May 15, 2012 / 1:07 PM / 7 years ago

Euro-Zone wirtschaftlich immer tiefer gespalten

Berlin (Reuters) - Boom in Deutschland, Stagnation in Frankreich, Rezession in Italien & Co: Der wirtschaftliche Riss in der Euro-Zone wird immer größer.

Der Währungsunion schrammte nur dank des überraschend kräftigen Wachstums in Deutschland an einer Rezession vorbei. Experten warnen aber, dass sich Europas größte Volkswirtschaft nicht auf Dauer von der Konjunkturflaute in den Krisenstaaten abkoppeln kann. Die Rufe nach einem Konzept für mehr Wachstum und Beschäftigung werden deshalb lauter.

Boomende Exporte und kauffreudige Verbraucher ließen das Bruttoinlandsprodukt von Januar bis März um 0,5 Prozent zum Vorquartal steigen, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Ende 2011 war es noch um 0,2 Prozent geschrumpft - zum ersten Mal seit fast drei Jahren. Bei zwei Minus-Quartalen in Folge sprechen Ökonomen von Rezession. “Deutschland hat die konjunkturelle Schwächephase im Winterhalbjahr zügig überwunden”, sagte Wirtschaftsminister Philipp Rösler.

ITALIEN UND SPANIEN IN DER REZESSION

Das Comeback ihrer mit Abstand größten Volkswirtschaft rettete die Euro-Zone vor einer neuen Rezession: Die Wirtschaftsleistung stagnierte, nachdem sie am Jahresende noch um 0,3 Prozent gefallen war. Die zweitgrößte Volkswirtschaft Frankreich tritt ebenfalls auf der Stelle. Schlimmer sieht es in den Krisenländern aus: Die spanische Wirtschaft schrumpfte wie schon am Jahresende um 0,3 Prozent. In Italien brach das Bruttoinlandsprodukt gar um 0,8 Prozent ein. Das war schon der dritte Rückgang in Folge. Auch Portugal findet nicht aus der Rezession: Hier gab es ein Minus von 0,1 Prozent. Ganz zu schweigen von Griechenland: Binnen Jahresfrist brach die Wirtschaft um 6,2 Prozent ein.

Weil die im Kampf gegen die Schuldenkrise geschnürten Sparpakete immer mehr Euro-Länder in die Rezession stürzen, werden auch in Deutschland die Rufe nach einem Konjunkturpaket lauter. Mit Parteichef Sigmar Gabriel, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück forderten die drei Spitzenmänner der SPD in einem ihrer seltenen gemeinsamen Auftritte ein europäisches Wachstums- und Beschäftigungsprogramm. Sie plädieren dafür, transeuropäischer Infrastrukturprojekte in den Bereichen Energie, Verkehr und Informationstechnologien auszubauen - besonders in Südeuropa.

“KRISE NOCH LANGE NICHT AUSGESTANDEN”

Auch der neue französische Präsident Francois Hollande will das Wachstum stärker fördern. Deutschland und Frankreich werden sich nach den Worten des CDU-Politikers Peter Altmaier noch vor der Sommerpause auf eine gemeinsame Strategie zur Bekämpfung der Schuldenkrise verständigen. “Ich bin sicher, dass wir uns bis spätestens Ende Juni auf ein gemeinsames deutsch-französisches Vorgehen einigen können”, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in einem Reuters-Interview. Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel wollten noch am Abend in Berlin treffen.

Die Krise in vielen Euro-Ländern wird früher oder später auch Deutschland treffen, sind sich Experten einig. “Deutschland schlägt sich deutlich besser als der Rest der Euro-Zone”, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. “Aber ich glaube nicht, dass es in dem Tempo weitergeht.” Etwa 40 Prozent der Exporte gehen in die Währungsunion. Zuletzt waren sie bereits stark gesunken. Einige Branchen spüren den Gegenwind bereits. So kämpfen in der deutschen Stahlindustrie die Branchenführer ThyssenKrupp und Salzgitter mit Verlusten. Sie führen das explizit auf die Schuldenkrise zurück.

Börsianer fürchten angesichts der Wahlergebnisse in Frankreich und Griechenland, dass die Regierungen in Europa nicht entschlossen genug gegen die Schuldenkrise vorgehen. Ihre Konjunkturerwartungen brachen deshalb im Mai um 12,8 auf 10,8 Zähler ein. Zuvor waren sie fünf Monate in Folge gestiegen. “Die Krise ist noch nicht durchgestanden, da gibt es einen langen Weg vor uns”, warnte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Markus Kerber.

ANHEBUNG DER PROGNOSE ERWARTET

Der gute Jahresauftakt in Deutschland überraschte alle Experten: Die 41 von Reuters befragten Analysten hatten im Schnitt nur ein Plus von 0,1 Prozent erwartet, wobei die Schätzungen von minus 0,3 bis plus 0,2 Prozent reichten. “Nach vorläufigen Berechnungen sind die Exporte - anders als die Importe - zum Jahresbeginn gestiegen”, schrieb das Statistische Bundesamt. Besonders die Geschäfte in den USA und mit Schwellenländern brummten. “Außerdem wurde im Inland mehr konsumiert als im Vorquartal.” Spürbare Lohnerhöhungen und die steigende Beschäftigung regten die Deutschen zum Geldausgeben an. Das konnte sinkenden Investitionen teilweise kompensieren.

Die Bundesregierung erwartet für dieses Jahr bislang ein Wachstum von 0,7 Prozent. Experten gehen davon aus, dass sie wegen des guten Jahresauftakts angehoben und eine “1” vor dem Komma stehen wird. Die Hoffnungen ruhen vor allem auf einem robusten Binnenmarkt. Sinkende Arbeitslosigkeit und höhere Löhne sollen den privaten Konsum beflügeln, während niedrige Zinsen den Wohnungsbau und Investitionen ankurbeln dürften. Trüber sieht es in der Euro-Zone aus. Die EU-Kommission geht davon aus, dass sie in diesem Jahr um 0,3 Prozent schrumpft.

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