September 6, 2018 / 1:10 PM / 15 days ago

FOKUS 2-Wirecard verdrängt Commerzbank aus dem Dax

(Neu: Zitate, Kursreaktion, weitere Details)

* Commerzbank gehört Leitindex seit Dax-Gründung 1988 an

* Wirecard-Chef: “Einzug in den Dax nur ein Zwischenschritt”

* Aktie von Zahlungsanbieter hat Wert 2018 mehr als verdoppelt

- von Hans Seidenstuecker und Jörn Poltz

Frankfurt, 06. Sep (Reuters) - Wachwechsel im Dax: Der gerade einmal 19 Jahre alte Zahlungsabwickler Wirecard verdrängt die traditionsreiche Commerzbank aus der ersten deutschen Börsenliga. Erstmals gehört dem Leitindex damit ab dem 24. September ein aufstrebende Finanztechnologie-Firma an, die an der Börse mit über 22 Milliarden Euro inzwischen mehr als doppelt so viel wert ist wie die 1870 gegründete Commerzbank. Obwohl sich die Entscheidung seit Wochen abgezeichnet hatte, verlor die Commerzbank-Aktie am Donnerstag zeitweise mehr als zwei Prozent. Die Wirecard-Papiere legten über drei Prozent zu.

Der Zahlungsabwickler aus Aschheim bei München profitiert davon, dass immer mehr Menschen online einkaufen oder an der Supermarkt-Kasse mit ihrem Smartphone bezahlen. Das Geschäft brummt, die Aktie eilt von einem Rekordhoch zum nächsten. Allein seit Jahresbeginn hat sich der Kurs der bislang im Technologie-Index TecDax notierten Papiere mehr als verdoppelt. “Der Einzug in den Dax ist für uns nur ein Zwischenschritt”, sagte Wirecard-Chef Markus Braun der Nachrichtenagentur Reuters. Das Umsatz- und Gewinnwachstum des Unternehmens werde sich noch beschleunigen. “Ich glaube, dass die nächsten zehn Jahre an Wachstumsdynamik die letzten zehn Jahre bei weitem in den Schatten stellen werden.”

“Digitalisierung, moderne Zahlsysteme, das ist die Zukunft”, sagte Robert Halver, Kapitalmarktexperte der Baader Bank. “Und das müssten eigentlich die Banken liefern, die etablierten Banken.” Doch viele von ihnen kämpfen mit Altlasten. Die Commerzbank ist seit der Übernahme der Dresdner Bank kurz vor der Finanzkrise mit Umbauarbeiten beschäftigt und hat tausende Jobs gestrichen. Der Aktienkurs ist weit von den einstigen Höchstständen entfernt, allein in diesem Jahr haben die Papiere ein Drittel an Wert verloren. Das ist auch für den Bund eine enttäuschende Entwicklung, der immer noch 15,6 Prozent an dem Geldhaus hält. “Für die Steuerzahlerinnen in Deutschland ist der Abstieg eine schlechte Nachricht”, sagte der Grünen-Finanzpolitiker Gerhard Schick. “Die Milliardenkosten der Bankenrettung werden durch den Abstieg der Commerzbank vermutlich nicht kleiner.”

Dem harten Preiskampf und den niedrigen Zinsen will die Commerzbank mit einem Ausbau des Geschäfts und der Digitalisierung begegnen. “Es ist momentan einfach so, dass der Markt Fintechs höher bewertet als traditionelle Banken”, sagte Commerzbank-Chef Martin Zielke nach der Entscheidung der Deutschen Börse am Mittwochabend. “Diese Entwicklung zeigt, dass unsere Strategie richtig ist und spornt uns an, den Wandel zum digitalen Technologieunternehmen voranzutreiben.” Doch obwohl die Zahl der Kunden inzwischen auf 12,9 Millionen Kunden gestiegen ist, bleiben die Erträge unter Druck.

GESICHT DES DAX VERÄNDERT SICH

Durch den Abstieg aus dem Leitindex verliert die Commerzbank insbesondere bei internationalen Investoren an Aufmerksamkeit. Investmentfonds, die den Dax mit seinen 30 Werten abbilden, müssen die Commerzbank-Aktien verkaufen und gleichzeitig Wirecard-Papiere erwerben. Zielke zeigte sich dennoch betont gelassen. “Natürlich ist es nicht schön, dass wir als Gründungsmitglied den Leitindex verlassen müssen. Für unsere Kunden und unser Geschäft aber ändert sich nichts.”

An den internationalen Finanzmärkten sind die deutschen Banken allerdings nur noch ein Schatten ihrer selbst. Auch die Deutsche Bank hat Wirecard beim Börsenwert bereits überholt. Das größte deutsche Geldhaus steigt am 24. September aus dem EuroStoxx50, dem Index der wichtigsten Börsenwerte in der Euro-Zone, ab.

Auch im Dax gehört die Deutsche Bank längst nicht mehr zu den Schwergewichten. In der ersten deutschen Börsenliga spielen neben ihr als klassisches Geldhaus künftig die Allianz als Versicherungskonzern, die Deutsche Börse als Börsen-Betreiber, die Münchener Rück als Rückversicherer und Wirecard als Zahlungsdienstleister.

GROSSES STÜHLERÜCKEN IN NEBENWERTE-INDIZES

Parallel zur Entscheidung über die künftige Aufstellung des Dax veröffentlichte die Deutsche Börse die endgültige Zusammensetzung der neu geordneten Indizes unterhalb des Dax. Durch die größte Reform der deutschen Aktienmarkt-Landschaft seit Jahren wird der Nebenwerte-Index MDax um zehn auf 60 und der Kleinwerte-Index SDax um 20 auf 70 Mitglieder erweitert. Der Technologie-Index TecDax wird zu einem Zweitnotierungsindex für die Technologiewerte aus Dax, MDax und SDax heruntergestuft.

Aus dem MDax steigen die Elektronikhandelskette Ceconomy, der Autozulieferer Leoni, der Gabelstaplerbauer Jungheinrich, das Werbe- und Medienunternehmen Ströer sowie der Versicherer Talanx ab. Sie gehören künftig dem SDax an. Auch diese Änderungen werden zum 24. September wirksam.

Mitarbeit: Tom Körkemeier redigiert von Sabine Wollrab. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter den Telefonnummern 069 - 7565 1236 oder 030 - 2888 5168.

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