February 26, 2018 / 10:31 AM / 6 months ago

PORTRÄT-Anja Karliczek - Seiteneinsteigerin als Forschungsministerin

Berlin (Reuters) - “Das war schon eine Überraschung. Ich hatte nicht damit gerechnet”, sagte Anja Karliczek am Montag zu ihrer Nominierung als Forschungs- und Bildungsministerin der angestrebten neuen großen Koalition.

Anja Karliczek poses before a Christian Democratic Union (CDU) party congress in Berlin, Germany, February 26, 2018. REUTERS/Fabrizio Bensch - RC1C32767110

Denn die 46-jährige Diplom-Betriebswirtin aus Nordrhein-Westfalen hatte sich zwar in ihrer Zeit im Bundestag seit 2013 schnell eingearbeitet und war 2017 zur parlamentarischen Geschäftsführerin der CDU/CSU-Fraktion aufgerückt. Aber den Turbostart in ein Ministeramt hätte dennoch kaum jemand vermutet.

In ihrer ersten Legislaturperiode saß die aus einer Hoteliersfamilie stammende Karliczek im Tourismusausschuss des Bundestages. Sie rückte dann in den wichtigen Finanzausschuss vor und ist dort etwa als Berichterstatterin für die betriebliche Altersvorsorge zuständig. Zudem ist die Diplom-Kauffrau und verheiratete Mutter von drei Kindern stellvertretendes Mitglied im Haushaltsausschuss.

Dort wird sie von Kollegen als zupackend und willensstark beschrieben. Gelobt wird ausdrücklich sowohl ihre Bodenständigkeit als auch ihre Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen Politikern und mit Bürgern. Forschungsthemen hat sie bisher nicht bearbeitet. “Fragen, fragen, fragen” sei deshalb nun ihre Strategie, sich einzuarbeiten, sagte die Abgeordnete aus dem Wahlkreis Schweinfurt zu Reuters-TV.

Merkel machte deutlich, dass sie gerade Karliczeks nicht geradlinig verlaufenden beruflichen Werdegang als Plus sieht. “Sie ist sozusagen das lebendige Beispiel dafür, wie man berufliche Bildung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, akademische Bildung auch auf neuen und ungewohnten Bildungswegen sehr, sehr gut vereinbaren kann”, lobte die CDU-Chefin sie am Sonntag mit Verweis auf deren Fernstudium. Karliczek habe einen großen Wille und die Fähigkeit bewiesen, sich schnell einzuarbeiten. “Ich bin überzeugt, dass sie die Aufgabe ... sehr gut ausfüllen wird.” Das dürfte für Karliczeks weitere Karriere auch wichtig sein: Denn die Kanzlerin hat seit längerem klar gemacht, wie wichtig ihr das Thema Forschung und Bildung gerade in dieser Legislaturperiode ist.

Die fehlende Kenntnis der Aufsteigerin ihres neuen Ressorts ist aus Merkels Sicht dabei kein Nachteil. Am Sonntag verwies die Kanzlerin darauf, dass sie selbst in ihrer Karriere immer wieder gefragt wurde, was sie eigentlich erst zur Familien- und dann zur Umweltministerin qualifiziert habe.

Nicht ganz unwichtig dürfte bei der Auswahl auch sein, dass Karliczek wie die neue Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und Gesundheitsminister Jens Spahn katholischen Glaubens ist. Denn in der West-CDU gab es seit längerem Grummeln, dass mit Merkel, Fraktionschef Volker Kauder und auch Wolfgang Schäuble vor allem Protestanten die Top-Positionen der Partei besetzten.

Indirekt profitiert Karliczek wohl auch davon, dass Merkel es mit zunehmender Amtszeit nach eigenen Worten immer ernster meint mit ihrer angekündigten Frauenförderung. Die Kanzlerin hatte zugesagt, die Hälfte der sechs CDU-Ministerposten mit Frauen zu besetzen.

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