October 29, 2018 / 7:31 AM / 17 days ago

Endspiel um die Kohle - Versorger rüsten sich für die Zukunft

- von Tom Käckenhoff und Christoph Steitz

An aerial view of excavators in Hambach open-cast mine with RWE's brown coal power plant of Niederaussem in the backgroud, near the western German town of Kerpen-Buir west of Cologne, Germany, October 6, 2018. REUTERS/Wolfgang Rattay

Gelsenkirchen/Hambacher Forst (Reuters) - Wenn Jörg Schlottmann über die Anlage im Norden Gelsenkirchens spricht, schwingt schnell Begeisterung mit: “In den 70er Jahren war Scholven mit 3,6 Gigawatt installierter Leistung eines der größten fossilen Kraftwerke in Europa”, berichtet der Mitarbeiter des Energieversorgers Uniper.

“Damals hatten wir 600 Mitarbeiter. Heute sind es noch rund 200”, schildert der 59-Jährige eine Zeit, als der Klimaschutz und die Energiewende kein Thema waren und die rauchenden Schlote im Ruhrgebiet den wirtschaftlichen Aufstieg symbolisierten. Aus und vorbei. Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission soll in wenigen Wochen einen Fahrplan zum Ausstieg aus der Kohleverstromung vorlegen. In Scholven ist man darauf vorbereitet: “Gas statt Kohle” heißt nicht nur hier das Motto.

Energiekonzerne wie Uniper, Steag, EnBW, Vattenfall und auch der wegen des Streits um den Hambacher Forst heftig kritisierte Versorger RWE wissen, dass die Zeit der Kohle abläuft. Der Ausstieg aus dieser klimaschädlichen Stromerzeugung hat längst begonnen. Viele alte Meiler sind bereits vom Netz - auch weil sie unter dem Druck des Ökostroms und der Klimaschutzpolitik unrentabel geworden sind. Wie in Scholven wird auch an anderen Standorten der Brennstoff umgestellt - neben Gas etwa auf Biomasse - oder für die Ansiedlung neuer Geschäfte geworben. Sollte es ein Enddatum für die Kohle geben, dürfte sich dieser Prozess noch beschleunigen.

Der Uniper-Standort in Gelsenkirchen-Scholven hat eine lange Tradition. Keimzelle ist wie so oft im Ruhrgebiet eine Zeche, deren erster Schacht auf das Jahr 1908 zurückgeht, wie Schlottmann bei einer Werksführung berichtet. Die Firmennamen wechselten vom Bergbaunternehmen Hibernia über Veba Kraftwerke Ruhr zu PreussenElektra, E.ON und jetzt Uniper. Und mit Uniper soll nicht Schluss sein. Nun gehe es darum, den Standort in die Zeit nach dem Aus der Kohleverstromung hinüberzuretten. “Wir gehen weg von der Zeche und Kokerei hin zur nächsten Generation”, betont der gebürtige Gelsenkirchener, Patch-Work-Vater mit sieben Kindern und - natürlich - Schalke 04-Fan: “Bis zur Schalke-Arena sind es acht Kilometer Luftlinie.”

NEUE FIRMEN AN ALTEN STANDORTEN

Bis spätestens Ende 2022 will Uniper die traditionelle Stromproduktion aus Steinkohle durch eine moderne Erzeugung aus Gasturbinen ergänzen und später vollständig ersetzen. Auf die Stromerzeugung alleine will sich Kraftwerksleiter Lars Wiese nicht verlassen. Die Anlage solle auch weiter Dampf für die Industrie und Fernwärme produzieren, berichtet der 44-Jährige. Zugleich sucht er nach Zusatzgeschäften - wie Abwärmenutzung und Anlagen-Wartungen für nahe Industriekunden. Davon hänge auch ab, wie viele Mitarbeiter in Scholven bleiben. “Moderne Gaskraftwerke sind stark automatisiert. Vermutlich werden künftig weniger als die Hälfte der Mitarbeiter noch beschäftigt sein.”

Bislang fehlt noch der Anschluss an das Gasnetz. “Wir müssen eine 15 Kilometer lange Leitung legen, um an das Ferngasnetz von der Netzgesellschaft Open Grid Europe angeschlossen zu werden”, erläutert Projektleiter Matthias Fricke. “Das wollen wir zusammen mit Evonik machen. Wir entwickeln gemeinsam einen Trassenplan. Bis Mitte 2021 wollen wir den Anschluss an das Gasnetz schaffen.” Die Investitionen für den ganzen Umbau beliefen sich auf einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag.

