May 29, 2012 / 12:53 PM / 7 years ago

Experten schlagen Alarm - Kinderhilfe versagt zu oft

Berlin (Reuters) - Viele Kinder und Jugendliche in großer Not können nicht auf die Hilfe von Jugendämtern und anderen Hilfseinrichtungen bauen.

Es stelle sich die Frage, ob die Jugendhilfe in Deutschland überhaupt funktioniere, sagte der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann, am Dienstag in Berlin. Ein Problem sei, dass die 600 Jugendämter sehr unterschiedlich arbeiteten. “So hängt es letztendlich vom Geburtsort eines Kindes ab, ob es gute Überlebenschancen hat.” In München beispielsweise sei die Wahrscheinlichkeit größer, dass Behörden gefährdeten Kinder zu Hilfe kämen, als etwa in Hamburg oder Berlin. Das BKA verwies auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Kinderhilfe und Experten darauf, dass in Deutschland täglich elf Kinder misshandelt und 39 sexuell missbraucht werden.

Der Chef der Kinderhilfe kritisierte insbesondere, dass es bundesweit keine Standards etwa für Hausbesuche gebe. Eine entsprechende Visite habe es etwa im Fall Kevin nicht gegeben. Damit hätte der aufsehenerregende Tod des zweijährigen Jungen in Bremen womöglich verhindert werden können. Das Kleinkind war 2006 in den Akten seines amtlichen Vormundes als wohlauf geführt worden, doch zu dem Zeitpunk war der Junge bereits tot. Sein drogenabhängiger Ziehvater hatte die Leiche in einen Kühlschrank gesteckt. Die Leiche wies über 20 Knochenbrüche auf.

Auch würden die Vorgänge nur unzureichend dokumentiert, bemängelte Ehrmann weiter. Im Fall Kevin habe es lediglich eine Lose-Blatt-Sammlung gegeben. Trotz Milliardenausgabe werde zudem nicht kontrolliert, ob die eingeleiteten Maßnahmen wirksam seien. Aber auch bei den gesetzlichen Vorschriften gebe es Lücken. So sei etwa für ehrenamtliche Mitarbeiter in Sportvereinen die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses nicht vorgeschrieben. Dadurch könnten wegen einschlägiger sexueller Delikte vorbestrafte Männer in die Jugendbetreuung gelangen.

JUGENDHILFE: POLITIK HAT SICH WOHL AN TOTE KINDER GEWÖHNT

Der Chef der Jugendhilfe verwies darauf, dass seit sechs Jahren im Schnitt drei Kinder pro Woche an den Folgen von Misshandlungen sterben würden. Die Politik habe sich daran offensichtlich gewöhnt, sagte Ehrmann. Er warnte davor, die Schuld für die unentdeckten Fälle von Missbrauch einseitig den Jugendamtsmitarbeitern in die Schuhe zu schieben. Diese müssten oft über hundert Fälle betreuen und seien damit überfordert. Es gebe in diesen Bereich häufig ein “Organisationsversagen”.

Massive Zweifel äußerte Ehrmann daran, dass das von der Bundesregierung geplante Betreuungsgeld die Lage in gefährdeten Familien verbessern werde. Wenn diese Zahlung nicht an bestimmte Bedingungen - etwa ein Gewaltverzichtstraining - gekoppelt werde, bezweifle er, dass damit ein Fortschritt verbunden sei. Gute Ergebnisse habe es dagegen mit Hinweisen von Ärzten bei den vorgeschriebenen Untersuchungen von Kleinkindern gegeben. Dadurch seien Kinder vom Jugendhilfesystem erfasst worden.

Der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, erklärte, im vergangenen Jahr seien 146 Kinder getötet und weitere 72 Opfer eines versuchten Mordes oder Totschlags geworden. Die in der Kriminalitätsstatistik erfasste körperliche Misshandlung von Kindern sei um sechs Prozent auf 4096 Fälle gesunken. Bei sexuellen Missbrauch sei allerdings ein Anstieg von 4,8 Prozent auf 12.444 Fälle gezählt worden.

Die Pädagogik-Professorin Kathinka Beckmann sagte, ein wesentlicher Grund für die Missstände sei die angespannte Haushaltslage in vielen Kommunen. Folge sei, dass den Jugendämtern schlicht das Geld fehle. Aus Ehrmanns Sicht ist die Finanzausstattung aber nicht das Hauptproblem: “Mehr Geld löst das Problem nicht, es geht wirklich um eine Strukturreform der Jugendhilfe.”

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