August 29, 2018 / 8:18 AM / 3 months ago

Spielend programmieren - Armenien als Vorbild bei IT-Bildung

- von Andreas Rinke

German Chancellor Angela Merkel visits Tumo Center for Creative Technologies in Yerevan, Armenia August 24, 2018. REUTERS/Hayk Baghdasaryan/Photolure

Berlin/Eriwan (Reuters) - In den langen Räumen tummeln sich Hunderte von Kindern. Überall sitzen sie an modernen Apple-Großbildschirmen, schieben futuristisch designte Sitze mit Computern durch die Gegend.

Es herrscht ein eifriges Tippen und Stimmengewirr. Aber die Szene findet nicht etwa im Silicon Valley, geschweige denn in einer deutschen Metropole statt - sondern im gebirgigen Armenhaus an Europas Peripherie, der armenischen Hauptstadt Eriwan. Denn dort hat das schwerreiche Ehepaar Sylva und Sam Simonian das Tumo-Center for Creative Technologies aufgezogen - als Paradebeispiel dafür, wie man Kindern spielerisch programmieren und damit den Sprung in die Arbeitswelt von morgen beibringen kann.

Und spätestens seit dem Besuch von Kanzlerin Angela Merkel vergangene Woche wird dies auch in Deutschland wahrgenommen. “Ich werde mich dafür einsetzen, dass Tumo oder etwas Vergleichbares auch in Deutschland entsteht”, sagte Digital-Staatsministerin Dorothee Bär am Dienstag im Reuters-Interview. Hintergrund ist, dass das schon 2011 eröffnete Tumo-Center mittlerweile auch von anderen Staaten “entdeckt” wird. Denn nach Angaben von Sprecherin Lilit Tovmasyan wird bereits im September 2018 ein Ableger in Paris eröffnet, im November einer in Beirut. “Und in Moskau, Tirana und einigen anderen Standorten erwarten wir eine Eröffnung innerhalb der nächsten zwei Jahre.” Nur im stolzen, großen Export-Weltmeisterland Deutschland, das in vielen IT-Statistiken weltweit nur Mittelmaß ist, hatte man lange keinen Blick für die Innovation in dem Südkaukasus-Land, wo das jährliche Pro-Kopf-Einkommen mit 3880 Dollar nicht einmal bei einem Zehntel des Wertes der reichen Bundesrepublik liegt.

Dabei häufen sich seit Jahren die Warnungen, dass an deutschen Schulen und Universitäten viel zu wenig Programmier-Kenntnisse für die künftige digitale Welt vermitteln werden. “Wenn ich mir anhöre, wie viele Programmier und Softwareleute wir brauchen könnten - gerade auch in mittelständischen Betrieben -, dann komme ich zu dem Schluss, dass wir den jungen Leuten eigentlich immer wieder sagen sollten: Versucht euch in diese Richtungen zu interessieren”, hatte Merkel schon im Mai 2017 gesagt. Nur ist die Frage: Wie funktioniert das eigentlich, wenn die “Generation Netflix” zwar als Konsument von Smartphones und sozialen Netzwerken aufwächst, aber keine Anleitung etwa zum Codieren bekommt. Die Tatsache, dass viele Kinder in Deutschland zuhause Computer haben, reicht nach Meinung von Bär nicht.

ERFAHRENE KINDER ARBEITEN ALS “COACHES”

Im Koalitionsvertrag wurde deshalb zwar ein “DigitalPakt Schule” beschlossen, der den eklatanten Mangel an modernen Computern in deutschen Bildungseinrichtungen abbauen soll. Aber die schwerfälligen Entscheidungsabläufe im Geflecht zwischen Bund, Ländern und Kommunen passen nicht zum Tempo der Digitalisierung. Jetzt werden zwar bis zu fünf Milliarden Euro des Bundes in Aussicht gestellt. Aber der “DigitalPakt Schule” startet nach Angaben des Bundesforschungsministeriums erst 2019 - weil eine Grundgesetzänderung die Hilfe des Bundes für die Kommunen erlauben müsse. Zum anderen dominiert der sehr deutsche Ansatz, dass Bildung und Fähigkeiten nur von diplomierten Fachleuten vermittelt werden. “Wir sollten uns aber von der Vorstellung lösen, dass man Programmieren nur von Staatsbeamten lernen kann”, kritisiert Bär.

