November 23, 2019 / 1:06 PM / 14 days ago

CSU-Chef Söder begeistert CDU-Bundesparteitag in Leipzig

- von Andreas Rinke und Alexander Ratz

Bavarian State Prime Minister and Christian Social Union (CSU) party leader Markus Soeder receives standing ovation after speaking at the Christian Democratic Union (CDU) party congress in Leipzig, Germany, November 23, 2019. REUTERS/Hannibal Hanschke

Leipzig (Reuters) - Anderthalb Minuten dauert es, dann steht Annegret Kramp-Karrenbauer auf und strebt auf die Mitte der Bühne. Vor ihr sind die Delegierten auf dem CDU-Parteitag aufgesprungen, klatschen und klatschen. Die Begeisterung ist in der Messehalle in Leipzig spürbar. Aber der Applaus gilt nicht der CDU-Chefin, sondern einem Gast aus München.

Markus Söder hat in knapp 39 Minuten den Parteitag “gerockt” - bestens gelaunt, vor Selbstbewusstsein strotzend und mit all den Elementen, nach denen es viele CDU-Delegierten dürstet: Angriffslust, Lockerheit, Humor - und offenem Machtanspruch. “Ich finde nicht, dass unser Akku leer ist”, ruft er vielen wegen schlechter Umfragewerte selbstzweifelnden CDU-Politikern zu. “Meiner sowieso nicht”, schiebt er mit breitem Grinsen hinterher.

Und damit hat sich die Debatte über die personelle Aufstellung der Union erneut verschoben. Eigentlich waren viele Medien und auch Delegierte ganz auf einen Showdown zwischen der CDU-Chefin und Friedrich Merz am Freitag gepolt gewesen. Tatsächlich hatte Kramp-Karrenbauer in einem dramatischen Ende einer fast 90 minütigen Rede zumindest die Machtfrage gestellt und Loyalität eingefordert. Ein erschrockener Parteitag lieferte ihr siebenminütige Ovationen - und der frühere Fraktionschef Merz beschränkte sich danach auf Andeutungen, dass er seine Ambitionen nicht fallenlassen will. “Entscheidung über Kanzlerkandidatur vertagt”, “Punktsieg Kramp-Karrenbauer” lauteten deshalb viele Überschriften am Freitagabend.

Aber die Rede Söders, der sich eigentlich schon aus dem Rennen um den Kanzlerkandidaten-Posten genommen hatte, verändert das Spiel. “Cooler Auftritt”, lobt ihn der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther. “Das war eine sehr aufmunternde, motivierende, begeisternde Rede, mit der die Seele der Partei berührt wurde”, sagt Wolfgang Reinhart, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg zu Reuters - und denkt sofort an die Kanzlerkandidatenauswahl: “Er gehört sicherlich zur engeren Wahl.”

Nun gelten Reden bayerischer Gäste auf CDU-Parteitagen immer als amüsant, aber auch als potenziell gefährlich - weshalb die Spannung groß war. Aber der bayerische Ministerpräsident präsentiert einen lockeren Mix aus Demut (die CDU ist die große Schwester), Loyalität (wiederholtes Lob für die CDU-Chefin), Machtanspruch und Frechheit. “Wenn die Bundeskanzlerin Bayern lobt, dann nur weil ... es nicht anders geht”, scherzt er über Angela Merkel. Das funktioniert, weil alle erleichtert sind, dass die jahrelangen Spannungen zwischen CDU und CSU der Vergangenheit angehören. Keiner hält wie bei Horst Seehofer die Luft an - alle lachen befreit auf.

“DIE GRÜNEN HABEN NICHT MEHR MORAL”

Und Söder liefert das, was sich viele CDU-Delegierte traditionell von ihrer Führung wünschen und was immer hilft, die Reihen auf einem Parteitag zu schließen - die Abgrenzung zum politischen Gegner. Die AfD befördert er rhetorisch kurzerhand in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. “Die Grünen haben nicht mehr Moral - sie haben eine Doppelmoral”, distanziert er sich aber gleichzeitig von der Ökopartei. Die SPD hakt er eher mitleidig ab - und erklärt dies mit einem politischen Wohnzimmer-Vergleich. “Lädt man jemanden zu sich nach Hause ein, von dem man weiß, dass er den ganzen Abend jammert?”, fragt er. Die Halle johlt.

Und dann schlüpft er auch noch in die Motivatoren-Rolle. Die Union könne von den Grünen durchaus lernen, meint Söder - die er wegen deren Gute-Laune-Haltung durchaus in sein Wohnzimmer einladen würde. “Die Leute spüren ganz genau, ob jemand Lust am Regieren hat oder ob er das als Last empfindet.” Die Merz-Kritik an der Bundesregierung fertigt er nebenbei mit der Bemerkung ab, dass die Union stolz darauf sein könne, was sie in vergangenen Jahren in Deutschland geleistet habe - auch das kommt gut an.

“Nun haben wir doch noch eine Kanzlerkandidaten-Rede bekommen”, scherzt ein führender CDU-Politiker, der namentlich aber lieber nicht genannt werden will, weil es wieder nur um Personalfragen geht. Und das ist wohl auch der Grund, warum die CDU-Chefin mit ihrem schnellen Gang auf die Bühne den Applaus kanalisiert. Ansonsten hätte es in Leipzig vielleicht noch den Vergleich gegeben, ob der CSU-Chef nicht noch mehr Beifall als sie bekommen hätte.

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