September 26, 2012 / 7:58 AM / 7 years ago

Streit über Tempolimit für Turbo-Börsenhandel

Berlin (Reuters) - Mit ihrer Regulierung des umstrittenen Hochgeschwindigkeitshandels an den Börsen springt die Bundesregierung nach Auffassung der Opposition und des Europäischen Parlaments viel zu kurz.

Traders work on the floor of the New York Stock Exchange, September 20, 2012. REUTERS/Brendan McDermid (UNITED STATES - Tags: BUSINESS)

In ihrem am Mittwoch verabschiedeten Gesetzentwurf verzichtet die schwarz-gelbe Koalition auf eine Mindesthaltefrist für Börsenaufträge, die den Hochfrequenzhandel massiv ausbremsen würde. Eine solche Frist fordern dagegen das Europaparlament und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) in seinem Konzept zur Finanzmarktkontrolle. Sein Nachfolger Wolfgang Schäuble warnte vor Übertreibungen: “Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten”, sagte er. “Wir brauchen leistungsstarke Finanzplätze in Deutschland, sonst hat die Wirtschaft keine Wachstumschancen.”

Das Bundeskabinett brachte einen Gesetzentwurf auf den Weg, der unter anderem eine Zulassungspflicht für die Betreiber superschneller Handelscomputersysteme vorsieht. Diese durchforsten die Börsenkurse auf minimale Kursdifferenzen, aus denen sie dann mittels unzähliger Handelsaufträge binnen Sekundenbruchteilen Profit schlagen. Mit dem Regulierungsgesetz ist Deutschland Vorreiter in der Europäischen Union. Auf den Computerhandel entfallen mittlerweile 40 Prozent der Börsenumsätze, in den USA dürften es rund 70 Prozent sein.

Ziel der Bundesregierung sei es, Übertreibungen und Missbrauch zu bekämpfen, sagte Schäuble. Dazu würden etwa die Möglichkeiten der Aufsichtsbehörden und der Börsen gestärkt, den Handel bei ungewöhnlichen Kursschwanken zu unterbrechen. Zudem sollen Handelspraktiken wie “Scalping” eingedämmt werden. Dabei wird versucht, Kurse durch irreführende Handelssignale zu beeinflussen. In der Vergangenheit hat der Hochfrequenzhandel wiederholt schwere Börsenturbulenzen ausgelöst. So waren beim “Flash Crash” am 6. Mai 2010 an der Wall Street die Kurse binnen Minuten abgestürzt. Die Ursache war ein fehlerhafter Handelsauftrag, dessen Effekt die Super-Rechner verstärkten.

Von einem Verbot des Hochfrequenzhandels ist die Regierung weit entfernt. Auch eine Haltefrist für Börsenorders ist nicht in dem Gesetz vorgesehen. Der Vorschlag des Europäischen Parlaments für die EU-Gesetzgebung geht hier deutlich weiter: Die Abgeordneten fordern, dass ein Auftrag mindestens 0,5 Sekunden bestehen bleiben muss. Der zuständige Ausschuss verabschiedete diese Position am Nachmittag einstimmig, sie soll aber auch noch vom Gesamt-Plenum abgesegnet werden. Die Entscheidung sei ein gutes Signal dafür, dass die Verbraucher besser geschützt würden, sagte der Verhandlungsführer der Abgeordneten, Markus Ferber (CSU). Wie weit sich das Parlament damit durchsetzen kann, wird sich in den Verhandlungen mit den Mitgliedsstaaten zeigen, die noch in diesem Herbst beginnen sollen. Die EU-Richtlinie Mifid II, die auch den Hochfrequenzhandel stärker reguliert, soll ab 2014 gelten.

BRANCHE WEHRT SICH GEGEN MINDESTHALTEFRIST

Auch der mögliche SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück kritisierte, die Bundesgierung gehe mit ihrem Kabinettsbeschluss nicht weit genug. Nicht nur die Unternehmen sollten sich einem Genehmigungsverfahren unterziehen: “Der ihrer Handelsstrategie zugrundeliegende Algorithmus muss einer Zulassung unterworfen werden.” Auch fehle der Nachweis, welchen Nutzen der Hochfrequenzhandel für die Volkswirtschaft habe. Aber auch er räumte ein: “Natürlich wird man ihn nicht abschaffen. Das ist naiv. Wir werden nicht zum Parketthandel des 19. und 20. Jahrhunderts zurückkehren können.”

Aus Sicht der Hochfrequenzhändler würde eine Haltefrist von 0,5 Sekunden ihre Geschäfte massiv stören. “Das würde die Märkte mindestens sieben Jahre zurückwerfen und den Endkunden schaden”, sagte der Generalsekretär des europäischen Branchenverbandes FIA-EPTA, Mark Spanbroek, zu Reuters. FIA-EPTA-Chef Remco Lenterman sagte, falls der EU-Vorschlag umgesetzt werde, würden der Abstand zwischen Angebots- und Nachfragepreisen und damit die Kosten für alle Investoren steigen. In der Folge würden viele Marktteilnehmer voraussichtlich in Schattenmärkte fliehen.

Der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, Michael Kemmer, begrüßte den Gesetzentwurf der Regierung. Eine “Entschleunigung” des Handels oder Mindesthaltefristen für Wertpapiere hingegen minderten nur die Attraktivität des Wertpapierhandels, stabilisierten diesen aber nicht.

Die Deutsche Börse bewertete den Regierungsentwurf grundsätzlich positiv, forderte aber einheitliche Richtlinien für alle Handelsplätze in der EU. Deutschlands größter Börsenbetreiber hat mit eigenen Vorschriften bereits die meisten Forderungen der Bundesregierung umgesetzt - beispielsweise, dass der Handel bei ungewöhnlichen Kursschwankungen unterbrochen wird. Experten gehen deshalb nicht davon aus, dass das deutsche Gesetz große Auswirkungen auf den Handel haben wird. “Mit dem deutschen Plan könnten die meisten Marktteilnehmer leben, mit dem europäischen nicht”, sagte ein Händler zu Reuters.

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