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Wirtschaftsnachrichten

Ökonomen uneins über längere Corona-Hilfen - "Das Ganze ist eine Gratwanderung"

Berlin (Reuters) - Die von den Koalitionsspitzen beschlossene Fortführung der Corona-Hilfen stößt bei Top-Ökonomen auf ein geteiltes Echo.

Marcel Fratzscher, chairman of the German Institute for Economic Research (DIW), speaks during an interview with Reuters in his office in Berlin, Germany, March 7, 2016. Picture taken March 7, 2016. REUTERS/Fabrizio Bensch

“Die Verlängerung von Kurzarbeitergeld und Hilfen für die Unternehmen sind zielführend und unausweichlich”, sagte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, am Mittwoch. Viele Experten warnten aber vor Marktverzerrungen - etwa durch das Kurzarbeitergeld. “Je länger es verabreicht wird, desto eher drohen unliebsame Nebenwirkungen, weil zunehmend Betriebe mit Kurzarbeitergeld finanziert werden, die nicht mehr marktfähig sind”, sagte der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Gabriel Felbermayr. Auch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer mahnte: “Das Ganze ist eine Gratwanderung.”

DIW-Präsident Fratzscher erläuterte, man müsse sich auf “zwei bis drei harte Jahre einstellen, bis unsere Wirtschaft wieder einigermaßen in Fahrt kommt.” Es sei eine Illusion, dass solche Hilfen den Strukturwandel behinderten. Schließlich seien es vor allem junge Firmen und Mittelständler, die von der Krise besonders hart betroffen seien, die aber für den Strukturwandel und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft enorm wichtig seien.

Licht und Schatten sieht der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest. “Die Verlängerung der Überbrückungshilfen und des Insolvenzschutzes bis zum Jahresende halte ich für richtig, denn die Krise ist noch nicht überwunden”, sagte Fuest. Die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes komme hingegen zu früh, da nach Ausbruch der Krise beantragtes Kurzarbeitergeld ohnehin bis März 2021 weiterlaufe. Man hätte die Wirtschaftsentwicklung abwarten sollen. “Kurzarbeitergeld ist das richtige Instrument, wenn man weiß, dass die Arbeitsplätze nach der Krise erhalten bleiben”, sagte Fuest. “Aber wenn Strukturwandel notwendig ist, hemmt das Kurzarbeitergeld die notwendigen Veränderungen.” Welcher Aspekt 2021 wichtiger sei, sei heute noch nicht abzuschätzen.

Ähnlich sieht es der Kieler IfW-Chef Felbermayr. “Eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes auf 24 Monate ist angesichts der Tiefe des Wirtschaftseinbruchs nachvollziehbar, aber dennoch kritisch.” Damit werde der Strukturwandel gehemmt, ohne den keine stabile Wirtschaftsentwicklung möglich sei. Besser wäre es, die Eigenkapitalbasis von Unternehmen zu stärken - etwa über erweiterte Verlustabschreibungen, damit diese nach der Krise dort weitermachen können, wo sie vorher aufgehört hätten.

Commerzbank-Experte Krämer bewertet die Unterstützung in der Krise als grundsätzlich richtig. Aber je länger die Hilfen gewährt würden, desto mehr würden auch eigentlich nicht überlebensfähige Unternehmen künstlich am Leben erhalten. “Diese können wegen der weiter ausgesetzten Insolvenzanzeigepflicht gesunde Unternehmen anstecken und gefährden”, sagte Krämer.

GEFAHR EINER “BUGWELLE”

Die große Koalition hat sich in der Nacht darauf geeinigt, viele der milliardenschweren Corona-Hilfen für Unternehmen und Beschäftigte erneut um mehrere Monate zu verlängern. Dazu gehören das Kurzarbeitergeld, Überbrückungshilfen für Unternehmen, eine weitere Aussetzung der Antragspflichten für Insolvenzen sowie der erleichterte Zugang zu Grundsicherungssystemen etwa für Soloselbständige.

“Die Gefahr besteht, dass man mit diesen Maßnahmen übertreibt”, sagte der stellvertretende Präsident des IWH-Instituts Halle, Oliver Holtemöller. Es sei nicht sinnvoll, jedes Unternehmen zu retten. “Der normale Marktbereinigungsprozess muss weiter funktionieren können.” Damit es nicht bei einem bestimmten Stichtag zu einer “Bugwelle” von Firmenpleiten komme, sollte man die Antragspflicht für Insolvenzen für bestimmte Branchen staffeln. Insgesamt müsse man kurzfristige Stabilisierungseffekte und langfristig ordnungspolitische Überlegungen abwägen. “Die goldene Mitte ist da sicher der richtige Weg”, sagte Holtemöller. Der Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) warnte: “Jede Verzögerung eines eigentlich gebotenen Insolvenzantrags ist eine potenzielle Gefährdung der Gläubiger, die Arbeitnehmer eingeschlossen – weil das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Geschäftspartner strapaziert wird.”

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) bezeichnete die Maßnahmen als notwendig. Wer aus der Corona-Krise mit einer stabilen Industrie heraus wolle, müsse die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig stärken, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang.

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