August 31, 2018 / 10:08 AM / 21 days ago

Krupp-Stiftung will kein Gralshüter sein

- von Christoph Steitz und Edward Taylor

FILE PHOTO: The logo of Thyssen Krupp AG at the ThyssenKrupp steel plant in Duisburg, Germany, September 20, 2017. REUTERS/Wolfgang Rattay/File Photo

Frankfurt (Reuters) - In der Krise des Mischkonzerns Thyssenkrupp kämpft die Krupp-Stiftung mit einem Missverständnis.

In der Satzung der Stiftung, die mit rund 21 Prozent größter Einzelaktionär des Dax-Konzerns ist, hießt es, sie solle darauf achten, dass “die Einheit dieses Unternehmens möglichst gewahrt und seine weitere Entwicklung gefördert wird.” Dazu passt, dass Stiftungschefin Ursula Gather in der Debatte um die Zukunft des über 200 Jahre alten Traditionsunternehmens sich stets gegen eine Zerschlagung ausgesprochen hat. Doch dass heißt nicht, dass die Stiftung ein Bollwerk gegen jegliche Veränderungen sein will. Das betonte Gather in einem Brief an das Kuratorium, in den die Nachrichtenagentur Reuters Einblick hatte.

“In allen Fällen wird deutlich, dass Einheit kein Selbstzweck ist, sondern sich ‘dynamisch’ am langfristigen Wohl des Unternehmens zu orientieren hat”, schreibt Gather darin. “Solchen Entscheidungen ist es zu verdanken, dass Krupp heute noch existiert.” Neben dem schwedischen Finanzinvestor Cevian, der rund 18 Prozent der Anteile hält, und den Arbeitnehmervertretern mitsamt der IG Metall spielt die Stiftung eine entscheidende Rolle dabei, wenn es um den künftigen Kurs des Konzerns mit rund 160.000 Mitarbeitern geht.

KEINE ZERSCHLAGUNG - ABER AUCH KEIN EINFACHES “WEITER SO”

Die Mathematikerin und Rektorin der Technischen Universität Dortmund sitzt nicht nur im Aufsichtsrat des Konzerns, sondern auch im Nominierungsausschuss, der derzeit fieberhaft nach einem Nachfolger des zurückgetretenen Aufsichtsratschef Ulrich Lehner sucht. Lehner hatte vor wenigen Wochen die Brocken kurz nach dem Abgang von Konzernchef Heinrich Hiesinger hingeworfen - beide verwiesen auf eine mangelnde Unterstützung durch die Investoren, was auch als Kritik an Gather verstanden wurde.

Lehner und Hiesinger hatten eine Zerlegung des Konzerns strikt abgelehnt. Die Vorstellungen reichen hier von einem Teil-Börsengang der profitablen Aufzugssparte, über einen Verkauf des Werkstoffhandelsgeschäfts bis hin zu einer Holding mit angehängten Geschäften mit Autoteilen, Anlagen, Fahrstühlen und U-Booten. Cevian und der US-Hedgefonds Elliott drängen darauf, den Konzern auf Rendite zu trimmen und Teile gegebenenfalls abzustoßen. “Die Frage ist, ob die Stiftung eine revolutionäre Strategie mittragen kann, nachdem der evolutionäre Kurs des Vorstands nicht verfangen hat”, sagte eine mit der Strategie des Konzerns vertraute Person. “Und ob ein revolutionärer Ansatz vereinbar ist mit der Zurückweisung einer Zerschlagung.”

AUCH BEITZ SEGNETE FUSION AB - HIESINGER STIESS GESCHÄFTE AB

Die Stiftung selbst muss sich wegen ihres gemeinnützigen Charakters mit Strategievorschlägen zurückhalten. Zugleich kann sie im Bündnis mit den Arbeitnehmervertretern Entscheidungen im Aufsichtsrat blockieren. In dem 20-köpfigen Gremium haben die Arbeitnehmervertreter zehn Sitze und die Stiftung zwei.

Gather selbst muss sich gegen Vorbehalte wehren, zu wenig vom Geschäft zu verstehen und zu Cevian & Co kein ebenbürtiges Gegengewicht zu bilden. Die 65-Jährige habe zudem Hiesingers Pläne für das Stahl-Joint-Venture mit Tata Steel nur unzureichend unterstützt. Für Verwunderung sorgten zudem Berichte, wonach Gather mit dem Mehrheitsaktionär des finnischen Konkurrenten Kone, Antti Herlin, über eine Fusion der Aufzugsgeschäfte gesprochen haben soll. Den Kontakt habe Herlin erbeten, der Vorstand von Thyssenkrupp sei stets informiert gewesen, konterte die Stiftung.

Gerne halten Kritiker Gather die 2013 verstorbene Konzern-Legende Berthold Beitz entgegen. Mit dem Ruf des von vielen im Unternehmen bis heute hoch verehrten Patriarchen kann allerdings keiner wirklich mithalten - auch Hiesinger und Lehner nicht. Auch unter Beitz hatte die Stiftung gravierende Veränderungen mitgetragen - etwa die Fusion von Krupp und Thyssen 1999. Und kein Chef des Konzerns hat so viele Geschäfte abgestoßen wie Hiesinger. Unter ihm trennte sich Thyssen vom Edelstahlgeschäft mit der Weltmarke Nirosta ebenso wie vom zivilen Schiffbau, der Tochter VDM oder den Stahlwerken in den USA und Brasilien. Auch am Stahl-Joint-Venture mit Tata dürfte der Konzern nicht ewig festhalten - ein Börsengang ist eine klare Option. All dies geschah mit der Unterstützung der Stiftung. So verschwiegen sie auch ist, ein Bollwerk gegen Veränderungen ist sie nicht - oder wie es der Stifter, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, laut der Internetseite der Stiftung selbst formulierte: “Vorstellungen einer falsch verstandenen Tradition dürfen uns nicht hindern, zu neuen Wegen zu finden.”

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