June 7, 2012 / 12:18 PM / 7 years ago

Schufa-Datenpläne bei Facebook sorgen für Eklat

Berlin (Reuters) - Eklat um den Datenschutz im Internet: Die Bundesregierung hat die Auskunftei Schufa vor der Ausforschung sozialer Netzwerke wie Facebook gewarnt.

German Agriculture and Consumer Protection Minister Ilse Aigner addresses a news conference in Berlin, June 6, 2011. REUTERS/Tobias Schwarz (GERMANY - Tags: POLITICS HEALTH)

Facebook-Freunde dürften nicht entscheiden, ob man einen Handy-Vertrag bekomme oder nicht, erklärte Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger am Donnerstag. Die Schufa müsse völlige Transparenz herstellen. Auch Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner forderte rasche Aufklärung. “Die Schufa darf nicht zum Big Brother des Wirtschaftslebens werden. “Es kann nicht sein, dass soziale Netzwerke systematisch nach sensiblen Daten abgegrast werden, die dann in Bonitätsbewertungen von Kunden einfließen.” Dies würde das Recht auf informationelle Selbstbestimmung massiv verletzen.

Zugleich forderte Aigner die Nutzer auf, ihre Daten nur sparsam im Internet preiszugeben. “Soziale Netzwerke wie Facebook sind nicht kostenlos - wir bezahlen mit der Preisgabe unserer privaten Daten”, warnte die CSU-Politikerin im “Münchner Merkur”.

Auch von Grünen, Linkspartei und Piraten kam scharfe Kritik. Die Schufa verfolge offenkundig verfassungswidrige Ziele, sagte der Grünen-Politiker Konstantin von Notz und forderte die sofortige Einstellung des Projekts. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass die Daten im Netz für eine “derartige unternehmerische Kaffeesatzleserei mit unabsehbaren Folgen” missbraucht würden. Die Bundesregierung müsse beim Datenschutz endlich per Gesetz rote Linien ziehen, statt nur medienwirksame Auftritte bei Facebook zu absolvieren.

Auch die Linkspartei forderte, den gläsernen Bürger zu verhindern. Bisher schaffe die Regierung jedoch mit immer neuen IT-Großprojekten wie der gescheiterten ELENA-Zentraldatei, elektronischen Ausweisen und der elektronischen Gesundheitskarte nur neues Gefahrenpotential, kritisierte der Linkspolitiker Jan Korte. “Wenn selbst die Polizei nicht auf Facebook ermitteln darf, warum sollte es eine Finanzauskunftei dürfen?”, sagte Piraten-Chef Bernd Schlömer der “Welt”. Die Schufa müsse darlegen, warum ihre bisherige Arbeitsweise nicht mehr ausreiche, um ihre Aufgabe zu erfüllen.

Der NDR hatte berichtet, die Schufa wolle im Internet gezielt Daten über Millionen Verbraucher sammeln, um deren Kreditwürdigkeit zu beurteilen. Auf Facebook etwa sollten Kontakte zwischen den Mitgliedern registriert werden, um Beziehungen zwischen Personen zu untersuchen und dabei Zusammenhänge mit der Kreditwürdigkeit der Betroffenen herzustellen, berichtete der Sender unter Berufung auf vertrauliche Informationen. Auch berufliche Netzwerke wie Xing und LinkedIn, der Kurznachrichtendienst Twitter, Personensuchmaschinen wie Yasni, Geodatendienste wie Google Street View und selbst Mitarbeiterverzeichnisse von Unternehmen oder den Autorenkatalog der Deutschen Nationalbibliothek wolle die Schufa unter die Lupe nehmen. Digitale Marktplätze wie Immoscout sind nach einem “Welt”-Bericht ebenfalls im Visier der Datensammler. Facebook wollte sich zu dem Bericht nicht äußern.

BISSIGE KOMMENTARE BEI TWITTER

Bei Twitter gab es bissige Kommentare: “Verkaufe einkommensstarke Facebookfreunde an Personen, die ihre Kreditwürdigkeit via Facebook steigern wollen”, schrieb eine Teilnehmerin. “Wir haben unseren privaten Schufa-Sachbearbeiter zum Patenonkel unserer Tochter gemacht. Am familiären Weihnachtsessen nimmt er auch teil”, tweeted ein anderer. Spöttisch versuchten einige Nutzer, sich bei den Schuldenprüfern einzuschmeicheln. “Liebe Schufa, werde heute wenig twittern, kaufe gleich meinen neuen 911er und bin dann damit auf dem Weg nach Sylt, Champagner trinken...”, schrieb eine Teilnehmerin.

Die Schufa bedient sich bei ihrem Vorhaben dem NDR-Bericht zufolge der Hilfe des renommierten Hasso-Plattner-Instituts für Softwaresystemtechnik (HPI) der Universität Potsdam. Schufa und HPI hatten Anfang der Woche den Start eines gemeinsamen Web-Forschungsprojekts bekanntgegeben. “Ziel ist die Analyse und Erforschung von Daten aus dem Web”, erklärten sie. Es gehe auch um Technologien zur Gewinnung von Daten. Details zu dem Projekt wurden allerdings nicht genannt.

Der NDR berichtete, mit Hilfe sogenannter Crawling-Technologien, wie sie auch Suchmaschinen wie Google verwenden, könnten Daten gewonnen werden, um sie mit Informationen der Schufa über einzelne Verbraucher zu verknüpfen. Dann sollten die Daten “aus Business-Sicht” bewertet werden. So solle “ein Pool entstehen, der von der Schufa für existierende und künftige Projekte Produkte und Services eingesetzt werden kann”.

Dem NDR-Bericht zufolge können nicht nur Daten über Personen - ihre Adresse, ihr Alter, ihr Arbeitgeber oder ihr Beruf - gesammelt werden. Auch die Analyse von Textdaten sei denkbar, um “ein aktuelles Meinungsbild zu einer Person zu ermitteln”. Ebenso könnten die Wissenschaftler herausfinden, wie die Schufa über eigene Facebook-, Xing- oder Twitter-Profile verdeckt an “Adressen und insbesondere Adressänderungen” anderer Nutzer gelangen könne. Angestrebt werde zudem die “automatisierte Identifikation von Personen öffentlichen Interesses, Verbraucherschützern und Journalisten”. Die Schufa wolle bei Multiplikatoren, die bisher womöglich als einfache Verbraucher in ihren Datenbanken versteckt seien, nichts falsch machen.

Beide Einrichtungen hätten die Recherchen des Senders bestätigt, berichtete der NDR. Es handle sich jedoch um Grundlagenforschung, die nach “höchsten ethischen Maßstäben” betrieben werde, zitierte der Sender den Leiter des Fachgebiets Informationssysteme am HPI, Felix Naumann. Sämtliche entwickelten Methoden und Ergebnisse sollten als wissenschaftliche Beiträge publiziert werden. Ob die Ergebnisse wirtschaftlich verwendet werden könnten, sei fraglich. Ein Schufa-Sprecher sagte dem NDR, es gehe lediglich um “erste technologische Denkrichtungen in einem rein wissenschaftlichen Ideenraum”.

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