusammengeschlossen. Der Verein wurde im Sommer 2017 aufgelöst. Volkswagen hatte sich am Wochenende für die umstrittenen Tierversuche entschuldigt. Auch BMW und Daimler distanzierten sich davon.

Den Autobauern droht durch die Vorwürfe zweieinhalb Jahre nach dem Dieselskandal von Volkswagen und wenige Monate nach Kartellvorwürfen erneut ein schwerer Imageverlust. Volkswagen hatte im September 2015 zugegeben, millionenfach Abgaswerte durch eine Software manipuliert zu haben. Die Wiedergutmachung des Skandals hat den Konzern bereits mehr als 25 Milliarden Euro gekostet.

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