Reuters logo
Top-Institute warnen neue Regierung vor Selbstgefälligkeit
28. September 2017 / 13:58 / vor 23 Tagen

Top-Institute warnen neue Regierung vor Selbstgefälligkeit

Berlin (Reuters) - Führende Wirtschaftsinstitute warnen die künftige Bundesregierung angesichts eines Dauer-Aufschwungs und voller Staatskassen vor Selbstzufriedenheit.

Bavarian Interior Minister Joachim Herrmann, as representative of the Bavarian CSU, German Chancellor Angela Merkel, head of the Christian Democratic Party CDU, FDP head Christian Lindner, and Merkel's challenger Martin Schulz, head of the Social Democratic Party SPD, from left, attend a TV chat show in Berlin, Germany, September 24, 2017. REUTERS/Gero Breloer/POOL

“Die größten wirtschaftlichen Fehler werden in Perioden mit gefüllten Kassen gemacht”, sagte der Vizepräsident des IWH-Instituts, Oliver Holtemöller, am Donnerstag bei der Vorstellung des Herbstgutachtens in Berlin. Darin raten die Top-Ökonomen der neuen Regierung dazu, mit Reformen und Investitionen den Weg für einen anhaltenden Aufschwung im kommenden Jahrzehnt zu ebnen.

Zumindest bis 2019 soll das Konjunktur-Hoch anhalten: Für dieses Jahr erhöhten die Regierungsberater ihre Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 1,5 auf 1,9 Prozent, für 2019 von 1,8 auf 2,0 Prozent. 2019 soll es dann um 1,8 Prozent bergauf gehen. Neben dem Konsum sorgten auch der Außenhandel, anziehende Investitionen und der Bauboom für Schwung.

Dieses Wachstumstempo lässt sich angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung und der in einigen Jahren stark sinkenden Erwerbstätigenzahl nicht ohne weiteres halten, warnen die Experten. “Dann werden wir uns eher der Ein-Prozent-Marke annähern”, sagte der Konjunktur-Chef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Stefan Kooths. “Der demografische Wandel ist nichts, was irgendwo am Horizont mal aufscheint, sondern ganz konkret vor der Tür steht.” Die Experten raten deshalb zu Korrekturen bei der gesetzlichen Rentenversicherung, da immer mehr Rentnern künftig immer weniger Beitragszahler gegenüberstünden. Sie müsse flexibler werden. So könnten die Arbeitnehmer die Wahl haben, entweder höhere Beiträge zu zahlen, niedrigere Renten in Kauf zu nehmen oder länger zu arbeiten. “Man kann nicht warten bis 2030. Man sollte die Debatte jetzt frühzeitig beginnen”, betonte Kooths.

“WIR SEHEN HANDLUNGSBEDARF”

Er und seine Kollegen empfehlen wegen voller Kassen, die Sozialabgaben zu senken und so vor allem Bezieher niedriger Einkommen zu entlasten - etwa durch geringere Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Auch niedrigere Einkommensteuern halten sie angesichts der “auch im internationalen Vergleich hohen Belastung der Arbeitseinkommen mit Abgaben” für machbar. Gleichzeitig sollte der Staat aber mehr investieren. “Wir sehen da durchaus Handlungsbedarf für die neue Regierung – insbesondere im Bildungsbereich”, sagte DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner.

Das Geld dafür ist vorhanden: Allein von 2017 bis 2019 sagen die Institute der öffentlichen Hand Überschüsse von insgesamt 109 Milliarden Euro voraus. 2019 soll der Schuldenstand des Staates erstmals seit Jahren unter die Marke von 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen, die in den EU-Verträgen als Obergrenze vorgesehen ist.

Ihrem 84 Seiten langen Gutachten haben die Volkswirte den Titel “Aufschwung weiter kräftig - Anspannungen nehmen zu” gegeben. “In einigen Segmenten der Wirtschaft machen sich erste Zeichen einer Anspannung bemerkbar”, erklärten sie. So gebe es am Arbeitsmarkt deutlich mehr offen Stellen und es dauere immer länger, bis diese besetzt werden könnten. “Insbesondere in der Baubranche geben mehr und mehr Unternehmen an, dass ein Mangel an Arbeitskräften ihre Produktion beeinträchtige.” In dieser Branche stiegen die Preise inzwischen recht kräftig.

Die Zahl der Arbeitslosen soll 2018 im Jahresschnitt erstmals seit der Wiedervereinigung unter 2,5 Millionen sinken und 2019 weiter zurückgehen. Bei der Beschäftigung sagen die Forscher für dieses und die nächsten beiden Jahre jeweils Rekorde voraus. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte sich demnach bis 2019 auf 45,2 Millionen erhöhen. Das wären rund anderthalb Millionen mehr als 2016.

Beteiligt an dem Gutachten sind unter anderem das Münchner Ifo-Institut, das Berliner DIW, das Essener RWI, das Kieler IfW und das IWH Halle. Die Analyse dient der Bundesregierung als Basis für ihre eigenen Prognosen. Diese wird das Wirtschaftsministerium voraussichtlich am 11. Oktober vorlegen.

Unsere Werte:Die Thomson Reuters Trust Principles
0 : 0
  • narrow-browser-and-phone
  • medium-browser-and-portrait-tablet
  • landscape-tablet
  • medium-wide-browser
  • wide-browser-and-larger
  • medium-browser-and-landscape-tablet
  • medium-wide-browser-and-larger
  • above-phone
  • portrait-tablet-and-above
  • above-portrait-tablet
  • landscape-tablet-and-above
  • landscape-tablet-and-medium-wide-browser
  • portrait-tablet-and-below
  • landscape-tablet-and-below