June 28, 2018 / 9:42 AM / 18 days ago

Der seltsame Plausch der Kanzlerin mit Roboter "Sophia"

Berlin (Reuters) - Es dauert nur ganz wenige Minuten, bis der Unterschied zwischen Roboter und Mensch in der St. Elisabeth-Kirche in Berlin ganz deutlich wird.

German Chancellor Angela Merkel shakes hands with a humanoid robot as Mexican First Lady Angelica Rivera de Pena and Mexican President Enrique Pena Nieto look on, at the booth of IBG at Hannover Messe, the trade fair in Hanover, Germany, April 23, 2018. REUTERS/Fabian Bimmer

Da versucht Roboter “Sophia” mit seinem weiblichen Gesicht in einer Art Trost für die Kanzlerin: Deutschland sei zwar gerade bei der Fußballweltmeisterschaft ausgeschieden, bleibe aber immer noch eine der erfolgreichsten Fußballnationen. “Das stimmt, wenn man auf der langen Zeitachse schaut”, kontert Merkel. “Aber heute abend sind wir alle sehr traurig”, schickt sie hinterher. IT-Hightech der chinesischen Firma Hanson Robotics trifft auf Gefühl des Menschen.

Immerhin ist es eine Weltpremiere, dass eine deutsche Kanzlerin erstmals mit einem mit Künstlicher Intelligenz (KI) gefütterten Roboter spricht. Dass die Kanzlerin in dieser “Schicksalswoche” überhaupt auf die “Morals & Machines”-Veranstaltung der Digital-Plattform ada in Berlin gekommen ist, zeigt nur, wie wichtig ihr diese Thema ist. “Wir müssen kämpfen”, sagt Merkel nicht nur einmal an diesem Abend - und meint nicht etwa den Koalitionspartner CSU, sondern die aus ihrer Sicht nötige technologische Aufholjagd der Deutschen und Europäer gegenüber China und den USA.

Doch immer wieder schimmert die wabernde Regierungskrise dann doch durch - etwa wenn “Wirtschaftswoche”-Chefredakteurin Miriam Meckel die Kanzlerin fragt, ob diese denn noch die KI-Strategie der Regierung umsetzen werde. “Ich hoffe. Warum fragen Sie?”, meint Merkel und setzt ihr Pokerface auf, also wisse sie nicht, dass in der Öffentlichkeit wegen des Streits mit der CSU auch über ein Ende ihrer Kanzlerschaft spekuliert wird. Aber Merkel sieht ihre Anwesenheit als ganz bewusstes Zeichen dafür, dass es Themen gibt, die für Deutschlands Zukunft mindestens so wichtig sind wie die ihr erneut aufgenötigte Debatte über Flüchtlinge.

Also pocht sie darauf, dass die Europäer strategische Fähigkeiten nicht nur bei der Chip-Produktion, sondern auch bei der Batteriefertigung und eben bei der KI bräuchten. Also wischt sie Kritik daran weg, dass sie im Digitalzeitalter neu über Unternehmensbesteuerung nachdenken wolle. “Ich will keine Datensteuer”, sagt sie. Aber Denkverbote über die neue Zeit und ihre Konsequenzen dürfe es nicht geben.

Dann hält Merkel noch ein Plädoyer dafür, dass der Mensch die Kontrolle über die Maschinen bewahren müsse. Jetzt sei eine Ethik beim Umgang mit der neuen Technik gefragt. Als Physikerin wisse sie, dass dies aber kein neues Phänomen sei. “Wie bei der Kernspaltung darf man nicht das Machbare einfach passieren lassen”, mahnt sie. Der Mensch müsse Grenzen setzen.

Merkel erwärmt sich immer mehr, überlegt, wo sie selbst Roboter einsetzen würde (um Orangen auszupressen). Die kleinen Fallen, die sie in die Tagespolitik locken sollen, umgeht sie - etwa als sie gefragt wird, welchen Minister in ihrem Kabinett sie denn am liebsten durch Künstliche Intelligenz ersetzt haben wolle. Angesichts des Gelächters im Saal grinst Merkel nur und antwortet diplomatisch: “Alle sind mir als Menschen lieb. Wir müssten einen zusätzlichen Stuhl an den Kabinettstisch stellen.” Und auch dann würde sie interessieren, ob das elektronische Gehirn wirklich bessere Vorschläge mache.

Ganz am Ende wendet sich Merkel nochmals direkt an Sophia, die die ganze Zeit auf der Bühne steht. “Würdest du dich als Feministin unter den Robotern bezeichnet?”, fragt sie den Roboter mit weiblichem Gesicht. Aber nun reagiert Sophia überraschend souverän und stimmt für die verblüffte Kanzlerin erst eine Eloge auf die “Cyber-Feministinnen” an, bevor sie sich dann aber als “Roboticist” bezeichnet. Merkel ist beeindruckt, hat aber auch für Sophia vorher die Grenzen von Mensch zu IT-Geschöpf klar gemacht. Als die Kanzlerin gefragt wird, ob sie glaube, dass man irgendwann auch einmal die Rechte der Roboter definieren müsse, zieht sie nur Augenbrauen hoch und meint: “Was meinen Sie - die Stromzufuhr? Oder ein Recht auf Wartung?”

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