September 12, 2019 / 8:58 AM / in 2 months

Bundesregierung sieht schlechte Konjunkturprognosen gelassen

Berlin (Reuters) - Angesichts der Konjunkturflaute senkt ein Forschungsinstitut nach dem anderen seine Prognosen für das Wachstum der deutschen Wirtschaft.

Ships are pictured in the shipyard at Bremerhaven September 8, 2013. With well-paid jobs making cars for Audi in nearby Ingolstadt and light-bulbs for Osram, Eichstaett, whose unemployment rate of 1.3 percent is the lowest in all of Germany, is the envy of less fortunate regions. Yet even in places like Bremerhaven, 500 km (340 miles) to the northwest, where the demise of the shipbuilding and fishing industries has spawned unemployment of 15 percent, the highest rate in the country, the mood isn't entirely bleak. These two centres, at opposite ends of the economic spectrum, offer clues to the national mood ahead of a federal vote on September 22 that is being closely watched across Europe. Picture taken September 8, 2013. REUTERS/Fabian Bimmer (GERMANY - Tags: POLITICS ELECTIONS)

Das Münchener Ifo-Institut verdüsterte am Donnerstag seinen Ausblick sowohl für das laufende als auch das kommende Jahr. Forderungen nach Konjunkturspritzen erteilte das Bundeswirtschaftsministerium aber eine Absage: “Wir brauchen eine kluge Wachstumspolitik, aber kein Konjunkturprogramm”, sagte der Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik, Philipp Steinberg, der Nachrichtenagentur Reuters. “Aber es wäre fahrlässig, wenn wir nicht verschiedene Szenarien für alle hypothetischen Konjunkturlagen durchspielen würden.” Die Bundesregierung legt ihre Prognose im Oktober vor.

Der Konjunkturchef bei Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht für das kommende Jahr wieder bessere Signale. “Für das nächste Jahr ist die allgemeine Erwartung: Es wird wieder besser”, sagte Steinberg. “Die Makroindikatoren wie Geldpolitik und solide Lohnentwicklung sind positiv, die Fiskalpolitik ist leicht expansiv.” Eines der Risiken sei unverändert der Brexit. “Wir sind in unseren bisherigen Prognosen nicht von einem harten Brexit ausgegangen. Wenn wir das zugrunde legen müssen, bedeutet das ein zusätzliches Abwärtsrisiko”, sagte Steinberg.

IFO - DEUTSCHLAND DROHT REZESSION

In ihrer Frühjahrsprojektion war die Bundesregierung für dieses Jahr von 0,5 Prozent und für 2020 von 1,5 Prozent beim Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) ausgegangen. Die neuen Prognosen verschiedener Forschungsinstitute sprechen aber dafür, dass der Ausblick im Herbst etwas zurückhaltender ausfallen könnte. Dies würde sich auch auf die Haushaltsplanungen für 2020 auswirken, da die Wachstumsannahmen Grundlage für die Steuerschätzung sind.

“Der deutschen Wirtschaft droht eine Rezession”, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. “Die Schwäche in der Industrie breitet sich wie ein Ölfleck nach und nach in andere Wirtschaftszweige aus, wie beispielsweise in die Logistik.” Für 2019 wurde die Prognose für das BIP-Wachstum von 0,6 auf 0,5 Prozent gesenkt, für 2020 von 1,7 auf 1,2 Prozent. Im laufenden Sommerquartal soll die Wirtschaft erneut um 0,1 Prozent schrumpfen, womit sie erstmals seit dem Jahreswechsel 2012/13 in eine Rezession rutschen würde.

Das gewerkschaftsnahe Institut IMK beziffert die Rezessionswahrscheinlichkeit inzwischen auf fast 60 Prozent. “Die bisherige Hoffnung, dass die gute Inlandsnachfrage Deutschland vor der Rezession retten kann, schwindet zunehmend”, sagte der wissenschaftliche Direktor des IMK, Sebastian Dullien. Nun sei die Wirtschaftspolitik gefragt gegenzusteuern. Die hohe Rezessionswahrscheinlichkeit basiert nach Analyse des IMK auf einer breiten Palette von Frühindikatoren - darunter rückläufige Produktion, sinkende Industrieaufträge, weniger offene Stellen und eine gedrückte Stimmung in der Wirtschaft.

“HOHE UNWÄGBARKEITEN”

Die Münchner Ifo-Forscher warnen, dass es auch noch schlimmer kommen könnte. “Der Ausblick ist mit hohen Unwägbarkeiten verbunden”, sagte Wollmershäuser. “So unterstellen wir, dass ein harter Brexit oder eine Eskalation des US-Handelskrieges ausbleiben.” Gestützt werde die Konjunktur von hohen Einkommenszuwächsen, die aus kräftigen Tariflohnsteigerungen und einer Ausweitung der staatlichen Transferleistungen stammen soll.

Die Konjunkturschwäche hinterlasse ihre Spuren mittlerweile auch auf dem Arbeitsmarkt. Während die Beschäftigung in der Industrie bereits seit dem Frühjahr sinke, sei der bislang kräftige Zuwachs bei den privaten Dienstleistern und im Baugewerbe im Sommer zum Erliegen gekommen. Für 2020 erwartet das Ifo-Institut einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um rund 38.000 auf 2,313 Millionen. Die Zahl der Beschäftigten soll allerdings weiter langsam zunehmen, und zwar um rund 200.000 auf mehr als 45,4 Millionen.

Vor dem Ifo-Institut haben bereits das Berliner DIW, das Kieler IfW, das Essener RWI und das IWH aus Halle ihre Vorhersagen gesenkt. Zusammen erstellen sie im Herbst ihre Prognosen für die Bundesregierung, die dieser wieder als Grundlage für die eigenen Annahmen dienen.

Reporter: Holger Hansen, Rene Wagner und Reinhard Becker; redigiert von Alexander Ratz; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter den Telefonnummern 069-7565 1236 oder 030-2888 5168

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