February 22, 2019 / 10:59 AM / a month ago

Deutsche Manager im Stimmungstief - Rezessionsgefahr steigt

The Holbein pedestrian Bridge (Holbeinsteg) leads towards the banking district with Germany's second largest bank, Commerzbank (R), in Frankfurt, Germany, February 11, 2019. Commerzbank will present its annual figures later this week. REUTERS/Kai Pfaffenbach

- von Rene Wagner und Alexander Hübner

Berlin (Reuters) - Handelszoff mit den USA, Brexit-Gefahr, weltweite Konjunkturflaute: Die Stimmung unter deutschen Top-Managern ist angesichts geballter Risiken so schlecht wie seit über vier Jahren nicht mehr.

Das Barometer für das Geschäftsklima sank im Februar unerwartet deutlich um 0,8 auf 98,5 Punkte und damit bereits den sechsten Monat in Folge. “Die deutsche Konjunktur bleibt schwach”, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest zu der am Freitag veröffentlichten Umfrage unter 9000 Führungskräften. Einige Ökonomen beziffern das Rezessionsrisiko inzwischen auf 40 Prozent. Experten raten dem Staat angesichts der Rekordüberschüsse zum Gegensteuern - etwa durch mehr Investitionen.

Die Führungskräfte beurteilten nicht nur ihre Geschäftslage schlechter, sondern auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate. “Der Pessimismus schleicht sich in die deutsche Wirtschaft”, sagte Ifo-Experten Klaus Wohlrabe. Das Klima trübte sich sowohl in der Industrie als auch bei den Dienstleistern und in der Baubranche ein. Lediglich der Handel stemmte sich gegen den Abwärtstrend. “Die Unternehmen verfallen noch nicht in Panik”, sagte Wohlrabe. Sollte US-Präsident Donald Trump aber seine Drohung wahr machen und Strafzölle auf europäische Autos erheben, “rechne ich mit einem Absturz der Exporterwartungen”. Fahrzeuge sind seit 2010 der größte deutsche Exportschlager. Wichtigster Abnehmer sind die USA: 2018 beliefen sich die Ausfuhren dorthin auf 27,2 Milliarden Euro.

Das Risiko einer Rezession - mindestens zwei Quartale in Folge mit schrumpfender Wirtschaftsleistung - ist inzwischen merklich gestiegen. “Auf Basis unseres Modells, in das die Ifo-Geschäftserwartungen eingehen, beträgt die Rezessionswahrscheinlichkeit mittlerweile fast 40 Prozent”, sagte der Deutschland-Chefvolkswirt von UniCredit, Andreas Rees. Vor allem der Gegenwind aus der Weltwirtschaft mache den deutschen Unternehmen schwer zu schaffen.

“REKORDÜBERSCHUSS NUR MOMENTAUFNAHME”

Bereits in der zweiten Jahreshälfte 2018 wuchs Europas größte Volkswirtschaft nicht mehr: Auf den Rückgang von 0,2 Prozent im dritten folgte eine Stagnation im vierten Quartal. Für das laufende erste Vierteljahr rechnet das Ifo-Institut derzeit mit einem Wachstum von 0,2 Prozent. Die Bundesregierung erwartet im Gesamtjahr ein Wachstum von 1,0 Prozent, während die Förderbank KfW nur noch von 0,8 Prozent ausgeht. 2018 hatte es noch zu 1,4 Prozent gereicht, 2017 zu 2,2 Prozent.

Internationale Organisationen wie IWF und OECD fordern Deutschland auf, das lahmende Wachstum durch mehr öffentliche Investitionen in die digitale Infrastruktur, Transportwege und Bildung wieder in Gang zu bringen und zugleich die Basis für künftige Konjunkturerfolge zu legen. OECD-Expertin Nicola Brandt schlägt zudem vor, Geringverdiener zu entlasten, da diese im internationalen Vergleich immer noch stark belastet würden mit Steuern und Abgaben. Da diese Einkommensgruppe weniger sparen könne, würden höhere Nettolöhne größtenteils wieder in den Konsum fließen und so die Konjunktur anregen.

Geld für solche Maßnahmen wäre da. 2018 machte der Staat nicht nur das fünfte Jahr einen Überschuss, er fiel mit 58 Milliarden Euro sogar so hoch aus wie noch nie. Experten warnen aber, dass es mit den schwarzen Zahlen schnell vorbei sein kann. “Das satte Plus des Jahres 2018 ist eine Momentaufnahme ohne Aussagekraft für die Zukunft”, sagte Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Die Politik und der demografische Wandel dürften den Überschuss in den kommenden Jahren in ein kräftiges Defizit verwandeln, wenn nicht gegengesteuert werde. “Die Gesundheitsausgaben wachsen unkontrolliert, die Ausgaben für die Rente werden durch immer neue Leistungsausweitungen und die Alterung der Bevölkerung in die Höhe getrieben”, so der Experte. “Die größten Fehler in der Finanzpolitik werden in den scheinbar guten Zeiten gemacht. Das erleben wir auch heute wieder.”

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