May 2, 2012 / 12:48 PM / 7 years ago

Wäschehersteller Schiesser wird nach Israel verkauft

Frankfurt (Reuters) - Der traditionsreiche Wäschehersteller Schiesser kommt in israelische Hände: Statt wie geplant im zweiten Quartal an die Börse zu gehen, werde die Firma drei Jahre nach der Insolvenz an den Konkurrenten Delta Galil aus Tel Aviv verkauft.

Delta bringe 68 Millionen Euro an Kapital in die Schiesser AG ein, teilte das Unternehmen am Mittwoch mit. Damit könnten die bis Ende 2012 gestundeten Forderungen der Gläubiger von 58 Millionen Euro befriedigt und dazu noch Wachstum finanziert werden, sagte Aufsichtsratschef Volker Grub in einer Telefonkonferenz. “Wir gewinnen einen strategischen Partner, der Schiesser voranbringen kann”, warb er für den neuen Eigentümer. Delta wolle alle 1759 Arbeitsplätze von Schiesser, davon 536 in Deutschland, erhalten. “Wir wollen neue Stellen schaffen, nicht das Gegenteil”, bestätigte Delta-COO Shlomo Doron.

Das für seine Feinripp-Wäsche bekannte Unternehmen aus Radolfzell am Bodensee hatte sich erst Anfang 2011 nach zwei Jahren Sanierung aus der Insolvenz befreit, in die Schiesser durch falsche strategische Entscheidungen gerutscht war. Als Insolvenzverwalter hatte Grub die Gläubiger von einem Börsengang überzeugt, um sie auszuzahlen. Nach mehreren Verzögerungen war das IPO schließlich für das zweite Quartal 2012 anvisiert worden. Das Börsenumfeld sei zu wacklig, begründete Grub nun die Kehrtwende. “Obwohl Schiesser sicher eine vielversprechende Aktie geworden wäre, hätte das derzeitige volatile Börsenumfeld für die mittelfristige Entwicklung von Schiesser weniger Vorteile geboten, als der langfristig orientierte strategische Investor Delta Galil.”

SCHIESSER SOLL WEITGEHEND UNABHÄNGIG BLEIBEN

Das börsennotierte israelische Unternehmen schafft mit der Übernahme den Schritt auf den deutschen Markt. Delta produziert Unterwäsche und Socken für große Marken wie Victoria Secret, Hugo Boss, Tommy Hilfiger oder Nike, verkauft Wäsche aber auch unter eigenen Marken auf dem Heimatmarkt Israel. Mit rund 7000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 700 Millionen Dollar (rund 530 Millionen Euro) ist das Unternehmen zwar um einiges größer als die Schiesser AG, die 2011 einen Umsatz von 132 Millionen Euro und einen operativen Gewinn (Ebitda) von 11,7 Millionen Euro verbuchte. Dennoch werde Schiesser eine große Rolle in der Delta-Gruppe spielen, sagte Doron. “Schiesser wird unsere stärkste Marke.” Das Unternehmen werde weitgehend eigenständig agieren, das Management um Vorstandschef Rudolf Bündgen im Amt bleiben. “Die kennen das Geschäft sehr genau”, sagte Doron. Es sei nicht geplant, das Delta seine Produkte in Deutschland vertreibe. Es sei aber möglich, dass künftig Schiesser-Wäsche in Israel verkauft werde.

Schiesser hat nach der Insolvenz seine Produkte verjüngt und auch die Vertriebsstruktur geändert: Neben dem Großhandel an Einzelhandelskonzerne setzt die 1875 gegründete Firma immer mehr auf Shop-in-Shop-Verkaufsflächen in großen Kaufhäusern und auf eigene Läden. In Deutschland gibt es davon inzwischen acht, zwei weitere sollen in den nächsten Wochen eröffnet werden. Auch über den Internet-Shop verkauft Schiesser immer mehr Wäsche.

Die Übernahme muss noch von den Kartellbehörden genehmigt werden. Grub rechnet hier aber nicht mit Schwierigkeiten. Er erwartet den Abschluss der Transaktion für den 1. Juli. Sechs Wochen später würden dann die Gläubiger ihr Geld erhalten. Der ehemalige Insolvenzverwalter hat seine Aufgabe damit erfüllt. Im Zuge der Übernahme tritt er aus dem Schiesser Aufsichtsrat aus und macht Platz für Vertreter des neuen Eigentümers. “Ich weine Schiesser eine kleine Träne nach. Aber das ist mein Beruf, ein Unternehmen immer wieder in neue Hände zu geben.”

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