February 11, 2008 / 5:14 PM / 12 years ago

Merkel hadert mit Erdogans Integrationverständnis

Hamburg (Reuters) - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Warnung des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan an seine in Deutschland lebenden Landsleute vor Assimilation kritisiert.

Die CDU-Vorsitzende hielt Erdogan eine falsche Vorstellung von Integration vor. Integration bedeute, sich in die Lebensweise eines Landes hineinzufinden, sagte sie am Montag in Hamburg. Wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitze, sei Staatsbürger ohne Abstriche. “Die Loyalität gehört dann dem deutschen Staat”, sagte sie in Hamburg. “Deshalb glaube ich, dass wir über das Integrationsverständnis schon auch mit dem türkischen Ministerpräsidenten noch weiter diskutieren müssen.”

Erdogan hatte die Deutsch-Türken am Sonntag auf einer Veranstaltung in Köln vor Assimilation gewarnt. Zugleich betonte er aber auch, wie wichtig das Erlernen der deutschen Sprache sei. Merkel begrüßte diese Äußerungen, unterstrich allerdings, das dauerhafte Leben in einem Land bringe es auch mit sich, die Gewohnheiten in diesem Land anzunehmen. “Deshalb, denke ich, sind wir hier noch nicht am Ende der Diskussion.”

Der Vorsitzende des Islamrats in Deutschland, Ali Kizilkaya, nannte die Aufregung um Erdogan unverständlich. “Assimilation abzulehnen steht doch nicht im Gegensatz zu Integration, sagte er dem “Tagesspiegel” (Dienstagausgabe). “Wir leiden schließlich in Deutschland darunter, dass viele junge Migranten gar keine Identität mehr haben.” Der Regierungschef dürfte vielen Türken aus dem Herzen gesprochen haben, als er seine Landsleute aufgefordert habe, die Ursprungskultur nicht zu vergessen, aber sich zu integrieren und die deutsche Sprache zu lernen.

Auch die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth bewertete die Auftritte Erdogans in Deutschland positiv und monierte, die gegenwärtige Integrationsdebatte sei von großer Unkenntnis geprägt. Erdogan habe dazu beigetragen, nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen die Emotionen einzudämmen. Es sei bemerkenswert, dass er als erster türkischer Regierungschef seine Landsleuten in Deutschland aufgerufen habe, deutsch zu lernen.

SÖDER: ERDOGAN WILL PARTEIGRÜNDUNG IN DEUTSCHLAND WEG EBNEN

Bayerns Europaminister Markus Söder hielt Erdogan vor, ihm gehe es einzig darum, Politik von Ankara aus zu machen. Er halte es für möglich, dass Erdogan mit seinen Äußerungen den Weg für eine türkische Partei in Deutschland bereiten wolle”, sagte der CSU-Politiker der Zeitung “Die Welt” (Dienstagausgabe). Die Integrationsprozesse würde damit aber in die gegenteilige Richtung laufen.

Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck mahnte, beide Seiten seien aufgefordert deutlich zu machen, “dass wir zusammengehören”. Mit den Integrationsbemühungen verbinde die deutsche Seite keinesfalls den Anspruch, “ dass Menschen, die aus der Türkei zu uns gekommen sind, ihre kulturelle oder religiöse Integrität aufgeben müssen”

Merkel wies außerdem Erdogans Vorschlag zurück, Lehrer aus der Türkei zu holen und türkische Schulen in Deutschland einzurichten. Sie glaube nicht, dass dies der Integration diene. Auch Beck nannte es falsch, eigene türkische Schulen oder Hochschulen in Deutschland einzurichten.

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