August 31, 2018 / 6:42 AM / 21 days ago

Syrer in Chemnitz - "Nicht nur wir haben Angst, auch Deutsche"

Chemnitz (Reuters) - Dunkle Wolken hängen tief über der Plattenbau-Siedlung, und es nieselt, als Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer vor der Oberschule “Am Flughafen” aus seiner Limousine steigt.

People react during a minute of silence as they attend a meeting with Saxony's state premier Michael Kretschmer of the Christian Democratic Union (CDU) in Chemnitz, Germany, August 30, 2018. REUTERS/Hannibal Hanschke

Tagelang hat Chemnitz der Welt sein hässliches Gesicht gezeigt, Bilder düsterer Neonazi-Aufmärsche und einer überforderten Polizei schreckten die Menschen im In- und Ausland auf. Jetzt ist Kretschmer hier, um die Handlungsfähigkeit des Staates zu demonstrieren - gerade nach der peinlichen Veröffentlichung eines Haftbefehls, die den Behörden den Vorwurf der Nähe zum rechten Rand eintrug. “Wir werden handeln, ich verspreche das”, betont der CDU-Politiker, während seine Haare langsam vom Regen nass werden. “Die Leute werden zur Verantwortung gezogen werden.”

Von der Schule, die einen Demokratie-Preis gewonnen hat, fährt Kretschmer mit SPD-Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig weiter ins historische Rathaus der Stadt. Davor ist Markttag, aber nur wenige Menschen erledigen im kalten Wind ihre Einkäufe an den Ständen. Noch weniger wollen mit den Medien sprechen, viele machen einen großen Bogen um die Kamerateams, andere schauen einfach weg oder winken ab. Alaa, ein 32 Jahre alter Syrer dagegen, bleibt stehen. Er ist 2014 vor dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland geflohen, wo er nach eigenen Worten Biologie studierte. Jetzt besucht Alaa an der Uni in Chemnitz einen Vorbereitungskurs, er will dort einen Master in Immunologie machen. Seit ein paar Tagen aber hat er Angst, aus dem Haus zu gehen.

“Solche Sachen sind nicht das erste Mal passiert in Chemnitz, früher auch schon”, berichtet er in ziemlich gutem Deutsch. “Wir fühlen Angst vor beiden Seiten, vor den radikalen Rechten, aber auch von den radikalen Flüchtlingen.” Er verstehe den Ärger der Deutschen, aber jede Verallgemeinerung sei falsch. “Nicht alle Flüchtlinge sind gefährlich, nicht alle Deutschen sind gegen die Flüchtlinge.” Er selbst sei seit ein paar Tagen vorsichtiger geworden. “Dieses Mal waren so viele rechte Deutsche auf der Straße, deshalb habe ich Angst”, sagt Alaa. “Aber ich hoffe, dass alles gutgeht.” Er setze auf die deutsche Regierung und einen starken Rechtsstaat. “Auch wir fühlen uns nicht sicher, wenn ein radikaler Flüchtling das macht. Auch ich fühle mich jetzt nicht sicher.”

Er selbst gehe momentan nachts nicht mehr allein aus dem Haus und vermeide leere Straßen. “Ich gehe zur Uni und gehe dann nach Hause, raus nur, um einzukaufen und andere wichtige Sachen zu erledigen”, berichtet Alaa. “Ich lebe nicht normal. Ich habe Angst wie alle anderen Leute. Nicht nur die Flüchtlinge haben Angst, auch manche Deutsche haben Angst. Wir verstehen beide Seiten, und wir hoffen, dass alles wieder in Ordnung kommt.”

“EIN FALSCHES BILD”

Offen die Position der rechten Demonstranten einnehmen will an diesem Nachmittag gegenüber den Reportern niemand. Auch die drei Männer nicht, die, kräftig gebaut, mit Zigarette und Bierdose in der Hand und schwarzen T-Shirts gekleidet, zumindest in der äußerlichen Erscheinung den Teilnehmern der “Pro-Chemnitz”-Proteste ähneln. Dieter ist einer von ihnen. Der 53-Jährige lebt seit drei Monaten in der 250.000-Einwohner-Stadt und ist auf der Suche nach Arbeit. Eigentlich gefällt ihm Chemnitz gut, die jüngste Gewalt hat ihn verstört. “Wenn das jemand im Fernsehen anguckt oder liest, ist das halt ein falsches Bild”, sagt er. Auf die Frage, was für ihn schlimmer war, die Tötung eines Deutschen am Wochenende, für die ein Iraker und ein Syrer verantwortlich gemacht werden, oder danach die Aufzüge mit den Männern, die offen den Hitlergruß zeigten, antwortet er: “Beides im Endeffekt. Die Demonstration und auch der Mord.” Dieter hofft jetzt auf mehr Polizeistreifen in der Stadt, damit Ähnliches nicht mehr vorkommen kann.

Hans-Werner Stark unterscheidet sich von Alaa und Dieter schon darin, dass er auch seinen Nachnamen preisgibt. Eigentlich wollte der Finanzbeamte aus Schleswig-Holstein einen Teil seines Urlaubs in Chemnitz verbringen. Aber die Bilder der Proteste waren ihm dann doch zu viel. “Ich habe das Hotel in Chemnitz storniert. Wir sind nach Leipzig ausgewichen”, berichtet er. Jetzt pendelt er jeden Abend. Abseits der rechten Kundgebungen erzürnt ihn als Beamten besonders die Veröffentlichung des Haftbefehls. “Das ist ein Unding, das ist ein reines Unding”, kritisiert der 61-Jährige. “Es gibt einen sehr kleinen Kreis von Leuten, die den Haftbefehl in die Hände bekommen.” Dass so etwas publik werde, sei für ihn unbegreiflich. “Es muss ja jemand sein aus dem inneren Kreis. Das muss ein sogenannter Staatsdiener sein, gar keine Frage, und der gehört nicht zum Staat - denn das ist ein grober Verstoß gegen alles, was recht ist”, bemängelt Stark. Er selbst habe noch nie von einem ähnlichen Fall gehört. “Definitiv nicht, überhaupt nicht. Vielleicht in Chicago, aber nicht hier.”

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