Das Tumo-Center ist da längst weiter - und das seit Jahren: Hier werden pro Tag hunderte von Kindern und Jugendlichen in mehreren Schichten auch von anderen Jugendlichen betreut. In den Hallen gibt es einen fließenden Übergang von Spielen am Computer bis zu 14 Lern-Modulen von Animation, Spielentwicklung, Musik, Programmieren, 3D-Modellieren bis zu neuen Medien. In einem zweiten Schritt werden Spielgeräte gebaut, so dass Kinder lernen können, dass sich einfache Programmierkenntnisse für sie lohnen. Erfahrenere Kinder können sich als “Coaches” etwas dazu verdienen. Und wer wirklich will und gut genug ist, wandert später nur eine Etage höher, wo die IT-Firma PicsArt mit mehr als 300 Beschäftigten sitzt. Kaum einer der zwei Millionen deutschen Nutzer der Graphic-App weiß wohl, dass diese aus Armenien kommt.

Neue Methoden scheinen zudem zu helfen, alte Denk- und Verhaltensmuster zu überwinden. Denn im Tumo-Center sind mindestens die Hälfte Mädchen. “Solche Initiativen für Kinder sind schon deshalb wichtig, weil bei den sechs- bis zehn-Jährigen die Technikbegeisterung sehr groß ist – es also leicht ist, sie an IT-Technik und auch das Programmieren heranzuführen”, meint Bär. “In dieser Altersgruppe sind zudem die Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen noch sehr gering – es kann also gelingen, mehr Mädchen für das Programmieren zu begeistern.”

“KEEP YOUR FREEDOM - AND YOUR CREATIVITY”

Nun ist es nicht so, dass Deutschland völliges Brachland in der IT-Bildung ist. Es gibt einzelne Initiativen, um Kinder für das Programmieren zu begeistern - etwa “Code for kids” oder “Code for life”. Aber mit den Ausmaßen eines Tumo-Centers wirken diese mehr als bescheiden. Und was in Deutschland fehlt, sind Sponsoren wie das Exil-armenische Ehepaar Simonian, die in die Zukunft und Jugend investieren und für solche Bildungsprojekte nicht kleckern, sondern klotzen. Auch Bär verweist auf nötige Sponsoren, um Tumo oder etwas ähnliches aufzubauen. “Es gibt in Deutschland eine Grundskepsis gegen Initiativen aus der Privatwirtschaft. Aber das Beispiel zeigt, wie es sinnvoll funktionieren kann”, meint sie.

Darin sind sich die meisten Experten einig: In einem Land wie Deutschland mit mehr als 80 Millionen Einwohnern wäre eine sehr viel größere, flächendeckende Anstrengung nötig. “Das funktioniert nur über Schulen. Hier gibt es großen Nachholbedarf. Solche Privatinitiativen können also schulische Bildung nicht ersetzen, aber sehr gut ergänzen”, meint Bär. Zumindest Merkel hat sich in Eriwan viel Zeit genommen, um sich von der Begeisterung der Jugendlichen anstecken zu lassen. Immer wieder lässt sie sich erklären, an was diese gerade “arbeiten”. Am Ende verabschiedet sich Merkel mit ziemlich strahlendem Gesicht von einer 13-Jährigen mit den Worten: “Keep your freedom - and your creativity.”

0 : 0
  • narrow-browser-and-phone
  • medium-browser-and-portrait-tablet
  • landscape-tablet
  • medium-wide-browser
  • wide-browser-and-larger
  • medium-browser-and-landscape-tablet
  • medium-wide-browser-and-larger
  • above-phone
  • portrait-tablet-and-above
  • above-portrait-tablet
  • landscape-tablet-and-above
  • landscape-tablet-and-medium-wide-browser
  • portrait-tablet-and-below
  • landscape-tablet-and-below