October 7, 2018 / 9:55 AM / 2 months ago

Junge Union lässt Merkel nicht im Regen stehen - vorerst

German Chancellor Angela Merkel arrives to give a statement at the CDU headquarters in Berlin, Germany, September 24, 2018. REUTERS/Hannibal Hanschke

- von Andreas Rinke

Kiel (Reuters) - 35 Minuten hat Angela Merkel bereits ohne große Verwerfungen oder Buhrufe geredet, als sie den Delegierten der Jungen Union mit einem süffisanten Lächeln eine “kleine kritische Anmerkung” ankündigt.

Der Frauenanteil in der Jugendorganisation der Union sei doch verbesserungswürdig, stichelt die CDU-Chefin mit Blick auf die männliche Dominanz bei den Führungsposten. “Ich sage Ihnen: Frauen bereichern das Leben, nicht nur im Privaten, auch in der Politik.” Merkel erntet Gelächter in der Sparkassen-Arena in Kiel, das anschwillt, als sie hinterherschickt: “Sie wissen gar nicht, was Ihnen entgeht.”

Die Szene ist typisch für das Aufeinandertreffen der Kanzlerin und der Jungen Union. In der Union war Merkels Auftritt in Kiel im Vorfeld als mögliche Abrechnung der konservativen Jugend-Basis mit einer angeschlagenen Kanzlerin und Parteivorsitzenden hochstilisiert worden. Im Foyer hat die Merkel-kritische Mittelstandsvereinigung extra einen Stand aufgebaut, bei dem Delegierte mit Tischtennisbällen ihre Präferenz für den nächsten Kanzler-Kandidaten der Union zeigen können - Merkel und auch Jens Spahn liegen dabei mit großem Abstand hinter CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer. Und der JU-Vorsitzende Paul Ziemiak hatte die Erwartung einer Abrechnung noch mit kritischen Interviews erhöht, in denen er auch offenließ, ob er eine erneute Kandidatur Merkels als CDU-Chefin im Dezember unterstützt.

Doch dann gerät der Merkel-Auftritt überraschend harmonisch. Schon bei der Ankunft empfängt sie großer Applaus - allerdings von ausländischen Gästen, die sich um ein Foto mit der Kanzlerin reißen. Und in die Halle marschiert die Kanzlerin unter den Klängen von “Don’t stop believin’” der Gruppe Journey ein - was in der Tradition der musikalischen Anspielung der Jugendorganisation als freundliche Auswahl gilt. Nur einmal äußert ein bayerischer Delegierter den Wunsch nach einem Rückzug Merkels. Aber ansonsten ist nichts mehr zu spüren von der Kritik des vor einem Jahr noch aufsässigen bayerischen JU-Landesverbandes. In Dresden waren die bayerischen Delegierten bei Merkels Einzug in die Halle noch demonstrativ sitzen geblieben und hatten Protestplakate in die Höhe gereckt. Diesmal erheben sie sich brav zum rhythmischen Klatschen für die Kanzlerin.

Merkel liefert allerdings auch einiges, was die Jung-Politiker hören wollen - Selbstkritik. Ja, die große Koalition sei mitverantwortlich für die schlechten Umfragenwerte der Unions-Wahlkämpfer in Hessen und Bayern, sagt sie gleich zu Beginn. Ja, auch sie sei enttäuscht, dass oft nicht mehr vermittelbar sei, was die Bundesregierung entscheide. Das bremst den Wunsch nach Aufsässigkeit in der Sparkassen-Arena sofort spürbar. Aber dann geht Merkel auch in die Offensive, kritisiert, dass sich die JU zu wenig um Umweltthemen kümmere, eine unrealistische Amtszeitbegrenzung fordere und für eine überzeugende politische Außenwirkung viel zu wenig Frauen habe.

Als Ziemiak ihr am Ende zwei Geschenke überreicht und relativ kleinlaut das Frauen-Problem einräumt, weiß Merkel längst, dass sie zumindest diesen Testlauf für ihre Macht in der Union gewonnen hat - jede Abrechnung ist auf die Zeit nach der Hessen-Wahl vertagt. Anders als die anderen Gäste erhält sie keine schwarzen Socken, sondern blaue Wanderstrümpfe - “rechts steht AM, links Deutschlandtag”, witzelt Merkel über die Stickereien. Als Ziemiak ihr dann noch einen gelben Regenmantel mit der Bemerkung in die Hand drückt, dieser solle sie besser für anstehende Stürme wappnen, zeigt sich Merkel schlagfertig: “Aus diesem Geschenk schlussfolgere ich, dass Sie mich nicht im Regen stehenlassen wollen.” Dann zieht sie mit zufriedenem Lächeln aus der Halle ab, während die Delegierten stehend Beifall klatschen.

Dass der Streit um ihre Person nur vertagt ist, wird deutlich, als Merkel schon wieder abgereist ist und Jens Spahn mit Verve eine Art Bewerbungsrede für höhere Posten in der Partei hält. Fast so lange wie die Kanzlerin arbeitet der Gesundheitsminister und Liebling der Jungen Union alle erdenklichen Themen ab. In Deutschland müssten nicht Sitzungen, sondern ein Land geführt werden, sagt er und trifft damit indirekt die Kanzlerin, der mangelnde Führungskraft vorgeworfen wird. “Das war noch nicht alles. The best is yet to come”, ruft Spahn den Delegierten zu - und erhält doppelt solange Applaus wie die Parteichefin.

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