GREENPEACE WILL MEHR

Uniper ist nicht der einzige Versorger, der mit solchen Plänen vorangeht. Der Karlsruher Energiekonzern EnBW produziert seit über 60 Jahren in seinem Kraftwerk Stuttgart-Gaisburg Strom und Wärme. Nun soll das Heizkraftwerk in den nächsten Jahren grundlegend modernisiert werden. Ein wesentlich kleineres, effizientes und emissionsärmeres Gas-Heizwerk soll das hauptsächlich mit Kohle befeuerte Kraftwerk ersetzen. Der Essener Versorger Steag hat in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben die Hälfte seiner Erzeugungskapazitäten auf Basis von Steinkohle stillgelegt. Am alten Kohlekraftwerksstandort Herne will der Konzern einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag in ein neues Gas- und Dampfkraftwerk (GuD) investieren. Dieses soll auf lange Sicht die derzeit noch laufende kohlebefeuerte Anlage ersetzen.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung begrüßt die Umwidmung der Flächen. “Grundsätzlich entsteht bei Anlagen der gleichen Leistungsklasse in gasgefeuerten Anlagen weniger Kohlendioxid als in kohlegefeuerten Anlagen”, sagt NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart der Nachrichtenagentur Reuters. Damit sei sowohl dem Umweltschutz als auch einer sicheren Versorgung gedient. “Die erforderlichen Schnittstellen zu den Strom- und Wärmenetzen sind an vielen Kohlekraftwerks-Standorten bereits vorhanden. Ein Zugang zum Gasnetz muss an geeigneten Standorten teilweise noch hergestellt werden.”

Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace sieht Vorteile in der Nutzung der alten Kraftwerksstandorte, warnt aber vor einem groß angelegten Bau von Gaskraftwerken. “Für uns geht es darum, den Kohleausstieg zu verbinden mit dem sukzessiven Aufbau von Speicherstandorten. Das Gute an den bestehenden Standorten ist ja, dass sie bereits an das Stromnetz angeschlossen sind.” Weitere Nachnutzungskonzepte, beispielsweise durch den Einsatz von Gasturbinen, seien auch sinnvoll. “Es sollte sich dabei aber um eine Übergangslösung hin zur Nutzung von 100 Prozent Erneuerbaren Energien handeln.” Der NRW-Chef des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Dirk Jansen, betont, es sei unbestritten, dass für eine Übergangszeit hochflexible und effiziente Gaskraftwerke als Backup für die Erneuerbaren Energien gebraucht würden. “Wenn dafür Kohlekraftwerke stillgelegt werden und auch die Schadstoffbelastung in der Region dadurch sinkt, unterstützen wir als BUND solche Pläne.”

GEDANKENSPIELE ZU MOORBURG: “GANZ AM ANFANG”

Spätestens im Dezember soll die Kohlekommission der Bundesregierung ein Szenario für den Ausstieg aus der Verstromung des Brennstoffs vorlegen, der 2017 hierzulande noch rund 37 Prozent der Stromproduktion abdeckte. “Die Kommission wird wahrscheinlich ein Enddatum in den 30er Jahren empfehlen”, sagt eine mit den Beratungen vertraute Person Reuters. Die Gemengelage in dem 31-köpfigen Gremium sei aber noch unübersichtlich. Wahrscheinlich würden den Betreibern Restmengen zugestanden, so dass sie die Kraftwerke flexibel laufen lassen könnten. Besonders alte, klimaschädliche Anlagen würden wohl sofort abgeschaltet. Dabei könne es sich neben Braunkohle- auch um Steinkohlekraftwerke handeln. Der Zeitrahmen für den Ausstieg solle später nochmal überprüft werden, betont der Insider. Am Ende könne es bei einem Ausstieg 2035 bis 2038 bleiben, den nach Angaben aus Kommissionkreisen der Co-Vorsitzende des Gremiums, Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, genannt hatte.

Der auch in Deutschland stark vertretene schwedische Versorger Vattenfall spielt schon mit solchen Gedanken für sein Kohlekraftwerk in Hamburg Moorburg. “Wir werden auch Alternativen überprüfen, wie man die Zukunft Moorburgs gestalten kann, zum Beispiel durch den Einsatz von Biomasse”, sagte Vorstandsmitglied Tuomo Hatakka kürzlich Reuters, fügte aber hinzu: “Wir sind in diesem Prozess ganz am Anfang.” Ein frühes Aus von Moorburg würde Vattenfall hart treffen. Rund 2,8 Milliarden Euro hat das erst 2015 in Betrieb genommene Kraftwerk gekostet. Es deckt nach Konzernangaben etwa 80 Prozent des Hamburger Strombedarfs und ist mit 1,6 Gigawatt das größte Kraftwerk Norddeutschlands.

INVESTOREN SETZEN AUF NACHHALTIGKEIT

Den Versorgern sitzen auch immer mehr Investoren im Nacken. Der Norwegische Staatsfond hat hier Maßstäbe gesetzt. Der eine Billion Dollar schwere Staatsfonds will nur noch in Unternehmen investieren, die streng nachhaltig wirtschaften. Der Fonds ist gemessen am verwalteten Vermögen der weltgrößte seiner Art und hält Beteiligungen an mehr als 9000 Unternehmen in 72 Ländern. In Deutschland ist Union Investment nach eigenen Angaben Marktführer bei den nachhaltigen Anlagen. “Wir müssen auch beim Thema Kohle unsere Haltung als treuhänderischer Vermögensverwalter immer wieder überprüfen”, erläutert Portfoliomanager Thomas Deser. Union Investment macht einen Bogen um Unternehmen, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohleförderung erzielen. Auch bei anderen Unternehmen, etwa der Allianz oder der Deutsche-Bank-Tochter DWS, spielt die Frage eine immer größere Rolle. So kündigte die Allianz etwa im Mai an, auf Einzelversicherungen von Kohlekraftwerken und -Minen zu verzichten und die Kohlerisiken bis 2040 in der Schaden- und Unfallversicherung sowie der Kapitalanlage der Versichertengelder auf null zu reduzieren.

