October 26, 2010 / 10:30 AM / 9 years ago

GASTBEITRAG-Warum in der Lohnpolitik neue Wege nötig sind

Berlin (Reuters) - DIW-Präsident Klaus Zimmermann warnt vor einer “Tarifpolitik des schnellen Geldes”.

“Sonst geht dem Aufschwung rasch wieder die Luft aus”, schrieb der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) am Dienstag in einem Gastbeitrag für Reuters. Er plädiert stattdessen für mehr Nachhaltigkeit in der Lohnentwicklung. “Wir brauchen insbesondere verstärkt neue Vergütungsmodelle, die sich weniger am kurzfristigen Unternehmenserfolg ausrichten, sondern mehr daran, qualifiziertes Personal durch innovative Modelle der Mitarbeiterbeteiligung langfristig an den Betrieb zu binden und sie so auch nachhaltig zu vergüten.”

- von Klaus F. Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) -

“Die anhaltende Aufwärtsentwicklung des deutschen Arbeitsmarkts und der steigende Fachkräftemangel heizen derzeit die tarifpolitische Fantasie immer mehr an. Die Zahl der Beschäftigten steigt auf Rekordhöhe und die Arbeitslosenzahlen bewegen sich immer deutlicher in Bereiche, die Vollbeschäftigung nicht mehr unmöglich erscheinen lassen. Sogar der liberale Bundeswirtschaftsminister fordert jetzt ‘kräftige Lohnerhöhungen’. Nach Jahren der Zurückhaltung, in denen das Gebot der Beschäftigungssicherung im Vordergrund stand, ist der Wunsch nach einer deutlichen ‘Aufschwung-Rendite’ populär, sorgt mehr Bares im Geldbeutel doch vielleicht auch für eine bessere Binnennachfrage. Dennoch müssen wir diese Debatte mit Rationalität führen - und vor allem nach Branchen und Regionen angemessen differenzieren.

Denn gerade die maßvolle Lohnpolitik des letzten Jahrzehnts und die hohe Qualität deutscher Produkte hat erheblich dazu beigetragen, dass unser Arbeitsmarkt die jüngste globale Wirtschaftskrise so robust überstanden hat. Aus gutem Grund fordert der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, unsere Nachbarn auf, dem deutschen Beispiel zu folgen und ihre Lohnstückkosten durch ein Lohnwachstum gering zu halten, das sich am Produktivitätsfortschritt orientiert. Unseren mühsam erarbeiteten Erfolg dürfen wir also jetzt nicht durch überzogene pauschale Erwartungen an der Lohnfront riskieren. Sonst geht dem Aufschwung rasch wieder die Luft aus.

“GOLDENE ZEITEN ERWARTE ICH NUR BEDINGT”

Insbesondere die exportorientierten Firmen, die unverändert Motor unseres Wachstums sind, stehen in den kommenden Jahren in einem eher noch härteren globalen Wettbewerb um Kosten und Produktivität. Dies zwingt sie, auch in Zukunft bei den Löhnen vorsichtig zu operieren. Deshalb werden wohl zunehmend leistungs- und ergebnisabhängige Erfolgsprämien und Einmalzahlungen die tarifpolitische Zukunft prägen. Bei Führungskräften machen solche variablen Gehaltsanteile schon heute vielfach ein Drittel ihrer Gesamtbezüge aus. Es spricht einiges dafür, dass die Lohnstrukturen generell mit zunehmender Differenzierung des Arbeitsmarktes in den kommenden Jahren noch vielfältiger, heterogener, die Tarifverträge noch flexibler und bunter werden.

Goldene Zeiten erwarte ich also nur bedingt. Denn gleichzeitig müssen die Beschäftigten aus ihrem Einkommen künftig auch wachsende Vorsorgeleistungen für Gesundheit, Rente und Pflege im Alter finanzieren - auch dies ist ein Preis der veränderten Demografie.

Statt einer ‘Tarifpolitik des schnellen Geldes’ plädiere ich für mehr Nachhaltigkeit in der Lohnentwicklung: Wir brauchen insbesondere verstärkt neue Vergütungsmodelle, die sich weniger am kurzfristigen Unternehmenserfolg ausrichten, sondern mehr daran, qualifiziertes Personal durch innovative Modelle der Mitarbeiterbeteiligung langfristig an den Betrieb zu binden und sie so auch nachhaltig zu vergüten. Solche Angebote gibt es bisher viel zu wenig.

Dies zu ändern, ist vor dem Hintergrund der demografiebedingten Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt für Tarifparteien wie Politik eine der ganz zentralen Herausforderungen. Denn solche Modelle können gerade mittelständischen Betrieben helfen, einerseits ihre Probleme der Kapitalknappheit leichter zu lösen und andererseits intelligent mit einer vorausschauenden Personal- und Vergütungspolitik beim Wettbewerb um die besten Köpfe zu verbinden.

Der demografische Wandel zwingt also gerade auch in der Lohnpolitik, jetzt neue Wege zu gehen. Nur wenn wir sie finden gelingt es, den momentanen Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt dauerhaft zu machen.”

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