September 18, 2018 / 8:24 AM / 3 months ago

Charite - Russischer Regierungskritiker wurde wohl vergiftet

Berlin (Reuters) - Der schwer erkrankte russische Regierungskritiker Pjotr Wersilow ist nach Einschätzung von Ärzten der Berliner Charite wohl vergiftet worden.

Anti-Kremlin activist Pyotr Verzilov who lost his sight, hearing and ability to walk in a suspected poisoning last week arrives on a special medical transport plane at Schoenefeld airport in Berlin, Germany September 15, 2018. Picture taken September 15, 2018. Cinemaforpeace/Handout via REUTERS THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. NO RESALES. NO ARCHIVES.

Es gebe eine “hohe Plausibilität” dafür und zugleich keinerlei Anhaltspunkte, dass eine andere Erklärung für seinen Zustand vorliegen könnte, sagte der behandelnde Arzt Kai-Uwe Eckardt am Dienstag in Berlin. Wersilow sei weiterhin in einem Zustand, der einer intensiven medizinischen Betreuung bedürfe, aber nicht in Lebensgefahr. “Der kritische Zustand hat sich deutlich gebessert”, sagte Eckardt. Charite-Vorstandschef Karl Max Einhäupl fügte hinzu: “Wir sind zuversichtlich, dass es zu einer vollständigen Heilung kommen wird.”

Wersilow wurde am Wochenende zur Behandlung nach Berlin geflogen. Am Dienstag vergangener Woche war er in Moskau in eine Klinik gebracht worden, nachdem seine Partnerin Veronika Nikulschina ihn nach eigenen Angaben im kritischen Zustand aufgefunden hatte.

Der 30-Jährige war beim Finale der Fußballweltmeisterschaft in Moskau in Polizeiuniform auf das Spielfeld gerannt. Er wollte damit nach eigenen Angaben gegen Polizeigewalt und -willkür in dem Land protestieren. Wersilow ist eng mit der Punkband Pussy Riot verbunden. Seine Ex-Partnerin Nadjeschda Tolokonnikowa ist Mitglied der Gruppe. Wersilow ist auch Herausgeber des regierungskritischen Onlinedienstes Mediazona.

Tolokonnikowa sagte vor Journalisten in Berlin, es habe sich wahrscheinlich um einen Mordversuch oder zumindest um einen Einschüchterungsversuch gehandelt. Sie erwarte dennoch, das Wersilow nach seiner Genesung nach Russland zurückkehren werde. “Niemand, der gerade in Russland an politischen Aktivitäten teilnimmt, kann wirklich sicher sein”, fügte sie hinzu.

Pussy Riot wurde 2012 durch einen Protestauftritt in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale der russisch-orthodoxen Kirche bekannt.

SCHNELLE ÄRZTLICHE HILFE VERHINDERTE SCHLIMMERES

Laut Eckardt gibt es Hinweise auf eine bestimmte Substanzklasse, die bei Wersilow ein “anticholinerges Syndrom” ausgelöst habe. Dabei komme es zu einer Störung der Nervenübertragung. Anzeichen seien weite Pupillen, hoher Blutdruck, trockene Haut und Schleimhäute sowie erhöhte Temperatur. Eine bestimmte toxische Substanz sei bislang nicht ausfindig gemacht worden. Die Wahrscheinlichkeit, hier noch etwas nachweisen zu können, sei nicht besonders hoch. Die infrage kommende Substanzgruppe wird laut Eckardt und Einhäupl auch in der Medizin eingesetzt, etwa zur Pupillenerweiterung bei Augenuntersuchungen.

Wersilow, der russisch-kanadischer Staatsbürger ist, wird auf Wunsch der Familie in Berlin behandelt. Am Tag der Erkrankung hielt er sich überwiegend in einem Gerichtsgebäude in Moskau auf. Dorthin hatte er Nikulschina zu einer Anhörung begleitet. Die Symptome hätten sich danach innerhalb eines kurzen Zeitraums entwickelt, was ebenfalls dafür spreche, dass es sich nicht um eine Infektion oder Stoffwechselerkrankung handele, sagte Einhäupl. Es gebe auch keine Hinweise auf ein Drogenproblem.

Der Regierungskritiker habe das Bett schon verlassen können. Wersilow zeige aber einen “ausgeprägten Verwirrtheitszustand”, sagte Eckardt. Er gehe nicht davon aus, dass Wersilows Zustand wirklich “schwerst lebensdrohlich” gewesen sei, da er viel medizinische Unterstützung erhalten habe. Wenn jemand das nicht erfahre und etwa allein in der Wohnung sei, könne man sich vorstellen, dass dies einen “ungünstigen Ausgang” nehmen könne.

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