“Kohle ist ein schwieriges Geschäft, sofern es politisch getrieben ist. Als günstiger Energieträger wird es aber noch lange ein Thema bleiben”, sagte der Initiator und Verwaltungsrat des Mellinckrodt Fonds, Georg Oehm. Der 53 Millionen Euro schwere Fonds investiert europaweit in Firmen verschiedener Größe, darunter Uniper, mit Schwerpunkt Deutschland und Schweiz.

HAMBACHER FORST - SYMBOL DES WIDERSTANDS

Derzeit steht wohl kein Versorger so in der Kritik wie der Energiekonzern RWE mit seinem Braunkohletagebau und den angrenzenden Kohlekraftwerken. Ein Ausstiegsdatum sei nicht notwendig, sondern ein zügiger Ausbau der Stromnetze und der Erneuerbaren Energien, heißt es hier. Der Konzern hat einen eigenen Fahrplan. “Unser Ziel ist klar: Wir werden die CO2-Emissionen der Stromerzeugung in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien bis 2030 um 40 Prozent bis 50 Prozent im Vergleich zum Jahr 2015 reduzieren.” In den Niederlanden, wo die Regierung einen Kohleausstieg bis 2030 anstrebt, will der Konzern das Kohlekraftwerk Amer 9 zukünftig bis zu 80 Prozent mit Biomasse statt Kohle befeuern. In Großbritannien hat RWE mehrere alte Kraftwerksstandorte verkauft, die zu Logistik-Zentren oder Wohngebieten umgewandelt werden könnten.

Für landesweite Aufmerksamkeit hat der Streit um den Hambacher Forst gesorgt. RWE will den Wald bei Aachen weiter abholzen, um den Braunkohle-Tagebau voranzutreiben. Seit Jahren harren Kohlegegner im Wald aus. Im September beginnt die Polizei mit der Räumung: Unter einem der Baumhäuser der Aktivisten sitzt Jonas R. Der 26-jährige Musiker aus Nordhessen ist den Aufrufen im Internet gefolgt und hat gerade seine erste Nacht im Freien verbracht. “Ich bin nach Hessen gezogen, weil es da so viel Wald gibt”, berichtet er. “Ich finde es unfassbar, was hier passiert”, kritisiert er die geplante Rodung. “Was soll ich meiner Tochter erzählen, wie so etwas möglich war? RWE geht es nur ums Geld.” Selbst wenn der Protest in Hambach den Wald nicht rette, werde die Anti-Kohle-Bewegung doch größer werden.

Davon geht auch “Tango” aus. Der 28-jährige Student der Ökologischen Landwirtschaft aus Witzenhausen sagt: “Es geht den Leuten nicht nur um diesen Wald. Aber er ist zum Symbol des Widerstands geworden.” Tango ist noch neu hier und gehört daher zur “Bodenbesatzung”. Die, die schon länger da seien oder die Baumhäuser gebaut hätten, gehörten zu “Obenbesatzung”. Gerne würde er mal hinauf, berichtet er. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, dass wenige Stunden später ein junger Blogger beim Sturz durch eine Hängebrücke ums Leben kommen wird. “Wir sehen uns schon in der Pflicht, das, was die Anti-AKW-Bewegung erreicht hat, mit den Kohlekraftwerken fortzusetzen.”

Die Räumung der Protestcamps war fast abgeschlossen, als das Oberverwaltungsgericht in Münster die ab Mitte Oktober geplante Rodung des Waldes bis zur Klärung einer weiteren Klage von Umweltschützern untersagte. RWE zufolge könnte eine Entscheidung bis Ende 2020 dauern. Es drohten nun hohe finanzielle Einbußen und ein Stellenabbau, warnt der Konzern. Insgesamt sind in Deutschland rund 20.000 Beschäftige in Braunkohletagebauen und den dazu gehörigen Kraftwerken tätig, die meisten davon im Rheinischen Revier bei RWE sowie im Osten in der Lausitz bei Leag.

Zurück im Uniper-Kraftwerk Scholven: Jörg Schlottmann berichtet, das öffentliche Interesse an der Anlage habe zugenommen. “Wir haben rund 1.500 Besucher jedes Jahr. Ein Drittel davon sind Schulklassen.” Das Interesse an der Energieerzeugung und der Energiewende sei gewachsen. Aber: “Kohlegegner sind meist nicht unter den Besuchern. Das ist schade.” Er fände es wichtig, die Argumente direkt auszutauschen. Auf die Frage, welche Bedeutung die Anlage in Scholven für ihn und die Beschäftigen habe, sagt er: “Es ist unsere Heimat. Das ist unser Kraftwerk.”

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