October 1, 2018 / 5:09 AM / 17 days ago

Kerkhoff soll Thyssen spalten und Investoren versöhnen

- von Tom Käckenhoff und Christoph Steitz

FILE PHOTO: Guido Kerkhoff poses before the company's annual shareholders meeting in Bochum, Germany, January 19, 2018. REUTERS/Thilo Schmuelgen/File Photo

Düsseldorf (Reuters) - Der Traditionskonzern Thyssenkrupp hat als Reaktion auf die seit Jahren andauernde Krise eine Aufspaltung in zwei börsennotierte Unternehmen beschlossen und den langjährigen Finanzchef Guido Kerkhoff nun auch auf Dauer zum Chef ernannt.

Der Aufsichtsrat habe den Plänen des Vorstands zugestimmt und zugleich Kerkhoff für fünf Jahre bestellt, teilte der Konzern am Sonntag nach der Sitzung des Kontrollgremiums mit. Zum neuen Chef des Aufsichtsrats sei einstimmig Bernhard Pellens gewählt worden. Der Professor für Betriebswirtschaft und Vize-Präsident der Schmalenbach-Gesellschaft ist seit 2005 Mitglied in dem Gremium. Die Arbeitnehmervertreter erhielten die Zusage, dass auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet werde.

Thyssenkrupp will die Unsicherheit beenden, die seit den Rücktritten von Vorstandschef Heinrich Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner im Juli herrscht. Die Suche nach einem AR- und einem Vorstandschef zog sich immer weiter in die Länge. Kerkhoff kennt das Unternehmen in- und auswendig und war in den vergangenen Wochen auf Investoren wie dem US-Hedgefonds Elliott und dem schwedischen Finanzinvestor Cevian zugegangen, die mehr Rendite sehen wollen. Dennoch überraschte der zunächst nur zum Interimschef ernannte Manager am Donnerstag mit seinem Vorstoß, das traditionsreiche Industriekonglomerat aufzuspalten.

Aus ThyssenKrupp soll nun zum einen ein Werkstoffkonzern (ThyssenKrupp Materials) mit knapp 40.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von etwa 18 Milliarden Euro entstehen, der sich auf das Stahlgeschäft und den Werkstoffhandel konzentriert. Abgespalten werden die Geschäfte mit Aufzügen, Zulieferungen für die Automobilindustrie und der Anlagenbau. Sie werden in einem Industriegüterkonzern (ThyssenKrupp Industrials) gebündelt, der nach Pro-forma-Zahlen mit rund 90.000 mit rund 90.000 Mitarbeitern einen Umsatz von etwa 16 Milliarden Euro erzielt.

BREITE UNTERSTÜTZUNG

“Wir haben eine verantwortungsvolle Lösung gefunden, die den Interessen von Mitarbeitern, Kunden und Aktionären gleichermaßen gerecht wird”, erklärte Kerkhoff. Personalvorstand Oliver Burkhard habe bereits mit den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat eine Grundlagenvereinbarung erzielt. Die Arbeitnehmervertreter zeigten sich zufrieden mit dem Ergebnis. “Thyssenkrupp war keinen Tag führungs- und kopflos. Das hat die einstimmige Entscheidung heute deutlich gezeigt”, sagte der stellvertretende Aufsichtratschef Markus Grolms Reuters. Die stellvertretende Konzernbetriebsratsvorsitzende Susanne Herberger betonte, dass durch die Vereinbarung mit dem Vorstand betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen seien. “Mit der heutigen Entscheidung ist eine Zeit der Unsicherheit beendet worden. Ein Ausverkauf ist verhindert worden.” Der Reuters vorliegenden Vereinbarung zufolge muss die finanzielle Tragfähigkeit der beiden künftigen Unternehmen gewährleistet sein und von Wirtschaftsprüfergutachten belegt werden.

Auch der größte Einzelaktionär, die Krupp-Stiftung, sagte Kerkhoff bei seinem Kurs Unterstützung zu. “Dieser Vorschlag besitzt eine überzeugende industrielle Logik.” Die Stiftung stehe voll hinter dem Vorstand. Cevian, mit 18 Prozent zweitgrößter Einzelaktionär, hatte den Vorstoß ebenfalls befürwortet. Der Cevian-Vertreter im Aufsichtsrat, Jens Tischendorf, werde künftig auch im Prüfungsausschuss sitzen, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person Reuters. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hob hervor, dass Arbeitnehmervertreter und Anteilseigner an einem Strang zögen. “Es ist wichtig, dass die Unternehmensführung betont, dass durch die Spaltung des Unternehmens der Erhalt von Arbeitsplätzen nicht gefährdet werden soll.”

LANGWIERIGE ANGELEGENHEIT

“Kerkhoff hat gezeigt, dass er veränderungsbereit und seiner alten Linie nicht treu geblieben ist”, sagte der Fondsmanager von Union Investment, Ingo Speich, Reuters. Das sei ein Schritt in die richtige Richtung. “Auf der anderen Seite hat er natürlich ein Glaubwürdigkeitsproblem, da er jahrelang eine Aufspaltung abgelehnt hat. Wenn er sich in wenigen Wochen dreht, stellt sich die Frage, wofür er wirklich steht.” Für eine Bewertung der geplanten Aufspaltung sei es zu früh. “Was in welchem Zeitraum umgesetzt wird, ist offen. Aber es zeigt, dass man Reformwillen hat und das ist positiv zu bewerten.”

Bis zu 18 Monate kann es dauern, ehe eine Hauptversammlung über die Pläne abstimmen soll. Schon die Umsetzung des Stahl-Joint-Ventures mit Tata wird viele Managementkapazitäten binden. Durch den Umbau wird sich der Konzern nun noch stärker mit sich selbst beschäftigen. Und es dürfte teuer werden. Die Experten der HSBC rechnen mit Kosten von rund einer Milliarde Euro. Diese Schätzung sei hoffentlich zu hoch, sagte der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer. Da sei selbst die Abspaltung der Kraftwerkstochter Uniper von E.ON günstiger gewesen.

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