June 18, 2012 / 2:13 PM / 6 years ago

RAG-Stiftung begräbt Traum von Evonik-Börsengang

Düsseldorf (Reuters) - Der milliardenschwere Börsengang des Chemieriesen Evonik ist abgesagt.

“Das Kuratorium der RAG-Stiftung hat heute der Entscheidung des Vorstands zugestimmt, die Vorbereitung des laufenden Börsengangs der Evonik Industries AG zu beenden”, teilte der Mehrheitseigner RAG-Stiftung am Montag mit. Der bei einem Börsengang erzielbare Preis sei “zu weit von einer angemessenen Bewertung der Evonik entfernt”, hieß es zur Begründung. Die RAG-Stiftung hatte Finanzkreisen zufolge eine Bewertung des Essener Konzerns von mindestens 15 Milliarden Euro angepeilt - Investoren hatten den Insidern zufolge aber deutlich weniger zahlen wollen.

Es wäre der größte Börsengang in diesem Jahr in Europa gewesen, der nun an den Finanzmarktturbulenzen gescheitert ist und weiteren Kandidaten den Weg an den Aktienmarkt erschweren dürfte. Die Börsenpläne für Evonik sind damit für längere Zeit zu den Akten gelegt. Nun dürfte auch der Druck auf den Chef der Stiftung, Wilhelm Bonse-Geuking, steigen - im mächtigen Kuratorium war bereits Kritik an ihm laut geworden.

Ein Börsengang sei aus Sicht der RAG-Stiftung und des zweiten Evonik-Eigners, des Finanzinvestors CVC, “zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu rechtfertigen” räumte die Stiftung ein. Die Stiftung und CVC hatten Finanzkreisen zufolge geplant, rund ein Drittel der Evonik-Anteile an Anleger zu verkaufen - bis zu fünf Milliarden Euro wären dann in ihre Kassen geflossen.

Es hatte sich aber bereits in den vergangenen Wochen abgezeichnet, dass die Evonik-Eigner sich mit ihren anfänglich von den Banken befeuerten Preisvorstellungen nicht durchsetzen konnten. Große Fonds zeigten sich vorsichtig, die durch die Euro-Schuldenkrise ausgelösten Turbulenzen an den Börsen ließen Anleger zurückschrecken. Die Banken hatten in der vergangenen Woche noch eine “Galgenfrist” erhalten, die Investoren doch noch zu überzeugen - vergeblich.

Am Freitag trafen sich Vertreter der Eigner und der Banken Deutsche Bank und Goldman Sachs, die den Börsengang über Monate vorbereitet hatten, am Düsseldorfer Flughafen. Die Bilanz des Treffens fiel Insidern zufolge mehr als ernüchternd aus. Die Banken konnten demnach weder für die vom Mehrheitseigner geforderte Klarheit mit Blick auf die Preisspanne und das Volumen eines Börsenganges sorgen, noch verbindliche Zusagen von Investoren präsentieren, Evonik-Anteile zu zeichnen. Den Eignern sei keine Wahl geblieben - die aktuellen Börsenpläne landeten im Papierkorb. Das Scheitern bei Evonik dürfte auch die Aussichten für andere Börsenkandidaten in Deutschland wie etwa den Versicherer Talanx trüben.

HOFFEN AUF EINEN “SPÄTEREN ZEITPUNKT”

“Wir sind uns mit der RAG-Stiftung vollkommen einig, dass wir ein so hervorragendes Unternehmen wie Evonik nicht unter Wert an die Börse bringen wollen”, unterstrich auch eine Sprecherin des Finanzinvestors CVC. “Ein Börsengang zu einem späteren Zeitpunkt ist nach wie vor unser erklärtes Ziel”, fügte sie hinzu: “Wir stehen jedoch nicht unter Zeitdruck.” Die Stiftung ist Mehrheitseigner von Evonik, die übrigen 25,01 Prozent der Anteile liegen bei CVC. Ein Börsengang könne “erst ins Auge gefasst werden, wenn die Lage auf den Finanzmärkten einen angemessenen Erlös ermöglicht”, betonte die Stiftung.

In Kuratoriumskreisen war bereits von einer “Pleite für die Banken” Deutsche Bank und Goldman Sachs die Rede gewesen, die angesichts der langen Vorbereitungszeit “ernüchternde Arbeit” geliefert hätten. Der geplatzte Traum vom Börsengang sei aber auch eine Schlappe für die Stiftung - und ein “Reputationsschaden für Evonik”. Der Druck auf Stiftungschef Bonse-Geuking dürfte nun weiter steigen. Denn die Vorbereitungen für den Börsengang kosteten Millionen - im Umfeld des Stiftungsvorstands kursieren Zahlen von 30 Millionen Euro, an anderer Stelle war von bis zu 50 Millionen die Rede.

Dabei brauche die Stiftung, in der der subventionierte deutsche Steinkohlebergbau gebündelt ist und die ab 2018 für dessen Folgekosten aufkommen soll, den Börsengang gar nicht. Nach von Bonse-Geuking vorgelegten Szenarien werde die Stiftung 2018 auch ohne Milliarden aus einem Evonik-Börsengang über ein Vermögen von rund 12,7 Milliarden Euro verfügen. Sie weise “in jedem Szenario die notwendige bilanzielle Deckung für die voraussichtliche Verpflichtung aus den Ewigkeitslasten auf”, habe Bonse-Geuking zu Protokoll gegeben. An anderer Stelle hieß es indes, ohne Anteilsverkauf sei die Stiftung der Entwicklung Evoniks und der Fähigkeit des Konzerns ausgeliefert, über lange Zeit Dividenden zu zahlen.

CVC braucht eine Ausstiegsmöglichkeit, der Investor hält seine Beteiligungen wie in der Branche üblich in der Regel vier bis sieben Jahre. Fondsmanager hatten angedeutet, sie seien angesichts zahlreicher vergeblicher Anläufe von Evonik müde, sich immer wieder mit dem Unternehmen zu befassen. “Wenn das Unternehmen zu einem attraktiven Preis später wieder kommt, werden sie sich es sicher ein weiteres Mal anschauen”, hoffte dagegen ein Banker. Evonik wäre ein Kandidat für den Leitindex Dax-, der die 30 größten börsennotierten Firmen in Deutschland umfasst.

In dem von der Politik bestimmten Kuratorium sitzen einige Kritiker Bonse-Geukings, dessen Vertrag ebenso wie für die übrigen Stiftungsvorstände im März nur bis Juli 2013 verlängert worden war, um die IPO-Pläne nicht durch Personalstreitigkeiten zu belasten. Die Vorstände sollten aber vorzeitig gehen, wenn eine Nachfolgelösung gefunden sei, hieß es damals. Kandidat für eine Nachfolge Bonse-Geukings war damals der ehemalige Bundeswirtschaftsminister und Ex-Evonik-Chef Werner Müller. Dieser hätte weiter Interesse, hieß es in Branchenkreisen.

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