July 15, 2020 / 10:21 AM / a month ago

Corona bringt Einzelhandel in Not - Dickes Umsatzminus und Pleitewelle drohen

The townhall "Roemer" is reflected in a window of a closed shop during the spread of the coronavirus disease (COVID-19) in Frankfurt, Germany, March 18, 2020. REUTERS/Kai Pfaffenbach

Berlin (Reuters) - Nach einem Jahrzehnt mit konstantem Wachstum stürzt die Corona-Pandemie den deutschen Einzelhandel in eine tiefe Krise.

Der Lobbyverband HDE befürchtet für 2020 ein dickes Umsatzminus von vier Prozent. Die Krise reiße bei vielen Händlern große Löcher, und das Geld werde vielerorts knapp. “Die Kunden kommen nicht in der gewohnten Zahl, die Umsätze sinken dementsprechend weit unter Normalniveau”, klagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth am Mittwoch. Er sieht zum Jahresende eine Pleitewelle auf den Wirtschaftszweig mit seinen insgesamt 300.000 Firmen und drei Millionen Beschäftigten zurollen. Die Branche erlebe den “stärksten wirtschaftliche Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg”.

Die Eindämmungsmaßnahmen im Frühjahr haben vielen Händlern das Geschäft verhagelt - Umsätze, die nicht zurückkommen, wie die Branche befürchtet. Sie wird laut HDE noch einige Jahre an den Folgen der Krise zu knabbern haben. Zwar hat der Lebensmittelhandel zeitweise durch Hamsterkäufe stark profitiert. Doch Textilläden beispielsweise mussten massive Einbußen verkraften. “Das Frühlingskleid wird eben nicht im Sommer gekauft”, erläuterte Genth. Zudem sei Geschäft ins Internet abgewandert, was Läden in Innenstadtlagen zunehmend zu schaffen mache.

Vielen Kunden schwindet die Lust auf den Einkaufsbummel in Zeiten der Maskenpflicht und sozialen Distanzregeln - mit fatalen Folgen für den Handel. Unter Verweis auf die wegen der Pandemiefolgen bis Ende September ausgesetzte Pflicht zum Antrag auf Insolvenz sagte Genth: “Wir müssen leider davon ausgehen, dass eine Insolvenzwelle erst später zu erwarten ist - also letztendlich im Herbst und zum Jahresende.” Im Bereich außerhalb des Lebensmittelhandels könnte es letztlich 10.000 Einzelhändler treffen, warnte er. Als besonderes Sorgenkind gälten derzeit große Modehäuser in Innenstadtlagen, denen Laufkundschaft fehle. Sie könnten “ins Schlingern” geraten. Die Politik sei gefordert - mit Überbrückungsmaßnahmen für einen begrenzten Zeitraum.

Ein Schlaglicht auf die Entwicklung in den Innenstädten wirft die angespannte Lage beim Warenhausriesen Galeria Karstadt Kaufhof, der in der Corona-Krise ums Überleben kämpft. Jüngst wurde das Insolvenzverfahren über das Vermögen der GmbH und acht Tochterunternehmen eröffnet. Dem Konzern brechen in der Corona-Krise die Umsätze weg, und geplante Filialschließungen sind die Folge. Viele der Warenhäuser litten schon vor dem Ausbruch der Pandemie unter der harten Konkurrenz von Online-Wettbewerbern wie Amazon oder Zalando.

“KEIN WUMMS NACH VORNE”

Nun geht die Furcht vor der Verödung der Innenstädte um. Daten vom Handelsverband Deutschland (HDE) zeigen, dass in den Monaten März, April und Mai die Ausgaben pro Einkauf in Einzelhandels-Ladengeschäften um zehn Prozent sanken, während sie im Online-Bereich um 20 Prozent stiegen. Diese Entwicklung setzt den Handel laut HDE unter Druck, seine Geschäftsmodelle sowie Standort- und Investitionsentscheidungen anzupassen.

Die seit Anfang des Monats geltende Mehrwertsteuersenkung bedeute allenfalls eine marginale Belebung. Sie bringe “nicht den Wumms nach vorne im Einzelhandel”, so Genth. Das Ifo-Institut geht davon aus, dass auch vom Konjunkturprogramm der Bundesregierung insgesamt keine allzu großen Wachstumswirkungen zu erwarten sind. Der Wachstumsimpuls sei im Jahr 2020 mit voraussichtlich 30 Milliarden Euro deutlich kleiner als die damit verbundenen Kosten von 88 Milliarden Euro, erklärte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Maßnahmen könnten die spezifischen Probleme der Krise nicht aus der Welt schaffen, aber dazu beitragen, dass sich daraus keine Abwärtsspirale in Richtung einer tieferen Krise ergebe.

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