October 23, 2019 / 2:33 PM / 20 days ago

Bahnchef Lutz wehrt sich gegen Scheuer - Lage im Konzern ernst

Berlin/Frankfurt (Reuters) - Kurz vor der Entscheidung zu milliardenschweren Hilfen ist die die Lage der Bahn ernster als bislang bekannt.

German Transport Minister Andreas Scheuer attends the weekly cabinet meeting in Berlin, Germany, October 16, 2019. REUTERS/Michele Tantussi

Der Zustand der Güterbahn etwa sei angesichts des Konjunkturabschwungs “dramatisch”, heißt es im Entwurf eines Briefes der Bahn an Verkehrsminister Andreas Scheuer, der Reuters am Mittwoch vorlag. Für Cargo sei eine dauerhafte Förderung des Bundes unabdingbar. Bahnchef Richard Lutz selbst machte deutlich, dass es über Nacht keine Verbesserung im Staatskonzern geben könne und wies ein Ultimatum Scheuers zurück: “Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht”, sagte er der “Zeit”. Scheuer hatte von Lutz einen Plan für raschere Reformen bis Mitte November verlangt. Dann will der Bund eigentlich die zugesicherten Hilfen für die Bahn im Rahmen des Klimapakets auf den Weg bringen.

Eine Bahn-Sprecherin sagte zunächst auf Reuters-Anfrage, man äußere sich nicht zu Entwürfen. Später erklärte der Konzern dann: “Reuters bezieht sich offensichtlich auf eine von Referenten zusammengestellte und noch nicht abschließend verifizierte Stoffsammlung.” Der Entwurf sei noch nicht vom Vorstand beschlossen.

In dem Papier heißt es, auch der Vorstand teile die Auffassung, dass die Erwartungen an die Bahn vor dem Hintergrund der Zusagen im Klimaschutzprogramm wüchsen. Man sei auch in vielen Punkten bei Qualität und Pünktlichkeit planmäßig vorangekommen. Allerdings wird eingeräumt, dass es wegen Lokführer-Mangels Tausende Zugausfälle allein bei den Pendlerzügen von DB Regio gebe: “Für das laufende Jahr 2019 beträgt die Anzahl der Zugausfälle aufgrund mangelnder Triebfahrzeugführer bis September rund 3.900”, heißt es in dem Entwurf. Im vergangenen Jahr seien insgesamt 5.000 Pendlerzüge und S-Bahnen von DB Regio aus diesem Grund gar nicht erst abgefahren. Man habe daher dieses Jahr schon 1.500 Lokführer eingestellt und gehe davon aus, den fehlenden Bedarf noch dieses Jahr schließen zu können.

DOKUMENT: LAGE BEI DB CARGO SPITZT SICH ZU

Ein besonders düsteres Bild zeichnet der Brief-Entwurf bei der seit Jahren kriselnden Güterbahn. Die aktuell schwierige Lage spitze sich weiter zu. “Der jüngste Konjunkturrückgang insbesondere in den für DB Cargo kritischen Branchen Automotive und Stahl lässt für 2019 einen deutlich über 2018 liegenden Verlust erwarten.” Da hatte Cargo 190 Millionen Euro Verlust gemacht, der 2019 eigentlich reduziert werden sollte. Die Gefahr eines Zwangs zur erneuten Abschreibung des Unternehmenswertes wie schon 2015 steige, heißt es weiter. Der gesamte Konzern war in diesem Jahr durch die milliardenschwere Abschreibung in die Verlustzone gedrückt worden. “Der besorgniserregende Zustand erfordert umfassende Sanierungen. Die aktuelle Rezession erhöht dabei den Handlungsdruck massiv.”

In dem Entwurf wird darauf hingewiesen, dass es Fortschritte etwa bei Pünktlichkeit und Kundenzufriedenheit gegeben habe. Eine interne Dokumentation von Verspätungen zeigt jedoch, dass gerade der Güterverkehr zuletzt massiv auch unter Störungen im Netz gelitten hat. Am vergangenen Wochenende sei die Zahl der Güterzüge, die nicht abgefahren werden konnten, auf über 200 pro Tag gestiegen, hieß es dort. Als Gründe werden unter anderem “Oberleitungsstörungen in Göttingen und Celle” oder “Vegetation in der Oberleitung” genannt, so dass über Stunden kein Verkehr zwischen Hamburg und Hannover möglich gewesen sei.

LUTZ: BIN SO GERNE WIE NOCH NIE BAHNCHEF

Scheuer hatte im Brief an Lutz deutlich gemacht, dass er ein “Weiter so” nicht akzeptiere und gerade bei Cargo ein “nachprüfbares Konzept mit konkreten Maßnahmen” verlangt. “Die Bahn muss positioniert werden als modernes, zuverlässiges, schnelles, preiswertes und flexibles Transportmittel”, legte der CSU-Politiker am Mittwoch auf dem Deutschen Logistik-Kongress nach. “Ich sage flexibel - da bin ich bei dem Gütertransport überhaupt nicht zufrieden.”

Lutz sagte der “Zeit” auf die Frage, ob er Weihnachten noch Bahnchef sei, er verschwende seine Zeit nicht mit solchen Gedanken. “Mir hat dieser Job noch nie so viel Spaß gemacht wie heute.”

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