February 7, 2008 / 6:53 PM / 12 years ago

Erdogan mahnt zur Mäßigung nach Brandkatastrophe

Ludwigshafen (Reuters) - Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan hat nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen zur Mäßigung aufgerufen.

Turkish Prime Minister Tayyip Erdogan (C) stands next to Rhineland-Palatinate Prime Minister Kurt Beck (R) in front of the burned out house in downtown Ludwigshafen, February 7, 2008. Nine people, including five children, have been killed in a fire in a house in Ludwigshafen on Sunday, February 3. It was unclear what had caused the fire, a police spokesman said, adding that 52 people, mostly Turkish citizens, were registered as living in the house. REUTERS/Kai Pfaffenbach(GERMANY)

“Lassen sie uns alle helfen, um die Freundschaft der Türkei zur Bundesrepublik Deutschland zu stärken”, sagte er am Donnerstag am Unglücksort. Zusammen mit dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck und der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer, machte er einen Rundgang an der Brandruine, wo am Sonntag neun Türken starben.

Erdogan appellierte an die Presse, nichts zu schreiben, was den Frieden zwischen den beiden Ländern zerstören könnte. Ausdrücklich bedankte er sich bei Polizei und Feuerwehr für ihren Einsatz bei dem Brand. Er forderte eine schnelle und sorgfältige Aufklärung, was ihm seine deutschen Gesprächspartner zusicherten. Türkische Ermittler begleiten auf Wunsch Erdogans die deutschen Untersuchungen. Am Freitag trifft Erdogan in Berlin auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Ursache für das verheerende Feuer war auch am Donnerstag noch unklar. Oberstaatsanwalt Lothar Liebig sagte am Abend, die Ermittlungen könnten sich noch Wochen hinziehen. Es werde weiter in alle Richtungen ermittelt. Hinweise auf Brandbeschleuniger, die auf einen Anschlag hindeuten könnten, hätten sich nach den ersten Untersuchungen in der Brandruine nicht ergeben, hieß es bei der Polizei. Liebig sagte, Vorrang bei den Untersuchungen habe der Zustand der Elektrik des Hauses. Es werde unter anderem Hinweisen nachgegangen, dass im Keller illegal Strom abgezapft worden sei. Auch die beiden Mädchen, die Brandstifter gesehen haben wollen, würden weiter befragt.

Wegen der Brandkatastrophe verschiebt die ARD die Ausstrahlung seines Ludwigshafen-Tatort-Krimis am kommenden Sonntag, der in deutsch-türkischem Milieu spielt. “Mit dieser Entscheidung nehmen wir Rücksicht auf eine große Trauergemeinde, deren Gefühle wir nicht verletzen wollen”, sagte SWR-Intendant Peter Boudgoust.

Zum Besuch Erdogans hatten sich auf dem Danziger Platz vor dem Brandhaus hinter Polizeiabsperrungen mehrere tausend Menschen versammelt, die meisten davon Türken. Viele waren mit Blumen gekommen, am Absperrzaun waren unzählige Kränze, Blumengebinde und auf Papier oder Karton geschriebene Beileidsbekundungen angebracht. Vereinzelt wurden auch Schilder hochgehalten, unter anderem mit den Parolen: “Gestern Juden, heute Moslems” oder “Gestern Solingen - heute Ludwigshafen - morgen?” Auch Erdogan hatte am Dienstag in Ankara vor einem “neuen Solingen” gewarnt. Dort waren vor 15 Jahren fünf Türken bei einem fremdenfeindlichen Anschlag getötet worden.

Zur Mäßigung hatte zuvor auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, aufgerufen. Die Berichterstattung über den Brand sei in türkischsprachigen Zeitungen über das Ziel hinaus geschossen, sagte er dem SWR. Allerdings gebe es auch einen Zusammenhang zwischen der aggressiven Stimmung und der Wahlkampagne von Hessens Ministerpräsident Roland Koch sowie den Restriktionen durch das Zuwanderungsgesetz. Koch hatte in seinem Landtagswahlkampf die Kriminalität von Jugendlichen ausländischer Herkunft zu einem Schwerpunkt gemacht.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sprach von unverantwortlicher Hetze. Das sei eine Art Journalismus, “den kann man nur mit Empörung verurteilen”, sagte er RTL.

ERDOGAN RUFT ZU STILLER TRAUER AUF

“Unsere Trauer soll eine stille Trauer sein”, sagte Erdogan vor der Brandruine. Die ganze Türkei trauere unermesslich. Er sei sicher, dass der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Beck ebenfalls tiefe Trauer verspüre.

Beck sagte, er hätte sich einen freudigen Anlass für Erdogans Besuch gewünscht. “Unsere Gedanken sind in diesen Tagen immer zuerst bei den Menschen, die ums Leben gekommen sind, und ihren Familien. Wir trauern um die Toten.” Deutsche und Türken sollten das furchtbare Ereignis nutzen, um die Gemeinsamkeiten zu stärken. “Wir sind in Trauer vereint. Das Unglück wird uns nicht auseinander bringen.”

Innenminister Schäuble, der wiederholt vor falschen Verdächtigungen und Pauschalurteilen gewarnt hatte, sagte, nun hätten alle Verantwortlichen aus der Türkei verstanden, dass es nicht den geringsten Grund des Misstrauens in die Arbeit der deutschen Sicherheitskräfte gebe. Es sei gut, dass Erdogan nach Ludwigshafen gekommen sei und den Angehörigen durch den Besuch seine Solidarität bekundet habe.

Die Islam-Beauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Lale Agkün, warf dem türkischen Regierungschef hingegen vor, den Brand für innenpolitische Ziele zu instrumentalisieren. Er habe den Brand in Ludwigshafen zur Chefsache erklärt, “um sich da noch mal damit auch zu schmücken”, sagte sie im Deutschlandfunk. Erdogan stehe innenpolitisch unter Druck.

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