October 6, 2008 / 4:08 AM / 10 years ago

Debakel bei Hypo Real Estate bringt Chef ins Abseits

Berlin/München (Reuters) - Die zweite Rettungsaktion für die Hypo Real Estate (HRE) in nur einer Woche wird dem Chef des Münchner Immobilienfinanzierers wohl seinen Job kosten.

An electronic information board with Hypo Real Estate written upon it is pictured under an emergency exit sign at the Frankfurt stock exchange, October 6, 2008. REUTERS/Kai Pfaffenbach(GERMANY)

Georg Funke werde in den nächsten Tagen zurücktreten, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters am Montag. Massiver Druck auf den Vorstandschef kommt unter anderem von der Bundesregierung, die zusammen mit der Bankenbranche die HRE mit Milliardenhilfen vor dem Kollaps bewahrte. Funke wird vorgeworfen, die Lage der unter Liquiditätsnöten leidenden Immobilienbank zu optimistisch eingeschätzt zu haben.

Es sei undenkbar, dass das Management weitermache, sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) nach den nächtlichen Krisengesprächen mit den Aufsichtsbehörden und Bankchefs in Berlin. Trotz der neuen Stützung und einer Garantie des Bundes für alle Spareinlagen in Deutschland blieb das Misstrauen der Investoren groß: Die HRE-Aktie brach zeitweise um mehr als 50 Prozent ein und sackte sogar unter 3,50 Euro. Funke hatte bereits im Januar mit dem Eingeständnis, doch von der Krise betroffen zu sein, einen Kurssturz ausgelöst.

Bundesregierung und Finanzbranche einigten sich nach mehrstündigen Verhandlungen in der Nacht zum Montag auf eine Aufstockung der Kreditlinien für die HRE um 15 auf 50 Milliarden Euro. Die Gelder stammen von privaten und öffentlichen Banken sowie Versicherern, werden aber nicht durch zusätzliche Bürgschaften des Bundes oder der Finanzbranche abgesichert. Diese Rettung gebe der Bank Luft bis zum Jahresende, betonte Steinbrück. “Keiner hat ein Interesse daran, dass wir nächste Woche wieder zusammensitzen.”

Die neuen Darlehen waren nötig geworden, weil Prüfungen der Bücher bei der Bank einen zusätzlichen Refinanzierungsbedarf bis zum Jahresende ergaben. “Die gefundene Lösung stellt sicher, dass die Hypo Real Estate stabilisiert wird und auch bei andauernder Finanzkrise über ausreichende Liquidität verfügt und weiterarbeiten kann”, sagte Funke. Erst vor einer Woche hatte er nach einer ersten dramatischen Rettungsaktion von Bund und Banken erklärt, dass die Refinanzierung bis 2009 gesichert sei.

RÜCKTRITT AUCH IM AUFSICHTSRAT ERWARTET

Der 53-jährige Vorstandschef steht stark unter Beschuss. “Das Management hat mich einigermaßen zum Entsetzen gebracht”, so Steinbrück. Ähnlich hatte sich auch Kanzlerin Angela Merkel geäußert. Aus Verhandlungskreisen verlautete, ein Rücktritt Funkes sei unausweichlich. Er werde noch die Details des Rettungspakets aushandeln, sagte eine mit der Situation vertraute Person. “Die Banken und die Politik brauchen einen handlungsfähigen Vorstand in den nächsten Tagen.” Danach werde es aber personelle Konsequenzen geben.

Auch Aufsichtsratschef Kurt Viermetz werde abdanken, hieß es. Politik und Bankenbranche seien sich einig, dass beide Manager gehen müssten. Schon in der vergangenen Woche hatte Vorstandsmitglied Bo Heide-Ottosen sein Mandat niedergelegt. Er war für die irische Staatsfinanzierungstochter Depfa, bei der die Probleme auftauchten, zuständig. Auch der Depfa-Manager Paul Leatherdale kündigte seinen Abschied an.

NEUE REFINANZIERUNGSLÜCKE

Die neue Refinanzierungslücke wenige Tage nach dem ersten Rettungspaket ergab sich unter anderem durch Herabstufungen der Kreditwürdigkeit. Diese hätten neue Zahlungsverpflichtungen ausgelöst, sagte ein Insider. Steinbrücks Aussagen zu einer “geordneten Abwicklung” der Bank in der vergangenen Woche hätten die Lage zudem verschärft, ergänzte eine andere Person aus dem Umfeld der Bankmanagements. Das Finanzministerium wies diesen Vorwurf zurück.

Damit die HRE den neuen Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann, werde die Bundesbank kurzfristig Milliardenhilfen zur Verfügung stellen, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums. Diese würden später dann zum Teil durch die vereinbarten Kredite der Geschäftsbanken abgelöst. Als Sicherheiten dienen Wertpapiere der HRE. Für die ersten 35 Milliarden Euro hatten Bund und Finanzbranche in der vergangenen Woche bereits mühselig einen Bürgschaftsrahmen vereinbart, der weiterhin gültig ist. Demnach übernehmen Banken und Versicherer Garantien für 8,5 Milliarden Euro möglicher Kreditausfälle, der Staat den Rest. Die neuen Hilfen brächten für den Steuerzahler keine zusätzlichen Lasten, beteuerte das Finanzministerium.

Ob das Ende der Fahnenstange nun erreicht ist, gilt bei Branchenexperten als ungewiss. “Wir können nicht ausschließen, dass die 50 Milliarden Euro möglicherweise auch nicht reichen”, schrieben die Analysten von UniCredit in einer Studie.

Trotz der Misere will der HRE-Großaktionär JC Flowers Finanzkreisen zufolge an seinem Engagement festhalten. Flowers hatte Mitte des Jahres gut 1,1 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt und sich dafür knapp 25 Prozent der Anteile gesichert.

- von Philipp Halstrick, Christian Krämer, Patricia Uhlig -

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