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Unternehmensnachrichten

Ex-Audi-Chef Stadler in Dieselskandal auf der Anklagebank

München (Reuters) - Der ehemalige Audi-Chef Rupert Stadler muss sich als erster Volkswagen-Vorstand für den Dieselskandal vor einem deutschen Gericht verantworten.

Rupert Stadler, the former CEO of Volkswagen's Audi brand and three other former executives go on trial in Munich, Germany, September 30, 2020, after VW admitted in September 2015 to having used illegal engine control software to cheat pollution tests, triggering a global backlash against diesel. Peter Kneffel/Pool via REUTERS

Vor dem Landgericht München I begann am Mittwoch unter dem Vorsitz von Richter Stephan Weickert der Mammut-Prozess gegen Stadler und drei weitere Audi-Manager, die an der Entwicklung der manipulierten Motoren beteiligt waren. Die Staatsanwaltschaft München II wirft ihnen in der Anklage Betrug, Falschbeurkundung und strafbare Werbung in bis zu 434.000 Fällen vor. Stadler drohen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft. Ihm legen die Ermittler zur Last, dass er als Chef der VW-Tochter Audi den Verkauf von Neuwagen in Europa auch dann nicht stoppte, als die US-Umweltbehörde 2015 die illegale Steuerungssoftware entdeckt hatte. “Gewerbsmäßiger Betrug durch Unterlassen”, heißt das im Juristendeutsch.

Stadler und der ehemalige Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz, der vorher für die Motoren-Entwicklung bei Audi verantwortlich war, haben die Vorwürfe zurückgewiesen. Beide saßen lange in Untersuchungshaft: Stadler gut vier, Hatz neun Monate. Während dieser Zeit verlor Stadler 2018 seinen Posten.

Optisch ging er zum Prozessauftakt auf Distanz zur Marke mit den vier Ringen, wo er fast sein ganzes Berufsleben verbracht hat. Stadler fuhr in einer anthrazitfarbenen Mercedes-S-Klasse vor dem Sitzungssaal im Münchner Gefängnis Stadelheim vor, wo die Wirtschaftsstrafkammer 188 Verhandlungstage bis Dezember 2022 angesetzt hat. Technische Fragen, der Nachweis der Verantwortung der Angeklagten und die Schadenhöhe machten den Prozess komplex, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Andrea Mayer. Die Ermittlungsakten umfassen 51.700 Seiten. In dunkelblauem Sakko und weißem Hemd, ohne Krawatte, den Rucksack über der Schulter, ging der gebräunte Stadler an den Journalisten vorbei, von denen einige schon einen Tag zuvor vor dem Gebäude kampiert hatten.

Stadlers Verteidiger Thilo Pfordte verlangte Auskunft von den fünf Richtern, ob sie oder Familienangehörige in der Zeit der Manipulationen von 2009 bis 2018 Autos mit Dieselmotoren besessen seien, die bei Volkswagen entwickelt wurden. Einen Befangenheitsantrag stellte er zunächst nicht.

ILLEGALE TRICKS

Mit Stadler befasst sich die Staatsanwaltschaft allerdings nur auf sechs von 92 Seiten der Anklageschrift. Im Mittelpunkt stehen dort die Entwickler um Wolfgang Hatz. Nur mit illegalen Tricks glaubten die Ingenieure demnach, für die Dieselantriebe für den Audi Q7, das Schwestermodell VW Touareg und die großen Audi-Modelle die strenger gewordenen Grenzwerte für Stickoxid-Emissionen auf dem US-Markt - und später in Europa - erfüllen zu können. Oberstaatsanwalt Dominik Kieninger zeichnete nach, wie sich die Angeklagten in die Manipulationen verstrickten. Dabei hatte VW unter dem Werbeslogan “Clean Diesel” das Image des Diesel in den USA heben wollen.

Hatz habe sich sogar persönlich beim damaligen VW-Konzernchef Martin Winterkorn für den Erfolg des Projekts verbürgt, sagte Kieninger. Winterkorn muss sich im Dieselskandal ebenfalls vor Gericht verantworten; das Landgericht Braunschweig hat die Klage gegen ihn kürzlich zugelassen. Schon 2008 sei den Ingenieuren klar gewesen, dass die Werte auf legalem Weg nicht erreichbar seien, sagte der Staatsanwalt. Giovanni P., der für die Abgasnachbehandlung zuständig war, habe “intelligente Lösungen” gefordert, andere Kollegen schrieben in einer E-Mail, man werde es nicht “ganz ohne Bescheißen” schaffen. Hatz habe von dem Plan gewusst. Er reagierte auf der Anklagebank mehrfach mit Kopfschütteln. Bei einem Scheitern wäre die weitere Karriere der Audi-Entwickler wohl in Gefahr gewesen, gingen die Ermittler auf Ursachenforschung.

“Die Manipulationen führten dazu, dass die Steuerung der Abgasminderung auf dem Rollenprüfstand anders funktionierte als außerhalb des Rollenprüfstandes”, sagte Kieninger. Die Software erkannte, ob sich ein Auto auf dem Prüfstand befand. Nur dann hielt es die vorgeschriebenen Werte ein. Auf der Straße waren sie um ein Vielfaches höher. In den Zulassungsbescheinigungen für die Modelle stand das nicht. Im September 2015 gab VW die Manipulationen auf Druck der US-Umweltbehörde zu.

NUR NOCH SCHROTTWERT

Doch in Europa habe Audi unter Stadlers Führung weiter Autos mit illegalen Abschalteinrichtungen verkauft, obwohl VW schon 2,4 Millionen Diesel-Autos zurückrufen musste, sagte Kieninger. Audi habe nur oberflächlich untersucht, ob auch die Audi-Motoren die Software enthielten, und die Kunden beschwichtigt. Stadler sei es wohl um seinen Posten und um Boni gegangen, mutmaßen die Ermittler. Der Wertverlust der 120.000 Audi- und VW-Dieselautos summierte sich laut Staatsanwalt auf 27 Millionen Euro. Die Höhe des Schadens kann für das Strafmaß von Bedeutung sein.

Bei den Ingenieuren geht es um weit mehr Geld: Weil die in den USA betroffenen 78.000 Fahrzeuge dort nicht mehr verkauft werden dürfen und nur noch Schrottwert haben, veranschlagt die Staatsanwaltschaft den Schaden allein auf diesem Markt auf mehr als 3,1 Milliarden Euro. Die Software umzuprogrammieren habe in Europa und den USA mindestens 170 Millionen Euro gekostet.

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