November 15, 2019 / 5:51 AM / in 23 days

Was für und gegen eine Belebung der Konjunktur spricht

Berlin (Reuters) - Deutschland ist entgegen den Prognosen der meisten Experten einer Rezession gerade noch einmal entronnen.

The moon is seen during a lunar eclipse next to the German national flag on top of the Reichstag building in Berlin, Germany, July 27, 2018. REUTERS/Fabrizio Bensch

Im dritten Quartal sank das Bruttoinlandsprodukt nicht wie erwartet erneut, sondern legte um 0,1 Prozent zu. Ökonomen geben allerdings noch keine Entwarnung, schließlich bleiben Risiken wie Handelskonflikte und Brexit-Chaos bestehen. Nachfolgend ein Überblick über Chancen und Risiken für die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr:

DAS SPRICHT FÜR EINE BELEBUNG

KONSUM: Regierung, Institute und Bankenexperten sagen ungeachtet der konjunkturellen Flaute einen weiteren Anstieg der Erwerbstätigenzahl voraus. Der Sachverständigenrat rechnet 2020 mit einem Beschäftigungsplus von 135.000. Zusammen mit bereits vereinbarten oder noch kommenden Lohnabschlüssen spricht das dafür, dass der private Konsum weiter zulegen und damit die Wirtschaft vor den außenwirtschaftlichen Stürmen wie Handelskonflikten und Brexit schützen dürfte. “Neben spürbar steigenden Tariflöhnen wurden zur Jahresmitte auch staatliche Transferzahlungen erhöht, wie etwa Renten und Kindergeld”, sagt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Auch das sollte den Konsum künftig stützen.

OSTEUROPA: Das Geschäft der deutschen Unternehmen mit Osteuropa brummt und gleicht die Schwäche traditioneller westlicher Handelspartner teilweise aus. So nahm der deutsch-polnische Handel in den ersten sechs Monaten 2019 um fünf Prozent auf erstmals mehr als 60 Milliarden Euro zu. Polen überholte damit in der Rangliste der 20 wichtigsten Handelspartner Großbritannien und kam auf den sechsten Platz. Das deutsche Handelsvolumen mit den vier Visegrad-Staaten Polen, Tschechien, Ungarn und Slowakei übertraf im ersten Halbjahr mit zusammen 150 Milliarden Euro den Wert des Güterverkehrs mit China (100 Milliarden) deutlich.

ARBEITSTAGE: 2020 ist ein arbeitgeberfreundliches Jahr. Einige Feiertage wie der 3. Oktober und der zweite Weihnachtsfeiertag fallen auf einen Samstag. Dieser Effekt allein bringt 0,4 Prozentpunkte Wachstum. So rechnen die Wirtschaftsweisen im kommenden Jahr mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von 0,9 Prozent, der bereinigt um den Kalendereffekt nur bei 0,5 Prozent liegen würde.

DAS SPRICHT GEGEN EINE BELEBUNG

AUTOINDUSTRIE: Die Umstellung vom Verbrennungsmotor auf die Elektromobilität bringt einen tiefgreifenden Strukturwandel für die deutsche Vorzeigebranche mit sich. Hinzu kommt die schwächere weltweite Nachfrage. Der Autozulieferer Continental etwa erwartet auch im kommenden Jahr keine Erholung der Autokonjunktur. “Im besten Fall sehen wir in 2020 weltweit eine Seitwärtsentwicklung der Automobilproduktion”, betont Finanzvorstand Wolfgang Schäfer. Darunter leiden auch nachgelagerte Industrien wie etwa der Maschinenbau. “Deutschlands Paradebranche – die Automobilindustrie – läuft nicht mehr rund”, sagt DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle.

WETTBEWERBSFÄHIGKEIT: Hier hat sich Deutschland nach Einschätzung vieler Experten in den vergangenen Jahren verschlechtert. Im “Ease of Doing Business Index” der Weltbank - ein Gradmesser für die Geschäftsfreundlichkeit von Volkswirtschaften - rutschte Deutschland zuletzt fünf Jahre in Folge ab und findet sich nur noch auf dem 24. Platz wieder, hinter Ländern wie Nordmazedonien und Georgien. “Darüber hinaus ist die verkehrliche und digitale Infrastruktur wegen unzureichender Investitionen mangelhaft”, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. “Diese Erosion der Wettbewerbsfähigkeit schlägt sich mittlerweile sogar in den harten Daten nieder.” So entwickele sich das deutsche Bruttoinlandsprodukt seit Beginn des Abschwungs Anfang 2018 verglichen mit dem Rest des Euro-Raums unterdurchschnittlich. Auch deshalb lautet Krämers Prognose: “Auch im kommenden Jahr ist mit keiner durchgreifenden Besserung zu rechnen.”

WELTKONJUNKTUR: Das Weltwirtschaft dürfte vorerst schwach bleiben. So geht die Industriestaaten-Organisation OECD davon aus, dass sich das globale Wachstum 2020 nur minimal beschleunigen wird, und zwar von 2,9 auf 3,0 Prozent. Für Export-Europameister Deutschland sind das keine guten Nachrichten. Dadurch erhöht sich die Gefahr, dass die exportabhängige Industrie in der Rezession stecken bleibt und nach und nach andere Wirtschaftsbereiche ansteckt - etwa die Logistikbranche und andere unternehmensnahe Dienstleister.

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