August 31, 2018 / 6:28 AM / 22 days ago

Hitzige Wortgefechte und der Kampf um "Feine Sahne Fischfilet"

Chemnitz (Reuters) - Von draußen schallen “Haut-ab-Rufe” rechter Demonstranten durchs Fenster herein, drinnen beim Bürgerdialog werden Politiker für ihre Mäßigungsappelle ausgebuht.

Saxony's state premier Michael Kretschmer of the Christian Democratic Union (CDU) attends a minute of silence during a meeting with residents for talks in Chemnitz, Germany, August 30, 2018. REUTERS/Hannibal Hanschke

Hunderte Menschen sind ins Chemnitzer Stadion gekommen, um mit Ministerpräsident Michael Kretschmer und anderen Spitzenpolitikern Sachsens zu diskutieren. Doch die Stimmung kippt schnell: Kaum ist die Schweigeminute für den Toten vom Wochenende um, wird Kretschmer für die Ankündigung eines Konzerts der linken Chemnitzer Band “Kraftclub” ausgebuht. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig trifft es noch viel massiver, immer wieder kocht der Zorn des Publikums hoch, immer wieder wird sie niedergebrüllt.

Die SPD-Politikerin muss Buh-Rufe einstecken, als sie daran erinnert, dass es auch Rechtspopulisten zugemutet werden könne, ihre Demonstrationen anzumelden. Ihre Aufrufe zur Mäßigung, gegen Hass und Gewalt, kommen beim Publikum überhaupt nicht gut an. “Was nicht geht, ist dass man seine Meinung durch Hetzjagden gegen einzelne, die anders aussehen, ausdrückt”, fordert sie unter neuen Zwischenrufen. “Heuchelei”, macht ein Mann im Anzug seinem Zorn Luft. Mit Applaus gehen die Bürger sparsamer um. Der stellvertretende Ministerpräsident Martin Dulig erntet zwar erstmal Zustimmung für den Appell, man möge bitte fair mit Sachsen und seinen Menschen umgehen. Doch schon der nächste Satz des SPD-Politikers wird mit wütenden Zwischenrufen quittiert: “Wir wissen, dass wir Probleme haben”, sagt Dulig da.

“JUNGE MÄNNER, DIE EINEN MIT IHREN BLICKEN AUSZIEHEN”

In der anschließenden Diskussion schimpfen die Bürger vor allem auf Ausländer und Medien, aber auch über alles mögliche andere - von schlechten Löhnen im Sicherheitsdienst über niedrige Renten bis hin zur doppelten Staatsbürgerschaft. Einerseits gebe es Migranten, die sich gut integrierten, sagt eine Chemnitzerin. “Auf der anderen Seite ist, dass, wenn man alleine unterwegs ist als Frau, einem immer wieder Gruppen begegnen - sagen wir mal circa zehn junge Männer, die alleine sind - die einen mit Blicken ausziehen, wo man sagt: Die haben offensichtlich von unserer Kultur noch nicht so richtig was mitbekommen”, klagt sie. Sie plädiert dafür zu versuchen, “diese noch so jungen Menschen auf den richtigen Weg zu bringen”.

Auch andere wünschen sich mehr Druck zur Integration: “Hier geht es um eine Tendenz im Land. Meine Kinder, meine Enkel, die haben Angst”, schimpft eine Frau. “Die Integration, das hat von Anfang an gefehlt, eine Führung dieser Leute. Sie können doch nicht zwei Kulturen aufeinanderkrachen lassen und das dann so stehen lassen”. Zugleich kritisiert sie das für Montag geplante Konzert mit linken Bands wie den “Toten Hosen”, “Kraftclub” und “Feine Sahne Fischfilet”. “Ich finde das einen Riesenfehler, weil das nur für Provokationen sorgt”, warnt die Frau. Die ganze linke Szene werde das Konzert für sich verbuchen, prophezeit sie und bittet Kretschmer, das Konzert zu unterbinden.

KRITIK AN DEN MEDIEN

Andere sehen die Schuld über die Eskalation in Chemnitz ohnehin bei den Medien, die den Fall hochgekocht hätten. Die Kameras hätten nur auf die paar Männer geschwenkt, die den Hitlergruß gezeigt hätten, beschwert sich jemand - obwohl daneben viele ganz normale Leute gestanden hätten. Andere sehen die Journalisten zwar nicht als Schuldige, halten die Medien aber für gesteuert. “Lassen Sie die Medien doch mal so berichten, wie sie wollen”, fordert eine Frau. Ein Mann kommt auf das Geschlechterthema zurück: “Wenn Sie in Dubai eine Frau küssen, gehen Sie ein halbes Jahr ins Gefängnis. Wenn die hier eine Frau anfassen, kriegen sie nicht mal ein Dudu”, kritisiert er.

Kretschmer wird mit einem Vorwurf nach dem anderen bombardiert, er hört zu und tut sein Bestes, dem Zorn der Bürger seine Argumente entgegenzuhalten. Gestikulierend und verschwitzt tigert der CDU-Politiker mit hochgekrempelten Hemdsärmeln auf dem Podium herum, das Mikro immer in der Hand, den Blick auf seine Herausforderer im Publikum gerichtet. Es ist ein mühsamer Kampf, die Anschuldigungen der Bürger wiederholen sich, vieles dreht sich im Kreis. Kretschmer bleibt trotzdem geduldig, vollbringt einen Balance-Akt zwischen Verständnis und klarer Ansage.

Fordern seine Kontrahenten mehr Ehrlichkeit von Politik und Medien, versucht der CDU-Politiker das Gerücht zu entkräften, die Belästigung einer Frau sei Auslöser des Falles in Chemnitz gewesen. “Ich habe in dem Kondolenzbuch die ganze Zeit gelesen: ‘Zivilicourage’, ‘eine Frau geschützt’ und so. Es weiß keiner. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so nicht war, ist viel, viel höher als dass es so gewesen ist”, mahnt der Ministerpräsident. “Trotzdem (...) scheint es diese Wahrnehmung immer noch zu geben.” Er erinnert daran, dass man über Musikstile von Bands zwar unterschiedlicher Meinung sein könne, er aber deshalb kein Konzert verbieten könne.

Am Ende sind es tausend und eine Variationen der Ansage, die die Politiker schon in ihren Eröffnungsreden gemacht haben: Bitte glaubt nicht alles, was Ihr irgendwo im Internet oder den sozialen Medien lest. Unterscheidet zwischen seriösen Nachrichten und Fake News. “Weil: Wie soll man miteinander leben, miteinander diskutieren, wenn man diese gemeinsame Basis nicht hat?”, fragt Kretschmer nach mehr als anderthalb heißer Debatte. “Das ist mir wichtig.” Die Demo der Rechtspopulisten draußen vor der Tür ist da schon längst zu Ende.

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