March 19, 2020 / 9:35 AM / 18 days ago

Ifo-Index bricht ein - "Deutsche Wirtschaft stürzt in Rezession"

- von Klaus Lauer und Rene Wagner und Reinhard Becker

General view of the Brandenburg Gate and Pariser Platz, as the spread of the coronavirus disease (COVID-19) continues, in Berlin, Germany March 17, 2020. REUTERS/Michele Tantussi

Berlin (Reuters) - Die Coronavirus-Krise schürt bei deutschen Firmenchefs Angst vor einer kräftigen Rezession.

Ökonomen befürchten sogar einen der größten Konjunkturbrüche in der Nachkriegszeit von bis zu neun Prozent. Die Stimmung der vom Ifo befragten Manager fiel im März auf den tiefsten Stand seit Mitte 2009, wie das Münchner Institut am Donnerstag mitteilte. Der Ifo-Geschäftsklimaindex sank nach vorläufigen Ergebnissen auf 87,7 Punkte, nach 96,0 Zählern im Februar. “Die deutsche Wirtschaft stürzt in die Rezession”, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. “Insbesondere die Erwartungen der Unternehmen für die kommenden Monate verfinsterten sich wie nie zuvor.” Auch die Einschätzungen zur Lage seien deutlich gefallen. “Die Inkubationszeit ist vorüber, das Virus hat Deutschland voll im Griff”, sagte DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle.

In der Finanzkrise 2009 war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland um fast sechs Prozent gesunken. Im schlimmsten Fall könnte das BIP laut Ifo-Institut auch 2020 so stark schrumpfen. Aber auch im besten Falle dürfte die Wirtschaftskraft noch um 1,5 Prozent nachlassen. “Niemand weiß genau, wie sich die Absagen und Schließungen wirtschaftlich auswirken”, sagte Fuest. Der Verlauf der Konjunktur hänge stark von den Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie und von Entscheidungen in anderen Ländern ab. Die Kieler IfW-Forscher rechnen sogar mit einem BIP-Minus von knapp neun Prozent, wenn die Erholung in Deutschland erst im August einsetzt. Sollte sich die “derzeitige Stresssituation” bereits ab Mai allmählich entspannen, dürfte die Wirtschaft nur um 4,5 Prozent einbrechen. In beiden Szenarien rechnet das IfW im März mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um fast 18 Prozent zum Vormonat.

“NIE DAGEWESENER STILLSTAND DER GLOBALEN WIRTSCHAFT”

KfW-Chefökonomin Fritzi Köhler-Geib hält einen Einbruch der Wirtschaftskraft im zweiten Quartal um zehn bis 15 Prozent für leicht vorstellbar. “Problematisch ist vor allem die enorme Unsicherheit darüber, ab wann eine Rückkehr zur Normalität möglich sein wird.” Der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel, sieht die Gefahr, dass andere Länder kaum deutsche Waren kauften. “Wir erleben derzeit einen außerhalb von Kriegszeiten noch nie dagewesenen Stillstand der globalen Wirtschaft.”

Im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland fiel der Ifo-Index auf den niedrigsten Stand seit August 2009. “Einen stärkeren Rückgang gab es im vereinigten Deutschland noch nie”, betonte Fuest. Der Rückgang der Erwartungen sei mit Blick auf 70 Jahre Umfragen in der Industrie historisch einmalig. Viele Unternehmen kündigten Produktionskürzungen an und kappten ihre Exportpläne. Im Dienstleistungssektor fiel das Barometer so stark wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnung 2005. Im Handel blicken die Firmen so skeptisch nach vorn wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Am Bau trübte sich die Stimmung vergleichsweise moderat ein. Die Lage werde zwar noch “sehr gut eingeschätzt”, der Ausblick habe sich aber stark verschlechtert.

Auch das Berliner DIW-Institut rechnet mit einer kurzfristigen Talfahrt. Sollte es dann rasche Nachholeffekte bei Produktion und Konsum geben, könnte die Wirtschaft 2020 mit einem glimpflichen BIP-Rückgang von 0,1 Prozent davonkommen. “Es kann aber – und das scheint derzeit realistisch – auch zu einem L-Verlauf der Wirtschaft kommen, in dem nach dem Absturz eben erstmal nichts groß nachgeholt wird und Konsum und Produktion auf einem deutlich niedrigeren Niveau bleiben”, sagte DIW-Konjunkturchef Claus Michelsen. “Die Rezession würde dann noch deutlich schwerer ausfallen.” Eine konkrete Schätzung dazu wagt das DIW nicht. Das Essener RWI-Institut senkte seine Prognose für die Konjunktur in diesem Jahr von plus 1,1 auf minus 0,8 Prozent. Für 2021 erwarten die Forscher wegen Nachholeffekten 2,3 (bisher: 1,5) Prozent Wachstum.

Notenbanken aus aller Welt greifen der Wirtschaft in der Viruskrise derzeit unter die Arme. So legt die Europäische Zentralbank (EZB) ein Notfallprogramm mit Anleihenkäufen von 750 Milliarden Euro auf. Die Schweizer Notenbank verstärkt ihre Devisenmarkt-Interventionen.

Das Ifo will die endgültigen Ergebnisse seiner monatlichen Umfrage unter 9000 Unternehmen am 25. März bekanntgeben. “Angesichts der ungewöhnlichen Lage” wegen der Virus-Pandemie legten die Münchner Forscher nun erstmals seit Beginn der Umfragen 1949 vorläufige Daten vor.

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