August 27, 2019 / 11:42 AM / in 3 months

Ferdinand Piech - Der Titan der Autoindustrie ist tot

Hamburg (Reuters) - Mit dem Tod von Ferdinand Piech geht für Volkswagen und die deutsche Automobilindustrie eine Ära zu Ende.

A Volkswagen employee walks into an underpass on his way to work at the company's headquarters in Wolfsburg late September 18, 2008. Shares in German carmaker Volkswagen AG soared more than 25 percent to a record on Thursday as investors scrambled to cover short positions before Porsche further raises its VW stake. REUTERS/Christian Charisius (GERMANY)

Der Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche galt als begnadeter Ingenieur und hat das Wolfsburger Unternehmen zu dem gemacht, was es heute ist: ein weltumspannender Megakonzern, der vom Kleinwagen bis zum Schwerlaster alles anbietet, was auf den Straßen rollt - bis hin zum Motorrad der Marke Ducati. Piech galt als einer der letzten Vertreter der alten Autowelt, die noch “Benzin im Blut” hatten.

Der VW-Patriarch führte den Konzern mit eiserner Hand und duldete keinen Widerspruch - von 1993 bis 2002 als Vorstandschef und bis 2015 dann als Aufsichtsratsvorsitzender. Aus dieser Zeit stammt auch der Begriff des Wolfsburger Imperiums, das die Autowelt beherrscht. Kritiker sehen in dieser Führungskultur, die von Piechs Ziehsohn und späterem Nachfolger an der Unternehmensspitze, Martin Winterkorn, übernommen wurde, aber auch einen Grund für den Dieselskandal, der die Existenz von Volkswagen vor fast vier Jahren in Gefahr brachte. Durch den von Piech eingeführten Managementstil konnte nach Ansicht von Kritikern über viele Jahre ein System der Angst entstehen, in dem Ingenieure lieber manipulierten, als zugaben, dass Abgasgrenzwerte nicht eingehalten werden konnten. Die Diesel-Krise, die bei VW ihren Ausgang nahm, hat inzwischen auch andere Hersteller wie Daimler erfasst.

Einen schweren Rückschlag, von dem er sich nie richtig erholte, erlebte der Machtmensch Piech, als er im April 2015 Zweifel an Winterkorn säte, um ihn als Nachfolger an der Spitze des Aufsichtsrats zu verhindern: “Ich bin auf Distanz zu Winterkorn”, zitierte ihn der “Spiegel” damals. Doch womit Piech selbst wohl am wenigsten gerechnet hatte, trat ein: Sowohl der einflussreiche Betriebsratschef Bernd Osterloh und die IG Metall als auch das Land Niedersachsen stützten Winterkorn. Am schmerzvollsten aber war wohl, dass auch sein Cousin, Wolfgang Porsche, ihm die Unterstützung im Aufsichtsrat verwehrte. Während sich Piech nach der Niederlage grollend in sein Salzburger Domizil zurückzog, blieb Winterkorn zunächst im Amt. Er musste dann allerdings im September 2015 zurücktreten, nachdem die Dieselmanipulation in den USA aufgeflogen war.

Nach seinem Rückzug wurde es still um Piech. Er lebte nach Angaben aus dem Familienumfeld sehr zurückgezogen in seinem Haus am Rande von Salzburg und hatte kaum mehr Kontakt nach Wolfsburg oder Stuttgart.

“MEIN HARMONIEBEDÜRFNIS IST BEGRENZT”

Bis zu seiner krachenden Niederlage setzte Piech seine Pläne stets gut durchdacht und mit langem Atem durch. “Wenn ich etwas erreichen will, gehe ich auf das Problem zu und ziehe es durch, ohne zu merken, was um mich herum stattfindet”, erklärte Piech in seiner Autobiografie. “Mein Harmoniebedürfnis ist begrenzt.” Das bekam auch Winterkorns Vorgänger Bernd Pischetsrieder zu spüren. Der kam mit dem ruppigen Führungsstil des Patriarchen nicht zurecht. Auch damals kam die erste Botschaft über ein Zeitungsinterview. Dabei hatte Piech Pischetsrieder selbst von BMW in München nach Wolfsburg geholt und ihm nach Einschätzung vieler Autoexperten ein wenig durchdachtes Markenportfolio vererbt.

Piechs enormer Einfluss fußte aber nicht nur auf seinem Machtbewusstsein, sondern auch auf seiner großen technischen Expertise. Der gelernte Maschinenbauer startete seine Karriere 1963 bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen. Seinen Ruf als Konstrukteur erwarb er sich bei Audi in Ingolstadt, wo er Entwicklungen von der Aluminium-Karosserie in Leichtbauweise bis hin zum Audi-Quattro-Antrieb vorantrieb - auch wenn nicht alles technisch Machbare immer zu einem großen Verkaufserfolg wurde. 1988 rückte Piech an die Spitze der VW-Tochter, die er zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten von BMW und Mercedes machte.

EIN GEWIEFTER TAKTIKER

Sein Meisterstück als Taktiker lieferte Piech, als der VW-Aufsichtsratschef den Spieß nach der gescheiterten Übernahme von VW durch Porsche umdrehte und der Wolfsburger Konzern sich schließlich Porsche als zehnte Marke einverleibte. Angetrieben von der Idee eines Megakonzerns weitete Piech seine Macht in dem Unternehmen, das sein Großvater Ferdinand Porsche gegründet hatte, systematisch aus. Seit dem Einstieg der Porsche-Holding als Großaktionär war der Porsche-Miteigentümer Piech indirekt auch erheblich an VW beteiligt. Seine Anteile verkaufte Piech später an seinen Bruder Hans Michel Piech, der Teile davon an andere Mitglieder der verzweigten Familie weitergab. Sein Erbe hatte Piech schon davor über Stiftungen geregelt.

Der Meister des Zweiwortsatzes, wie Piech wegen seiner sybillinischen Äußerungen in der Öffentlichkeit genannt wurde, hatte trotz seines hohen Alters enormen Einfluss in dem Konzern. Kaum eine wichtige Entscheidung fiel ohne grünes Licht aus Piechs Büro. In Wolfsburg wurde er regelrecht gefürchtet. “Er hinterlässt eine große Familie mit dreizehn Kindern und über doppelt so vielen Enkelkindern”, schrieb seine Fau Ursula in der Erklärung zum Tod ihres Mannes. Über die Zahl der Kinder aus vier Beziehungen hatte es zu seinen Lebzeiten unterschiedliche Angaben gegeben. Privat soll Piech ein warmherziger Familienmensch gewesen sein.

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